https://www.faz.net/-gqz-vd4a

Fernsehkritik: „Kid Nation“ : „Ich bin zu jung, um das mitzumachen“

  • -Aktualisiert am

Nachschub für „Bonanza City” Bild: AP

In der amerikanischen Reality-Serie „Kid Nation“ sollen vierzig Kinder in der Wüste von New Mexico eine Gemeinde aufbauen. Über das Konzept wurde heftig gestritten. Nina Rehfeld hat sich die Sendung angesehen. Und ist fast enttäuscht.

          „Sowas ist mir in Chicago noch nie, nie, nie passiert!“, sagt ein zwölfjähriger Junge, während er grinsend eine Ziege durch eine staubige Wüstengegend in New Mexico zerrt. Vor wenigen Minuten erst ist er hier mit 39 anderen Kindern zwischen acht und 14 abgesetzt worden, nun zerren sie Ziegen und Karren mit ihrem Gepäck zu einem pittoresken kleinen Westerndorf in der Ödnis.

          Offenbar sind sie weitgehend ahnungslos, worauf sie sich hier eingelassen haben. Schon nach ein paar Stunden klagen die ersten irritiert, sie hätten eher ein Sommercamp-Abenteuer erwartet als dies hier: dünne Jugendherbergsmatten als Betten, ein einziges Klo für vierzig Kinder und die Notwendigkeit, auf Gedeih und Verderb selbst zu kochen - was prompt schief geht: der erste, total überladene Nudeltopf wird von der resoluten Sophia in den Staub gekippt, der zweite ergibt eine klebrige Pampe, die immerhin den Hunger stillt. Manche Mutter mauliger Gourmets wird hier klammheimlich das Feixen bekommen haben, und spätestens an dieser Stelle denkt man sich: Wie soll das denn funktionieren?

          Natürlich ist die Pippi-Langstrumpf-Prämisse von „Kid Nation“, 40 Kinder total auf sich selbst gestellt eine Gemeinde etablieren zu lassen, angemessen unscharf. Alle paar Tage taucht wie aus dem Nichts der Moderator Jonathan Karsh auf, trommelt die Kinder zusammen und regt grundlegende Strukturen an, die jubelnd umgesetzt werden. So viel zur bereits im Vorfeld beklagten Reality-Version vom „Herrn der Fliegen“ (siehe: Amerika streitet über „Kid Nation“).

          40 Kinder zwischen 8 und 15 Jahren

          Keine blutigen Kinderhände, keine Duelle

          Angesichts der hellen und weitgehend spekulativen Entrüstung im Vorfeld (CBS hatte vorab nicht einmal der Presse eine Folge zugänglich gemacht), ist man fast enttäuscht - keine blutigen Kinderhände, keine Ohnmachten, keine Duelle mit rostigem Küchenwerkzeug. Es fließen allerdings Tränen, und nicht zu knapp - zwei der Kurzen werden regelrecht geschüttelt vor Verzweiflung über das ferne Elternhaus oder die Angst vor einer unterschätzten Herausforderung. „Ich glaube, ich bin zu jung, um das mitzumachen. Ich wünschte, ich wäre älter“, schluchzt der achtjährige Jimmy, der sich an einer Hauswand zusammengekauert hat, und die Kamera hält erbarmungslos drauf. Laura, eine der vier vorab ernannten „Leaders“, nimmt sich seiner an und macht ihm Mut: „Du machst das klasse. Wir schaffen das zusammen, okay?“ Man darf wohl annehmen, dass die Anwesenheit der Kameras Verzweiflung und demonstrative Hilfsbereitschaft gleichermaßen verstärken.

          Die abzusehenden Konflikte in einem halben Schulhof voller Kinder lassen nicht lang auf sich warten: Der neunmalkluge Mike, einer der Leader und ein „erfahrener Pfadfinder“, der sich hin und wieder in hohlen Phrasen wie aus dem Motivationstrainer-Handbuch verfängt, legt sich mit einem überheblichen Vierzehnjährigen namens Greg an, der kühle Verachtung ausstrahlt und mit Schubsereien und einer nächtlichen Graffiti-Aktion („blue rules!“) das kriminelle/unkooperative Element symbolisiert.

          Erst Gruppen, dann Kasten

          Doch nicht die Kinder bauen hier eine Gesellschaft, sondern das Konzept des CBS-Produzenten Tom Forman leitet sie dazu an. Karsh teilt die Vierzig erst in vier Gruppen, dann im Zuge eines Wettbewerbs in gesellschaftliche Kasten auf - die Gewinner eines Wasserpumpspiels werden zu Besserverdienenden mit einem Dollar Lohn am Tag, die Verlierer gehören fortan zur Arbeiterschaft, die zehn Cent erhält. Dazwischen stehen Kaufleute (50 Cent) und Köche (25 Cent), und im Nu hat man David Milchs Westernserie „Deadwood“ vor Augen, die den amerikanischen Charakter nicht im noblen Pioniergeist mutiger Landerkunder, sondern in der rücksichtslos-rauen Gier einer schlammigen Siedlung am Rande der etablierten Gerichtsbarkeit verwurzelt sieht.

