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Fernsehkritik : Letzte Hoffnung Tokio Hotel

Reich-Ranicki: „Dicker Fisch an der Angel” Bild: dpa

Deutsch kann sexy sein: Als Maischberger-Vertretung versuchte Wolf von Lojewski gestern abend, unsere Sprache zu retten. Marcel Reich-Ranicki, Reinhard Mey und andere halfen wortgewaltig mit. Die Fernsehkritik von Jörg Thomann.

          Vielleicht würde es heute besser stehen um die deutsche Sprache, wenn diejenigen, die einen Feldzug führen für ihre Erhaltung, sich ein wenig entspannter gebärdeten. Die belehrende Attitüde, die Pedanterie, mit der eifrige Sprachpfleger ihren Mitmenschen deren grammatikalische Schwächen unter die Nase reiben, dient oft weniger der Sache als dem Ego der Kritiker. Natürlich ist es ärgerlich, wenn wir alle nur noch mit Notebook und Coffee-to-Go ins Meeting stürzen und dort mit Beamer und Hand-Out eine coole Performance liefern; nicht weniger lästig aber sind Bescheidwisser, die uns das längst allgemein gebräuchliche „Handy“ verbieten wollen, weil es ein solches im „richtigen Englisch“ gar nicht gebe.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zur glaubwürdigen Sprachkritik gehört das Gefühl, und zwar nicht nur eines für die Sprache, sondern auch für Takt. Dem Bestsellerautor Bastian Sick ist es nur deshalb gelungen, die Grammatik zum Volkssport zu erheben, weil er seine Lektionen in lustige Geschichten einflocht - und dennoch mögen viele Sick und dessen Jünger als anstrengend empfinden.

          „Lichtgestalt“ Kampusch?

          Von allen guten Geistern verlassen scheint zweifellos jene Zeitschrift, die soeben bekanntgab, als „Sprachwahrerin des Jahres“ Natascha Kampusch auszuzeichnen: Sie sei eine „Lichtgestalt“ wegen ihrer „Wortgewandtheit“. Letztere freilich ist eine direkte Folge von Kampuschs acht Jahre währender Gefangenschaft, in der ihre einzige Informationsquelle der Radiosender Ö1 war, dessen elaborierte Sprache sie aufsog wie lebensnotwendigen Sauerstoff. Nach der verqueren Logik der Sprachschützer hätte ihrem Entführer mindestens eine lobende Erwähnung gebührt; schwer vorstellbar, dass Frau Kampusch über diesen neuerlichen Versuch, sie zu instrumentalisieren, glücklich ist.

          Sprache ist mehr denn je ein Reizthema und insofern ein naheliegender Stoff auch für eine Talkshow - so am gestrigen Abend, als im Ersten Programm mit Wolf von Lojewski ein weiterer Schwangerschaftsvertreter Sandra Maischbergers wissen wollte: „Deutsch for Sale - Verraten wir unsere Sprache?“

          „Die deutsche Sprache wird nicht untergehen“

          Sprache ist auch ein starker gesellschaftlicher Kitt: Zu welchem anderen Streitpunkt hätte man in einer Sendung den Sänger Reinhard Mey, den Grünen-Veteran Hans-Christian Ströbele, die deutsch-amerikanische Kabarettistin Gayle Tufts und Marcel Reich-Ranicki versammeln können? Letzteren stellte Lojewski launig vor als „dicken Fisch an der Angel“ - und wie die beiden so wortgewandten wie junggebliebenen Herren sich im folgenden frotzelnd darum stritten, wer hier die Rute in der Hand hielt, das allein hatte das Einschalten schon gelohnt.

          So spendete der Literaturkritiker dem Gastgeber, der sich beim Moderieren unübersehbar gern zuhörte, ein spöttisches Lob für dessen „dollen Prolog“, in dem Lojewski seine sechs Gäste sehr eloquent und sehr ausführlich vorgestellt hatte. Und schon ganz am Anfang zog Reich-Ranicki sein Fazit: „Die deutsche Sprache wird nicht untergehen.“ Hysterie und Panik seien fehl am Platz, die Maischberger-Redaktion habe wohl einfach „kein besseres Thema gefunden“. Debattiert wurde im folgenden natürlich trotzdem. Bis es Reich-Ranicki irgendwann zu bunt wurde: „Meine Frage ist: Ich weiß nicht, worüber wir hier diskutieren.“

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