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Fernsehkritik: „Ich kann Kanzler!“ : Bildet Euch unsere Meinung

  • -Aktualisiert am

Könnte er Kanzler? Jörg Pilawa moderierte die ZDF-Castingshow „Ich kann Kanzler“ Bild: dpa

Das ZDF suchte das politische Nachwuchstalent 2012 – und fand eine Fürsprecherin für die Kita-Pflicht. Sehenswert war die Sendung, weil sie vorführte, in welcher Rolle sich das Fernsehen im politischen Prozess immer noch sieht, selbst wenn die Fundamente längst wackeln.

          Einer, der hartnäckig Kanzler zu können glaubt, Frank-Walter Steinmeier, hat vor zwei Tagen verlauten lassen: „So viel Dilettantismus wie bei Röttgen und Rösler habe ich selten gesehen.“ Die Revanche der Gescholtenen wird kaum anders klingen. Nur zu gerne werfen sich Politprofis Amateurhaftigkeit an den Kopf, wenn sie einander diskreditieren wollen. Das ist seltsam antiquiert, denn der Status des Amateurs ist längst zur zentralen Voraussetzung für eine rasante Karriere im Politbusiness avanciert. Nicht wer Politikertugenden wie abwägende Umsicht oder Verständnis für komplexe soziale und juristische Materien am trefflichsten und unauffälligsten erfüllt, wird mit Zuspruch belohnt, sondern der, der rhetorisch überspitzt und sich am resolutesten absetzt, am besten gleich von der gesamten Kaste.

          Das ist kein Unfall, sondern systemisch: Mediale Demokratien – und in dieser leben wir, keineswegs in einer flüssig-basisdemokratischen – funktionieren eben ein Stück weit wie jedes mediale Ereignis. Kein Starsystem ohne Profit durch Allüren. Bislang aber ging der erfolgreiche Auftritt des Amateurs mit einer starken Überzeugung einher: Nicht nur die Grünen, auch mancher Gewerkschafter und mancher Unternehmer haben so ihre politische Karriere gestartet. Dass gegenwärtig eine Bande von Dilettanten allein mit dem frechen Beharren auf Dilettantismus – Programm folgt irgendwann – den gesamten Politikbetrieb durcheinander zu würfeln beginnt, mag manch einen mit Genugtuung erfüllen, weil nicht wenige saturierte Selbstdarsteller ins Schwitzen geraten und eingeschliffene Koalitionen plötzlich nicht mehr möglich sind. Und doch handelt es sich wohl eher um ein Symptom für Politikverdrossenheit denn für die Wiederkehr der Lust am Politischen.

          Eine Sendung, die in die Zeit passt

          Auf jeden Fall aber ist eine Sendung wie „Ich kann Kanzler!“ in einer Phase, in der die Facebook-Generation Politikaufmischung spielt, sehr viel zeitgemäßer als noch zwei Jahre zuvor, als das ZDF die erste Staffel ausstrahlte und miserable Quoten einfuhr. Im Vordergrund der Casting-Show steht die Suche nach dem größten politischen Nachwuchstalent des Jahres. Doch in gewisser Weise legen hier die alten, moderierten und gesellschaftlich kontrollierten Medien ihre Mechanismen offen: Wir sehen, wie Meinungsbildung funktioniert. Das Volk (in diesem Fall das Studiopublikum) darf wählen, doch erst nachdem die Experten die Kandidaten beurteilt haben. Für eine solche Entscheidungshilfe gibt es im wahren Leben auch gute Gründe, sofern die Experten tatsächlich solche sind.

          Keine Jury aus Juristen oder Politikern, sondern den allseits bekannten Mediengesichtern: Jörg Pilawa mit Oliver Welke, Maybrit Illner und dem Politikberater Michael Spreng (v.l.)

          Hier aber hat man für die Jury (die so hieß, auch wenn sie nicht direkt entschied) keine Fachleute – also Juristen, Volkswirtschaftler etc. – ausgewählt, sondern bekannte Fernsehgesichter: Maybrit Illner, Oliver Welke sowie den omnipräsenten „Politikberater“ Michael Spreng. Auch das entspricht leider der Wirklichkeit. Es wurde denn auch alles in allem eine sehr mittelmäßige Sendung: mittelmäßig lustig, mittelmäßig politisch, mittelmäßig spannend. Redeschlachten und Kreuzverhöre hat das ZDF jedenfalls umsonst versprochen. Moderator Jörg Pilawa tat dennoch so, als sei er ganz ernsthaft der Meinung, diese Sendung mit ihren Ratespielchen und Unterschriften-Wettsammlungen auf „Herzblatt“-Niveau (nur nicht ganz so charmant) habe tatsächlich einen politischen Bildungsauftrag.

          Zum Sieg mit der Kita-Pflicht

          Über tausend Menschen hatten sich – mit je einem politischen Hauptanliegen – beworben für das Rennen um die Fernsehkanzlerschaft (und das mit dem Sieg verbundene Preisgeld von 18.000 Euro). In der Vorentscheidung waren die Kandidaten auf fünf reduziert worden, von denen sich eine, die Piratin Susanne Wiest, qua Online-Wahlkampf für das Finale qualifizierte. Wiest vertrat ihre Idee des bedingungslosen Grundeinkommens allerdings mehr als unbeholfen. Auf die Finanzierungsfrage wusste sie einzig zu antworten, es komme „nicht auf das Rechnen an“, nur auf das Wollen. Sie flog denn auch bei der ersten Abstimmung raus, gemeinsam mit dem für die Abschaffung des Erbrechts und aller Subventionen sowie für einen Spitzensteuersatz von achtzig Prozent plädierenden Sozialarbeiter Berthold Wagner.

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