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Fernsehkritik: „Look Before you Kuck“ : Dittsches boshafter Onkel

Die bösartige Ironie seiner Bilder erschloss sich erst auf den zweiten Blick: Heino Jaeger Bild: realistfilm

Loriot meinte, die Deutschen hätten Heino Jaegers Humor wohl nicht verdient. Auch Olli Dittrich gehört zu seinen Bewunderern. Eine Dokumentation bei 3sat erzählt den Werdegang des 1997 gestorbenen Anarcho-Humoristen.

          Wie kommt eigentlich ein Mann mit Bademantel, der gerne in der Imbissbude beim Bier über Außerirdische oder Reise-Gärten philosophiert, ins Fernsehen? Auch Olli Dittrichs WDR-Kultfigur „Dittsche“ hatte Wegbereiter. Der bedeutendste war wohl Heino Jaeger. Dittrich hat das selbst wiederholt erklärt. Eine sonderbare Existenz war der 1938 geborene schmalschultrige Hamburger, der als Kind die Bombardierung Dresdens miterlebt hatte, sich später mit Vorliebe auf der Reeperbahn, in einsamen Landschaften und auf Truppenübungsplätzen herumtrieb.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Hanns Dieter Hüsch entdeckte Jaeger in den siebziger Jahren als Stimmen- und Stimmungsimitator für den Rundfunk, wo Heino als Radioratgeber „Fragen Sie Doktor Jaeger“ mit einerArt holsteinisch-schweizerischem Akzent fingierte Anrufer dazu ermunterte, die Anstößigkeit der Außenwelt als völlig normal zu akzeptieren. Das sei schon alles rechtens und entspreche den Vorschriften, so Doktor Jaegers Standardargument.

          Die Gespenstern der Kindheit

          Treffender würde man Heino Jaeger wohl als Dittsches bösen Onkel bezeichnen. Mit dem Bademantelträger teilte er zwar den vorgeblichen Glauben an extraterrestrische Welten und die Vorliebe für den Hamburger Schnack, aber an Boshaftigkeit übertraf er ihn weit. Eine typische Provokation erzählt der Karikaturist Jürgen vom Tomëi, der mit Jaeger einmal einen denkwürdigen volkstümlichen Abend erlebte. Als Jaeger zum Dirigieren des Orchesters aufgefordert wurde - für gewöhnliche Menschen ein Adrenalinschock -, freute er sich aufrichtig, wünschte sich den Lieblingsmarsch des Führers und wandte sich nach dem Dirigat mit Hitler-Gruß an die Zuhörer. Das wirklich Verrückte dabei: Niemand scherte sich um seine Geste. Zu dieser Zeit und in dieser Gegend galt der Gruß als keineswegs anstößig, auch wenn ihn niemand mehr praktizierte.

          Die vielleicht etwas zu lang geratene Dokumentation von Gerd Kroske, die auch nicht den kleinsten Abgrund Heino Jaegers auszusparen scheint, wirft so auch einen Blick auf die frühe Bundesrepublik in Zeiten eines radikalen Strukturwandels. Das Alte verschwand, ganze Berufsstände starben aus und Kleinbürger, die sich immer nur an Recht und Ordnung gehalten hatten, verstanden die Welt nicht mehr. Jaeger, der einer Generation zwischen Wehrmachtsoldat und Achtundsechziger angehörte und der in späten Jahren in den Alkoholismus und die Psychiatrie abrutschte, konnte und wollte sie seinen Zeitgenossen nicht erklären. Er konnte sie nur spiegeln und verarbeitete dabei wohl auch das eigene Staunen und die eigene Besessenheit von den extremen Prägungen seiner Kindheit: dem Nationalsozialismus und der Obrigkeitshörigkeit.

          1997 starb er in einer geschlossenen Anstalt, in der er bis zuletzt darauf bestanden hatte, Steuern zu zahlen. Das Geheimnis seines anarchischen Humors, der einen zum Lachen reizt und im nächsten Moment durch seine Boshaftigkeit verstört, nahm er, der die letzten Jahre vorwiegend schweigend verbrachte, mit ins Grab. Loriot sagte, die Deutschen hätten seinen Humor wohl nicht verdient gehabt. Am Sonntag lässt sich Abbitte leisten.

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