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Fernsehkritik: „Gottschalk Live“ : Ohne mich wird es sehr öde!

Bildungsauftrag zuletzt erfüllt, trotzdem abgesetzt: Thomas Gottschalk, hier auf einer Archivaufnahme vom 18. April Bild: dpa

Thomas Gottschalk verabschiedet sich aus dem ersten Programm mit bestem öffentlich-rechtlichen Unterhaltungsfernsehen. Er hält den Sendergewaltigen einen Spiegel vor.

          Das ist schon beschämend. Nicht die Quoten, die Thomas Gottschalk mit seiner Sendung im Vorabendprogramm der ARD eingefahren hat. Die sind unschön, zu niedrig, um wahr zu sein. Nein, beschämend ist, dass an seinem Stuhl schon gesägt wurde, bevor er darauf Platz genommen hatte, dass die Sendung von einem einzigen Lamento begleitet wurde und – dass Thomas Gottschalk sich mit einer Programmidee verabschiedet, die zwar wiederum nicht für Bombenquoten sorgt, aber dem Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens entspricht wie nur wenig anderes, das den Gebührenzahlern – und also uns allen – angeboten wird.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das Motto: Tue Gutes und rede darüber. Beziehungsweise: Zeige die, die Gutes tun, worüber sonst im Fernsehen kaum jemand spricht und die man dort auch höchst selten zu sehen bekommt. Verbreite gutes Karma mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln. Und – das ist der Nebeneffekt – halte denen, die von ihrem Bildungs- und Kulturauftrag nur dann reden, wenn es darum geht, an Geld zu kommen, den Spiegel vor. Genau das war zuletzt das Konzept von „Gottschalk Live“.

          Im Anfang war der Klatsch

          Nun ist es nicht so, dass der Entertainer zuvor nicht auf das leichte Fach ohne moralischen Tiefgang gesetzt hätte. Promi-Klatsch- und Tratsch, wie ihn die Boulevardmagazine auf allen Kanälen schon verbreiten, selbstbezogene Monologe und dysfunktionale Dialoge, Langeweile in einer kurzen Sendung – an handwerklichen Fehlern herrschte kein Mangel. Vor allem an solchen, über die sich im Nachhinein bestens und trefflich richten lässt. So wie Joachim Löw gegen achtzig Millionen Bundestrainer antritt, musste sich Gottschalk mit Unzähligen messen, die schon von Anfang an und dann erst recht und am Ende und sowieso und überhaupt ganz genau wussten – das klappt nicht. Auf den einen oder anderen hätte Gottschalk vielleicht vor Beginn des Projekts hören sollen.

          Die „66 Träume“ aber, auf die er und seine Redaktion in den letzten Wochen verfallen sind, liegen jenseits des üblichen und also dem Grunde nach zynischen Fernsehgeschäfts. Denn es ging um 66 Träume und Wünsche von Menschen, die sich diese ohne die Unterstützung anderer nicht erfüllen können. Sei es die junge Frau, die an einer Krankheit leidet, die ihr Gesicht entstellt und auf eine Operation hofft, welche die Krankenkasse nicht bezahlt und die sie sich nicht leisten kann.

          Da war noch Hoffnung: Thomas Gottschalk im Dezember 2011 Bilderstrecke

          Sei es der plastische Chirurg, der mit einem Operationsteam regelmäßig nach Paraguay reist, um Menschen zu behandeln, die sonst niemand kurierte. Sei es der kurze Familienurlaub für eine Frau, die ein schwerbehindertes Kind betreut. Oder sei es die Schwestern-Initiative im Elisabethstift zur Unterstützung von Kindern, die es in der Schule schwer haben. Diese bekam am Ende von Gottschalks Sendung am meisten ab – 50.000 Euro. Abgestimmt hatten darüber rund eine viertel Million Zuschauer. Aber auch die anderen, die in Gottschalks Sendung auftraten, gingen nicht leer aus. Da gab es auf allen Seiten nur Gewinner.

          „Sie werden noch von mir hören“

          Berufsbedingt zynisch könnte man nun auch dahinter wieder Kalkül vermuten. Doch das wollen wir denen überlassen, die fürs öffentlich-rechtliche Vorabendprogramm bislang nicht das richtige Rezept, die richtige Balance zwischen Anspruch (in Maßen) und Quote (bitte reichlich, nicht unter zehn Prozent, allein wegen der Werbeeinanhmen um diese Zeit) gefunden haben – nicht mit, nicht ohne Gottschalk. Nein, es ist etwas anderes, was wir in den letzten Tagen im ersten Programm gesehen haben: das Gesicht der Zivil- und Bürgergesellschaft, das Gesicht derjenigen, die nicht für Hochglanzposen taugen und auch keine Zeit haben, den ganzen Tag lang über ihre Befindlichkeiten zu twittern und das dann auch noch Politik nennen. Es ist das Gesicht derjenigen, auf die es in einer Gesellschaft ankommt. Von der Idee her sollte das einem öffentlich-rechtlichen Programm eigentlich frommen.

          Viel Zeit, sich zu verabschieden, blieb Thomas Gottschalk da in seinem überfüllten Studio gar nicht. „Sie werden noch von mir hören“, rief er. Am Donnerstag ist er im Internetfernsehen bei „Spiegel Online“ (die Kollegen waren fix), tags darauf im Krankenhausradio Unna. „Der Vorabend ohne mich wird sehr öde“, rief der Entertainer in den Schlussapplaus. Eigentlich hätte er, der vorzeitig aufhören muss, noch einen Tag gehabt, doch auch die letzte Sendung hat ihm die ARD gestrichen, um mit der Vorberichterstattung zur Fußball-Europameisterschaft zu beginnen. Wie das passt!

          Das in den nächsten Wochen folgende Ballsportprogramm von ARD und ZDF am Vorabend und bis um Mitternacht ist übrigens um ein Vielfaches teurer als alles, was wir sonst im Fernsehen geboten bekommen. Dafür sind die Einschaltquoten garantiert. Ging es in dem Spiel je um anderes?

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