          Prompt schälen sich die Grundkonflikte einer profitgetrieben Gesellschaft aus dem Kinderdorf: Während Sophia, die in der Arbeiterkaste gelandet ist, mit „Tanzstunden“ auf dem Dorfplatz genügend Almosen verdient, um das Fahrrad für drei Dollar aus dem Gemischtwarenladen Erwerben zu können, sind die Köche zu müde zum Abwaschen des vielen Geschirrs, was bei der Kritikrunde der ersten Ratsversammlung prompt zu einem kleinen Tumult führt: Die „Leader“ seien nichts wert, wenn die Dinge so liefen, lautet die Klage. Michael, der schon am ersten Tag im Anfangs-Chaos mit einer kleinen Rede Einheit stiftete, gibt zu bedenken, dass es gelte, sich als Freunde, nicht als Übergeordnete und Untergebene zu betrachten.

          Zumindest einer, der sich für zu jung für diesen Quatsch hält

          Doch CBS zimmert unbeirrt weiter an den Grundfesten der Profitgesellschaft. Bei der ersten Ratsversammlung wird enthüllt, dass alle paar Tage dem jeweils verdientesten Mitglied der Gemeinde ein goldener Stern im Wert von 20.000 Dollar winkt. Als erste bekommt ihn die Arbeiterin Sophia verliehen. „Mir ist ganz warm innen drin“, sagt sie fassungslos, und man kann an manchen Gesichtern bereits die stille Verfassung einer Strategie zur Erheischung eines solchen Schatzes ablesen. In einer Sekunde ist die Unschuld des Kinderdorfes dahin. „Ich glaube, die Moral ist gerade durch die Decke geschossen“, sagt Mike arglos. „Jetzt werden wir viel mehr Spaß haben.“

          Die Ratsversammlung ist auch die Chance zum Aussteigen. Sophia, die furchtbar unter Heimweh litt, beißt sich auf die Lippe und entscheidet sich zum Bleiben. Jimmy dagegen, der Achtjährige, hebt nach langem Zögern die Hand. Er wird gehen, und der goldene Stern, die rührenden Bemühungen seiner Kumpels in den letzten Tagen und die zahllosen guten Zurufe von allen Seiten jetzt können ihn nicht umstimmen. Zumindest einer, der sich für zu jung für diesen Quatsch hält.

          Weitere Themen

          Flucht in die heile Adelswelt

          „Downton Abbey“ im Kino : Flucht in die heile Adelswelt

          „Downton Abbey“, der Kinofilm, ist das polierte Produkt der Brexit-Jahre: ein nostalgischer Blick auf die Welt des englischen Adels und eine Aufforderung, sich vor der politischen Gegenwart zu verstecken.

          Topmeldungen

          Künast hat sich bei zahlreichen Gelegenheiten von der früheren Position mancher Grüner distanziert.

          Hass-Posts gegen Renate Künast : Erlaubt ist alles

          „Stück Scheiße“, „Schlampe“, „Drecksau“ – solche und noch krassere Kommentare prasselten auf Renate Künast ein. Das Landgericht Berlin sieht darin keine persönliche Schmähung, sondern nur zulässige Sachkritik.

          „Downton Abbey“ im Kino : Flucht in die heile Adelswelt

          „Downton Abbey“, der Kinofilm, ist das polierte Produkt der Brexit-Jahre: ein nostalgischer Blick auf die Welt des englischen Adels und eine Aufforderung, sich vor der politischen Gegenwart zu verstecken.

          Baden-Württemberg : Grüne mit 38 Prozent auf Rekordhoch

          Winfried Kretschmann will bei der kommenden Landtagswahl wieder als Spitzenkandidat antreten. Bei den Wählern im Südwesten stößt das auf große Zustimmung.
          Retourkutsche: Oliver Bierhoff reagiert auf die Angriffe aus München.

          Torwartdebatte : Bierhoff weist Hoeneß-Kritik zurück

          Der DFB reagiert auf die Angriffe aus München: DFB-Direktor Oliver Bierhoff weist die Kritik von Uli Hoeneß zurück. Der Bayern-Aufsichtsratschef hatte den DFB wegen der Haltung in der Torwartdebatte um Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen kritisiert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.