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Fernsehkritik: „Günther Jauch“ : (K)eine Debatte auf Peter-Hahne-Niveau

  • -Aktualisiert am

Nach dem Tod der 11 Jahre alten Chantal in Hamburg ließ Günther Jauch in seinem gleichnamigen Talkformat diesmal über Pflegeeltern und den Sozialstaat im Allgemeinen diskutieren Bild: dpa

„Hilfeschreie, die niemand hört - wer versagt beim Kinderschutz?“ So fragte gestern Abend Günther Jauch. Zum Glück erfuhren wir mehr als platte Schuldzuweisungen.

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          Menschen haben Vergangenheit. Das bedeutet gelebtes Leben. Nicht immer verläuft es so, wie es bei „normalen Spießern“ zu erwarten wäre. Diesen Begriff benutzte gestern Abend der SPD Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs.

          Eine Vergangenheit als Junkie und Strafgefangener in einem süddeutschen Knast wegen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz gehört sicherlich nicht dazu. Vor mehr als zehn Jahren bemühte sich dieser Mann mit Vergangenheit zusammen mit seiner Frau darum, Pflegeeltern zu werden, weil sie selber ungewollt kinderlos geblieben waren. Sie bekamen auch Kinder, die Ämter kannten das gelebte Leben, und sie sind um sie so bemüht, wie sich Eltern halt um ihre Kinder mühen. Sie versuchen ihr Bestes.

          Nur sind das zum Teil Kinder, die in Verhältnissen hinein geboren wurden, die sich eine Durchschnittsfamilie nicht vorstellen kann. Wo Drogen, Gewalt, Vernachlässigung und Überforderung, auch sexueller Missbrauch das Leben bestimmt haben – und Erziehung daher für die neuen Eltern ein härteres Brot ist als etwa beim Fernsehkritiker. Nach der Sendung von gestern stellt man sich eine Frage: Würden einem solchen Paar heute noch Kinder anvertraut werden?

          Keine Erklärung, was schief gelaufen ist

          Der Anlass der Sendung war das Schicksal der 11 Jahre alten Chantal aus Hamburg-Wilhelmsburg, die an einer Überdosis Methadon gestorben war. Die Umstände ihres Todes sind bis heute nicht aufgeklärt. Aber in der Öffentlichkeit, und auch bei Jauch, ging es vor allem um eine Frage, die Chantals Pflegemutter in einem Einspieler formulierte. Die Pflegeeltern waren bekanntlich drogenabhängig und in einem Methadonprogramm: „Nur sind wir deshalb keine schlechten Mütter.“

          Chantals Lebensumstände sprechen dafür, dass das doch so gewesen war – und dies ist anscheinend weder dem verantwortlichen Hamburger Jugendamt, noch dem für die Eltern zuständigen freien Träger aufgefallen.

          Kahrs war daher nach 18 Jahren von seinem Amt als Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses in seinem Bezirk Hamburg-Mitte zurückgetreten. Er gehört nicht zu der Sorte Politiker, die gerne Positionen aufgeben, die mit Einfluss verbunden sind. Die Vergütung ist dabei von eher peripherer Bedeutung. Er hat bis heute keine Erklärung dafür gefunden, was schief gelaufen ist. Es habe bei Chantal weder an Geld, noch am Personal für die Betreuung gefehlt. Er sprach von einer „kollektiven Fehleinschätzung“ der mit Chantal befassten Mitarbeiter.

          Ein Haartest bei den Kindern von Christoph Daum?

          Zu Anfang der Sendung wurde durchaus ein anderer Eindruck erzeugt. Etwa mit einem Einspieler, der in Bremen bei Kindern von Drogenabhängigen erschreckende Ergebnisse zu Tage förderte. So wurden mit Haartests bei 97 von 122 untersuchten Kindern Drogenkonsum nachgewiesen. Dieser Test wird aber in den anderen Bundesländern abgelehnt, weil man solche Eltern nicht unter einem „Generalverdacht“ stellen wolle. Es ist ein schwerer Eingriff in die Grundrechte von Staatsbürgern, wenn sie allein wegen eines einzigen Merkmales zu solchen Tests verpflichtet werden – und ohne dass es ansonsten konkrete Anhaltspunkte dafür gibt, die das Eingreifen des Staates rechtfertigen könnten. Oder hätte jemand die Kinder von Christoph Daum testen wollen?

          Der für seine flotten Sprüche bekannte Berliner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky bekam zwar gleich „das Kribbeln“ als er den Begriff „Generalverdacht“ hörte. Das Kribbeln hinderte ihn aber nicht daran, die „zwiespältige Situation“ zu schildern, in denen sich Jugendämter und die Gerichte tatsächlich befinden. Reagieren sie zu früh, droht die Kritik wegen der Verletzung der Elternrechte, reagieren sie gar nicht oder unzureichend wie bei Chantal, wird ihr zu spätes Eingreifen kritisiert. Hier war die 27 Jahre alte Sozialarbeiterin beim Jugendamt Gelsenkirchen Marita Meissner ein Lichtblick. Sie machte aus ihrer praktischen Erfahrung und mit ihrem Sachverstand deutlich, worum es geht. Nämlich zwischen der Fürsorgepflicht des Staates bei akuten Notfällen und dem Schaden abzuwägen, den die Herausnahme eines Kindes aus der Familie wegen „des Abbruchs von Bindungen und Beziehungen“ auslösen kann. Es gibt eben, so Frau Meissner, keine „pauschalen Beurteilungskriterien.“

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