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Fernsehkritik: „Maybrit Illner“ : Wider den technomorphen Wahnsinn

Bundespräsident Joachim Gauck und der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt im ZDF: Eine ungeheure Spannung Bild: REUTERS

Helmut Schmidt gegen Joachim Gauck: Bei „Maybrit Illner“ wurde man Zeuge einer spannungsgeladenen Europa-Debatte zwischen dem Altkanzler und dem Bundespräsidenten.

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          Die trockenen, elliptischen Antworten von Helmut Schmidt gehören zum Stil der Weissagung, den man vom Altkanzler gewöhnt ist. Seine Antworttechnik setzt auf die apodiktische Verknappung, welche immer nur die Spitze des Eisbergs beschreibt, derweil sich die Zuhörer den Eisberg aus den erhaltenen Hinweisen und Zeichen selbst zusammenreimen sollen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          So kommt die spezielle Schmidtsche Mischung aus Präzision und Vagheit zustande, welche ihrerseits die höhere Instanz der Vernunft zu befragen scheint. „Einsicht“ nannte Schmidt bei Maybrit Illner diese Instanz, zu der er, wenn auch nicht direkt einen privilegierten Zugang, so doch Abkürzungen zu kennen beansprucht, Abkürzungen zur politischen Vernunft, aus denen sich für die Moderatorin wiederum die Erwartung „verlässlicher Antworten“ ergibt.

          Schmidt, Gauck und Maybrit Illner: „Einsicht“ und „verlässliche Antworten“

          Sie hatte diesmal nur Schmidt und den Bundespräsidenten eingeladen, wobei Joachim Gauck die kolloquialen, zwischen Einerseits und Andererseits schwingenden Wellenbewegungen nachlieferte, jene parlierenden Überschüsse, die Schmidts Sache naturgemäß nicht sind, ohne die aber eine Talkshow aufs Orakel verkürzt würde.

          Man kann auch Vernünftiges twittern

          Schmidt eröffnete mit einer Kritik nicht nur am politischen Personal, wie er sagte, sondern an der Gesamtgesellschaft, die eine Gesellschaft von Twitterern und anderen Internetnutzern geworden sei und damit einen gehörigen Schub an Oberflächlichkeit erhalten habe. Der Eisberg, den Schmidt mit dieser Spitze umriss, ist der technomorphe Wahnsinn, dem jede Urteilskraft abgeht. Man muss sich die zu dieser These gehörenden Autoren von Günther Anders bis Roland Reuß im Geiste dazudenken, muss also Schmidts Hinweise und Zeichen jeweils kompetent ergänzen, um am Ende das Gesamtbild einer verlässlichen Antwort zu erhalten, eine Einsicht zu gewinnen gleichsam aus der Stille heraus, die der Altkanzler mit seinen Auslassungen erzeugt.

          Gauck bewies Gespür für die Situation, er hielt inne. Erst in einem späteren Moment der Sendung erlaubte er sich die Bemerkung, dass man ja auch vernünftige Dinge twittern könne. Andere präsidiale Topoi waren die Ermutigung zum kalkulierten Risiko, europaweit wie individuell, das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit sowie das gefasste sich Einstellen auf die Wohlstandsdelle, auf „eine gewisse Begrenzung der Freude am Leben“, die Europa aber „immer noch einen lebenswerten Raum“ sein lasse.

          „Wir sind nicht mehr diese Mörder“

          Als es im besonderen um die Krisenpolitik der Kanzlerin ging, konterte Gauck Schmidts Attacken auf Frau Merkel mit bedingungsloser Solidarität. Die Kanzlerin agiere rational und sei europaweit keinesfalls isoliert. In allen Ländern gebe es politische Akteure, die zu ihr hielten, so der gewiss konsensfähige Minimalbeleg des Bundespräsidenten.

          Da hatte Schmidt aber schon gesagt, die Kanzlerin sei es „zum Teil selber schuld“, wenn sie in anderen EU-Staaten mit der Hakenkreuzbinde karikiert werde. Sie habe in der Krisenpolitik „eine viel zu starke Zentralisierung der ganzen Fragenkomplexe auf ihre Person vorgenommen“. Deutschland dürfe aber gerade nicht den Eindruck erwecken, im Zentrum Europas stehen zu wollen – nicht mit dieser Vergangenheit, in der es Deutsche waren, „die sechs Millionen jüdischer Mitbürger fabrikmäßig umgebracht haben“.

          Gauck verwahrte sich gegen den Eindruck, man habe es mit einer geschichtsvergessenen Kanzlerin zu tun. Aber: „Wir sind nicht mehr diese Mörder“. Auf der Basis von Trauer und Scham komme es jetzt darauf an, in Europa selbstbewusst „Führung zu wahren“. Die unterschiedlichen Akzente im Umgang mit der nationalen Vergangenheit mochten sich bei Schmidt und Gauck ergänzen – zugleich begründen sie aber deren vollkommen unverträglichen Einschätzungen der Merkelschen Europapolitik.

          Eine apolitische Narkotisierung?

          Überhaupt tendierte Gauck dahin, Politik in Anthropologie aufzulösen, derweil Schmidt den reduktiven Plot setzte. Sprach der Altkanzler vom Raubtierkapitalismus, den es zu zähmen gelte, gab Gauck zu bedenken, es gebe auch einen Raubtiersozialismus, einen Raubtierislamismus, ja, das Raubtier in jedem Menschen. Ist das die Auffächerung oder die Aufkündigung des Politischen?

          Mahnte Schmidt an der kurzen politischen Leine die angekündigte, aber ausgebliebene Regulierung der Banken an, so warb Gauck für ein staatsphilosophisches Ausloten der Frage, wieviel Regulierung die Wirtschaft vertrage, ohne darüber ihre notwendige Freiheit einzubüßen.

          Ist das eine apolitische Narkotisierung gegenüber den „Tatsachen“ (Schmidt) oder eine souveräne Würdigung „der Ambivalenz des Menschen und seiner Ordnungen“ (Gauck)?

          Am Ende bedurfte es einer Trivialität, um für die Kamera zusammenzufinden. Der Altkanzler sagte, er hoffe, dass der Bundespräsident mit seinem Vertrauen auf Deutschland recht behalte. Gauck fasste Schmidt am Arm, dankbar lachend, Schmidt lachte zurück. Es war, als löse sich eine ungeheure Spannung.

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