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Fernsehkritik: „Hart aber fair“ : Mensch bleiben in der Talkshow

  • -Aktualisiert am

„Hart-aber-fair“-Moderator Frank Plasberg Bild: WDR/Herby Sachs

Nachttalker Domian und Theologin Käßmann streiten darüber, wie frei ein selbstbestimmter Tod sein kann – und Moderator Frank Plasberg will viel zu wenig genau wissen. Eine „faire“ Debatte, aber ohne „harte“ Tabubrüche.

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          In die Kontroverse um Sterbehilfe ist in den letzten Wochen wieder etwas Bewegung gekommen: innerhalb der Regierungskoalition wird über das Verbot geschäftsmäßigen assistierten Suizids gestritten, in der Öffentlichkeit wurde nach einer Entscheidung des Verwaltungsgerichts Berlin zur Frage, inwieweit eine Ärztekammer einem Arzt Beihilfe zum Suizid untersagen darf, mit Verve über die Rolle des Arztes als Sterbehelfer und Sterbegleiter debattiert.

          Gleichzeitig hat die Entwicklung in den Niederlanden, wo Hausärzte sich zunehmend der aktiven Sterbehilfe verweigern, dafür aber mobile Sterbehelfer-Teams durch das Land reisen, um Patienten auf deren Verlangen zu töten, Besorgnis ausgelöst. Von alledem war in Frank Plasbergs Sendung „Hart aber fair!“ aber nicht die Rede. Dort sollten sich die Gäste mit dem eher missglückt formulierten Thema „Die letzte Aufgabe: Mensch bleiben am Ende des Lebens!“ befassen: welche Möglichkeiten sollte der Sterbender denn sonst wählen können, als Mensch zu bleiben? Und wer wollte sich anmaßen ihm „letzte Aufgaben“ zu stellen?

          Der richtige Ort?

          Auch wenn der Titel der Sendung irritierte - die Idee, an die Stelle des bioethischen und rechtlichen Streits ein Gespräch über die letzten Tage im Leben und einen menschlichen Tod zu setzen, war gut, auch wenn man sich fragen muss, ob für ein so erzählerisch angelegtes Thema eine auf Kontroverse angelegte Sendung mit dem Titel „hart aber fair“ überhaupt der richtige Ort sein kann. Aber darauf kommt es letztenendes nicht mehr an, denn umgesetzt wurde die Idee des ganz anderen Ansatzes für eine Sendung über Sterbebegleitung leider nicht. Schon dass Frank Plasberg gleich zu Beginn der Sendung seine Gäste mit den Stichworten „Sterbehilfe“ und „juristische Konsequenzen“ von ihren Geschichten weg zu locken versuchte, stimmte skeptisch.

          Domian - dominat und redselig

          Plasbergs Kollege Jürgen Domian, der sein neues Buch über den Tod präsentierte und mit der Botschaft ins Studio gekommen war, Selbstbestimmung im Sterben zu fordern, lenkte die Sendung dann konsequent auf den üblichen Weg.

          Selbstbestimmungsrecht – das heißt für den in der Plasberg-Sendung dominanten und redseligen WDR-Nachttalker nämlich, dass er das Recht darauf haben will, auf sein Verlangen hin durch einen Arzt getötet zu werden, wenigstens aber von einem ausgebildeten Mediziner Assistenz beim Suizid in Anspruch nehmen zu können.

          Die Theologin Margot Käßmann hielt als einzige in der Runde konsequent und mit klaren Worten dagegen – mit dem allerdings auch nicht gerade überraschenden Einwand, dass das Verlangen Domians nach dem Freiheitsrecht seinen Tod zu bestimmen zwar nachvollziehbar sei, aber doch die erhebliche Gefahr bestehe, dass viele Menschen, hätten sie die Gelegenheit, sich nicht wirklich freiwillig für die Herbeiführung eines schnellen Todes entschieden, sondern weil sie sich genötigt sähen und anderen nicht durch ihre Hilfsbedürftigkeit zur Last fallen würden.

          Nicht „hart aber fair“ nachgefragt

          Interessanter eigentlich, weil widersprüchlicher waren die Äußerungen des Musikmanagers Thomas M. Stein, der sich in der Sendung für aktive Lebensverkürzung aussprach und fragte, warum an ein gelebtes Leben noch 4 Wochen drangehängt werden müssten, der aber gleichzeitig berichtete, dass er den Wunsch seiner Frau nach Beihilfe zum Suizid nicht nachgekommen war, weil er eine moralische Verpflichtung spürte, das nicht zu tun.

          Dieser Überlegung spürte aber niemand nach und es wollten auch weder der Moderator noch ein Studiogast wissen, ob denn die Aufforderung der schwer krebskranken, im Rollstuhl sitzenden Ehefrau, sie in die kalte Winternacht zu schieben und dort erfrieren zu lassen, wirklich nachhaltig ernst gemeint war und wie sie auf die Weigerung ihres Ehemannes das zu tun reagiert hatte.

          Der Palliativmediziner Matthias Thöns dagegen hatte zu Beginn der Sendung noch eine Art Garantieversprechen gegeben, dass seine Disziplin dafür sorgen könnte, dass niemand unter unerträglichen Schmerzen sterben müsste. Später äußerte er dann aber in Anschluss an die Schilderung eines von ihm behandelten schwer krebskranken Patienten, dass es „in extremen Fällen“ legitim sein müsste, dass ein Arzt einen Patienten, der starke Schmerzmittel zu Hause hat, „ darauf hinweist, dass es lebensgefährlich ist, die Flasche auszutrinken“ - leider hat niemand „hart aber fair“ nachgefragt, warum er Thöns in diesem Fall nicht zu der zuvor von ihm gepriesenen Methode der palliativen Sedierung gegriffen hatte oder ob sich aufgrund seiner konkreten Erfahrung seine Auffassung zum berufsrechtlichen Verbot des assistierten Suizides verändert hat.

          Konventionell und uninspiriert

          Stattdessen rauschte der Talkstrom weiter und mündete schließlich in die so allgemeine wie zutreffende Kritik der an diesem Punkt einigen Diskutanden, dass gerade die ambulante Palliativversorgung ungenügend ausgebaut ist, dass der palliativmedizinische Ausbildungsstand der Ärzteschaft verbesserungsbedürftig erscheint und es auch längst noch nicht ausreichend Plätze auf Palliativstationen und in stationären Hospizen gibt.

          Diese wenig spektakuläre, an Überraschungen und klaren Akzentsetzungen arme Ausgabe von „hart aber fair“ entfaltete leider auch in ihren eher leisen Tönen keine Spannung, weil Redaktion und Moderator nur vorgaben, neugierig zu sein – auf charakteristische Weise deutlich wurde das in dem mit seichtem Klaviergeklimper unterlegten Einspielfilm, in dem eine Passage aus Domians Buch über das Sterben seines Vaters bebildert mit einem Gang des Autors über den Friedhof auf die eine denkbar konventionelle und uninspirierte Weise aufbereitet wurde.

          Dass in unserer Gesellschaft, wie die ARD in ihrer Ankündigung der Sendung behauptete, „der Tod Tabu geworden (ist)“ kann damit endgültig als widerlegt gelten: so routiniert lächelnd, unaufgeregt und spannungsarm wie in diesen 75 Minuten werden keine Tabus gebrochen.

          Mehr zum Thema: Margot Käßmann gegen organisierte assistierte aktive Sterbehilfe auf Verlangen ohne Einwilligung

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