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Fernsehkritik : Drei gegen Jack the Ripper

Vorne kniet Inspektor Chandler (Rupert Penry-Jones), mit Schirm posiert Edward Buchan (Steve Pemberton), Philip Davis ist Sergeant Miles. Bild: © Carnival Film & Television/Lau

„Whitechapel“ heißt die englische Serie, die Arte heute auf Deutsch zeigt. Sie bietet den nahezu perfekten Gegenwartskrimi nach einem historischen Stoff. Und sie hat drei wahre Helden.

          3 Min.

          Handwerklich ist die kleine, drei Teile zu je fünfundvierzig Minuten umfassende englische Krimiserie "Whitechapel" stets überzeugend und nicht selten brillant: Die Atmosphäre stimmt. Dramaturgisch ist sie bis auf einen unwesentlichen Jahreszeitenfehler - im November grünt es am Karpfenteich -, einen lässlichen Synchronschnitzer im letzten Teil - "fish and chips" wird mit "Fisch und Kartoffeln" übersetzt - und den etwas läppischen, auf Steve McQueens Thomas Crown anspielenden deutschen Titel "Jack the Ripper ist nicht zu fassen" vollkommen plausibel, und das heißt in der Folge: Die Serie bleibt auch für hartgesottene Dauerkrimiseher voller Überraschungen und in nahezu jeder Minute spannend - das Finale atemberaubend zu nennen ist unübertrieben.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Unter den Schauspielern ragt ein Trio colossale heraus: der 1970 geborene Rupert Penry-Jones, ein Zögling der Royal Shakespeare Company, der sechsundfünfzig Jahre alte Philip Davis, ein Routinier mit schier unendlicher Rollenliste, und der zweiundvierzigjährige, indes alterslos wirkende Steve Pemberton, seinerseits auch Mitglied der "League of Gentlemen", einer berühmten Komikergarde.

          Ein kleinbürgerlicher Karpfenzüchter

          Penry-Jones ist Detective Inspector Chandler und eigentlich nur auf Stippvisite in den "Schützengräben" der alltäglichen Londoner Polizeiarbeit. Angehöriger der Oberschicht, stets im Maßanzug mit Weste, wird ihm im Club der Führungskräfte eine Schreibtischkarriere im "Generalstab" eröffnet. Einmal jedoch, auch das verlangt die Etikette, muss er raus auf die Straße. Da kommt der Frauenmord im berüchtigten Stadtteil Whitechapel gerade recht: Es ist kurz nach zwei Uhr am frühesten Morgen des 31. August 2008, als Chandler am Tatort eintrifft. Penry-Jones wird in den folgenden zweieinviertel Filmstunden durch die Hölle gehen, dabei aber nie vergessen, sich in besonders verzweifelter Situation Eau de Cologne auf die Schläfen zu reiben.

          Philip Davis ist Detective Sergeant Miles und seit mehr als zwanzig Jahren im Frontdienst. Von Habitus und Auftreten her gehört er zur unteren Mittelklasse, die Truppe von Constables, die er befehligt, ist ein Abbild seiner selbst: schlecht gekleidet, ungewaschen und jedem Schnellimbiss am Einsatzweg komplett verfallen. Zur Kunst von Penry-Jones und Davis gehört es, ihr Oben-unten-Verhältnis so differenziert auszuspielen, dass es nie zum wohlfeilen Klischee hin abfällt. Und natürlich ist Davis, also Miles, auch der kleinbürgerliche Karpfenzüchter des Films.

          Der hinreißende Ripperologe

          Steve Pemberton ist Edward Buchan - ein schwuler Muttersohn, der für zehn Pfund pro Person Touristengruppen zu den einstigen Gruselorten des so historischen wie mythischen Jack the Ripper führt. Dabei doziert er feinsinnig über Jack als den "Archetypus des Serienkillers" und preist am Ende einer jeden Mord- und Verstümmelungsrunde sein Buch an. Der Autor Buchan ist die perfekte Synthese aus einem Wissenschaftler und einem Mythomanen, kurzum: Er ist "Ripperologe", was in Großbritannien einem hart zu erwerbenden Ehrentitel gleichkommt. Als Ripperologe ist Pemberton, also Buchan, denn auch hinreißend.

          Im Zusammenhang mit dem historischen, nie identifizierten, geschweige den festgenommenen oder bestraften Ripper ist bis heute alles vollkommen ungewiss, absolut umstritten und von unzähligen Mutmaßungen umstellt. Jack the Ripper, das ist Englands Dracula und zugleich eine Symbolfigur für die Sünden und die Doppelmoral des späten Viktorianismus: Prüderie und Prostitution im gesellschaftlichen Gleichschritt. Keineswegs unumstritten, dafür aber als Konvention immerhin anerkannt, ist die sogenannte "Liste der kanonischen fünf", jener fünf barbarischen Prostituiertenmorde, die Jack the Ripper zwischen dem Frühestmorgen des 31. August und der Nacht des 9. November 1888 begangen haben soll.

          Jack the Ripper fährt jetzt auch Auto

          Genau hundertzwanzig Jahre danach - das ist der fabelhafte Grundeinfall der Drehbuchautoren Ben Court und Caroline Ip - tritt nun in Whitechapel ein neuer Ripper auf, der bis ins Detail die einstigen Morde nachinszeniert und dabei wie sein Vorbild einst Inspector Frederick Abberline nun den guten Chandler und den mürrischen Miles an der Nase herumführt. Nur dank Buchans zunächst unerbetenen Historienhinweisen bleiben die Aktualdetektive einigermaßen auf der Spur. Der eitle Buchan aber chattet in einem Internetforum und gibt seine Kenntnisse so unwissentlich auch dem Nachahmer preis. Das London des Jahres 1888 war eines der Funzellaternen und der kriminaltechnischen Steinzeit, eine Stadt ohne benzingetriebene Autos und Taxis, aber bereits mit einer U-Bahn-Strecke und längst mit einer Straßenbahn. Das London des Jahres 2008 ist die finanz- und bankenmarode Stadt mit dem weltweit dichtesten Netz an Überwachungskameras, mit ausgefeilter Kriminalistik und fernhintreffender Forensik. Natürlich fährt Jack the Ripper nun insgeheim auch Auto. Dies ist ohnehin das Überzeugende, ja Grandiose des Dreiteilers: dass er - in jeder Szene glaubhaft - eine alte Verbrechensserie ins allermodernste Gewand hüllt und gleichwohl die zutiefst arachaische Eruption serieller Gewalt beglaubigt, die seit dem historischen Ripper so ubiquitär wie traurig Schule gemacht hat.

          Bleibt nur noch, den Regisseur S. J. Clarkson ob der ästhetischen Brillanz des Films zu rühmen, nicht zuletzt auch für Nachtbilder des heutigen London, die er seinem Kameramann Balazs Bolygo abverlangte.

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