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Fernsehkritik: „Gnadenlos gerecht“ : Ich werde sein Leben streichen

Die Gerechten: Sozialfahnder Helena Fürst und Helge Hofmeister Bild: obs

Sat.1 schickt zwei Sozialfahnder ins Quotenrennen. Helena und Helge, das ungleiche Paar aus Offenbach, verteilen Almosen und suchen Hartz-IV-Betrüger. Und am Ende finden sie tatsächlich welche.

          So, das war er also, der Riesenmegaendzeitskandal, vor dem ein gewisses „Erwerbslosenforum Deutschland“ mit dem Drang zu maximaler Presseaufmerksamkeit seit ein paar Tagen in schrillsten Tönen gewarnt hat. Eine Sendung, in der Hartz-IV-Empfänger stigmatisiert würden, hätten wir zu erwarten, hieß es da. Gut gebrüllt haben die Löwen, kann man da nur sagen, allerdings bevor die Sendung, um die es hier geht, von jemandem gesehen wurde.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Sie besuchen Familien, die es wirklich nötig haben

          Viele Zuschauer hat das pseudodokumentarische Fiktionsprogrammm mit dem Titel „Gnadenlos gerecht“ allerdings wirklich nicht verdient - weniger ob des vermeintlich skandalösen, sondern eher ob des unfassbar hölzernen Zuschnitts der Sendung. In der begleiten wir Helena Fürst und Helge Hofmeister, Mitarbeiter des Sozialamts Offenbach, bei ihren Ermittlungen.

          Sie besuchen Familien, die es wirklich nötig haben. Etwa die junge Frau, die mit ihren beiden Kindern, aber kaum eigener Habe in einer leeren Wohnung sitzt, vor ihrem gewalttätigen Mann ist sie geflüchtet, an ihre alten Möbel kommt sie nicht mehr heran. Oder das junge Paar, in dessen Wohnung das Kinderzimmer besonders liebevoll eingerichtet erscheint, es in der Küche mit dem Nötigsten aber schnell aufhört. Ihnen werden umstandslos mehrere hundert Euro für dringend notwendige Anschaffungen zugebilligt und wo man „für 'n Appel und ‘n Ei“ prima Möbel bekommt, das verraten die Sozialfahnder auch.

          Das Mitleid hält sich in Grenzen

          Im Fall der türkischen Familie allerdings, die eine Schneiderei und eine Wäscherei betreibt, in der Türkei ein Haus besitzt und deren angeblich arbeitsloses Oberhaupt im neuen BMW herumfährt, verhalten sich die Dinge anders. Einem - dem Sohn - gehört angeblich alles, den anderen angeblich nichts, weshalb sie Hartz IV beziehen. Damit allerdings ist es am Ende der Sendung vorbei. Die beiden Sozialfahnder haben offenbar ausreichend Indizien addiert, um diese Hartz-IV-Empfänger von der Liste zu streichen und Strafanzeige zu erstatten.

          Das Mitleid hält sich in Grenzen und die Dramatik auch. Der Sohn der Familie, bar jeden Unrechtsbewusstseins, schwört dem Informanten, der ihn angezeigt hat, Rache - er werde „sein Leben streichen“. Wollte man zynisch sein, könnte man sagen, dass sich der Wäschereibesitzer damit gleich für die nächste Dokusoap bei Sat.1 beworben hat, so etwa in der Preisklasse der radebrechend schauspielernden Kommissare vom „K 11“.

          Helena und Helge - ein ungleiches Paar

          Sie sind ein ungleiches Paar, die Sozialfahnder Helena und Helge. Sie redet ununterbrochen, er, der gelernte Polizeibeamte, wartet artig aufs Stichwort, hört zu, holt den Wagen und fährt ihn auch. Und muss den Begriffsstutzigen spielen, wenn Helena für die gar zu blöden Zuschauer das Offensichtliche erklärt oder mit bunten Kärtchen, die sie auf braunes Packpapier geklebt hat, die Verwandtschafts- und Eigentumsverhältnisse jener Familie erläutert, deren geschäftlichem Treiben mit Staatsknete sie ein Ende bereiten will. Die beiden Sozialfahnder wirken so, als seien sie die B-Besetzung der ebenfalls bei Sat.1 laufenden Comedy „Die dreisten Drei“. Das Telekolleg Mathematik ist ein Reißer dagegen.

          Selbstverständlich gibt es an dieser Sendung wie an so vielen anderen dieses Genres grundsätzlich etwas auszusetzen. Hier geht es wieder einmal um die kleinen oder vielleicht gerade einmal mittleren Fische, nicht die großen. Denn die großen Absahner müssen, wenn sie Pech haben, durchs Blitzlichtgewitter bei einer Festnahme oder vor Gericht, doch filmen lassen sie sich nicht. Und würden sie gefilmt, ließen sie dem Sender durch ihre Anwälte flugs ausrichten, was die Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte kostet. Also holen sympathische Fernsehbullen wie „Toto & Harry“ bei Sat.1 weiterhin Betrunkene von der Straße und plagen sich mit zänkischen Nachbarn ab. Sollte es in ihrem Kiez doch einmal ein paar Mafiamorde geben - und die gibt es ja inzwischen überall - wäre es mit den netten Polizeifilmchen am Vorabend ganz schnell vorbei.

          Es geht um leichte Opfer

          Es geht also um leichte Opfer, doch muss man hier nicht unbedingt nur von Opfern reden. Die Familien, die in der ersten Episode von „Gnadenlos gerecht“ als Hartz-IV-Empfänger erscheinen, die zu Recht Geld bekommen, taugen ganz und gar nicht dazu, Erwerbslose zu stigmatisieren. Im Gegenteil.

          Und von den anderen würde wohl niemand so schnell behaupten, dass sie das Prinzip des Sozialstaats nicht ausnutzten und pervertierten. Man muss sie deswegen nicht vor die Kamera holen, aber man muss auch nicht so tun, als habe man ihnen in besonderer Weise beizuspringen. Es sei denn, man weigert sich, die soziale Wirklichkeit dieses Landes in all ihren Facetten wahrzunehmen. Dass sie sich nicht unbedingt für Unterhaltungszwecke eignet, das beweist „Gnadenlos gerecht“ allerdings unfreiwilligerweise auch.

          Diese Soap ist einfach schwer erträglich

          Diese Doku-Soap ist einfach schwer erträglich, sie rauscht heran wie ein aufgeblasener Beitrag aus „Stern TV“ oder „Akte 08“. Und die eine oder andere Eskapade hätte Sat.1 besser herausgeschnitten. Etwa jene Passage, in der Helge (der gelernte Polizist) auf der Fahrt zum nächsten Sozialfahndungsfall, einen Mann in einem Wohnmobil anhält, der ohne Nummernschilder und Papiere unterwegs ist. Er habe gerade seinen Sohn verloren, sagt der ältere Herr tränenüberströmt, das Wohnmobil habe er nur um die Ecke gefahren, damit der Motor warm werde und er das Öl wechseln könne. Helena und Helge merken schnell, dass sie hier den Falschen erwischt haben. Der Mann bekommt trotzdem eine Strafanzeige und im Film bleibt die Szene auch. Das aber ist ein Fehler.

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