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Fernsehkritik: „Dr. Klein“ : Groß wär anders

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Die Serienprotagonisten: Dr. Klein und Dr. Lang. Nur aufgeweckte Autoren können sich so etwas ausdenken. Bild: Markus Fenchel

Die ZDF-Serie „Dr. Klein“ ist ein einziges Missverständnis, das betroffen macht. So etwas kommt dabei heraus, wenn Klischees für mutig, subversiv und witzig gehalten werden.

          Es muss ein großer Moment gewesen sein, als diese Idee geboren wurde. Man kann sich vorstellen, wie in einem grauen Konferenzraum der Produktion plötzlich ein Mitarbeiter aufsprang und rief: „Leute, ich hab’s. Wir drehen eine Serie über eine kleinwüchsige Ärztin, und jetzt haltet euch fest. Die Frau ist nicht nur klein. Sie heißt auch Klein! ,Dr. Klein’! Die Serie mit der kleinwüchsigen Ärztin!“

          Und wie die ganze Runde plötzlich wach war und ein Kollege aufsprang: „Wartet, wartet, ich weiß, wie wir ihren bösen Gegenspieler in der Klinik nennen: Dr. Lang!“ Und wie sich alle von der kreativen Stimmung anstecken ließen und durcheinander riefen und die Sekretärin nicht nachkam, all die Ideen mitzuschreiben. „Und am Anfang ist sie noch nicht da, und jemand sagt: ,Auch wenn sie so heißt, übersehen wird man sie ja wohl nicht.’“ – „Und der Chef stellt die neue kleinwüchsige Ärztin dann vor als ,absolute Größe auf ihrem Gebiet’, absolute Größe, versteht ihr?“ „Und es ist eine Kinderklinik und die kleinwüchsige Ärztin sagt: ,Ich hoffe sehr, dass wir alle bei der Arbeit unseren Patienten auf Augenhöhe begegnen!’, auf Augenhöhe, hahaha!“ – „Und sie muss eine Rede halten, kann aber gar nicht übers Pult gucken!“ – „Und sie fährt so ein ganz kleines Mini-Auto!“ – „Und als Titelmusik nehmen wir etwas, das anfängt mit den Worten: ,She’s a big, big girl’!“ – „Und vielleicht geben wir ihr noch einen lustigen Spitznamen, wie wär’s mit Alberich, ihr wisst schon, der Zwergenkönig, wobei – könnte sein, dass ich das schon irgendwo gesehen habe.“

          Der Spitzname aus dem Münster-„Tatort“ blieb Christine Urspruch in ihrer neuen ZDF-Serie erspart, sonst aber nichts. Eingeführt wird sie in die Serie und in die Stuttgarter Klinik, wo sie als leitende Oberärztin anfängt, als kleines Gespenst, denn es ist Rosenmontag und alle sind verkleidet. Sie wird natürlich für ein Kind gehalten und kann auf diese Weise unbemerkt hören, wie abfällig sich der gemeine Dr. Lang über Frauen äußert. (Torsten Lenkleit, Chef-Autor der Serie, hat für die ARD-Krankenhaussoap „In aller Freundschaft“ gearbeitet und setzt auf heimlich mitgehörte Gespräche.) Als Dr. Lang Dr. Klein später als neue Vorgesetzte erkennt, stöhnt er: „ein Zwerg“. Er wird sie auch noch auf dem Flur über den Haufen laufen, ist ihr aber natürlich in jeder Hinsicht unterlegen, fachlich, menschlich, also: was die wahre Größe angeht.

          Nicht der einzige ,Exot‘

          Die Serie, von der das ZDF freitags um 19.25 Uhr zunächst zwölf Folgen zeigt, will modern sein. Man spürt, dass ihre Macher sich wahnsinnig mutig vorkommen, wenn sie eine Hauptrolle mit einer Schauspielerin besetzen, die 1,32 Meter groß ist, und können nicht aufhören, auf dieser Tatsache herumzureiten. Und sie ist „nicht der einzige ,Exot‘ in der Rosensteinklinik“, steht allen Ernstes im Pressetext des Senders: „Der Chefarzt, Prof. Magnus Eisner, ist homosexuell, Assistenzarzt Dr. Müller dunkelhäutig, die Oberschwester übergewichtig.“ Es sagt viel über die Serienwelt des ZDF aus, wenn eine solche Ansammlung von Figuren nicht als normal, sondern als exotisch begriffen und behandelt wird. Über den von Miroslav Nemec gespielten schwulen Klinikleiter heißt es: „Als bekennender Homosexueller hatte auch er es nicht immer leicht, sich durchzusetzen.“

          Laut ZDF will „Dr. Klein“ eine Serie sein, die „das Anderssein zeitgemäß erzählt – humorvoll, politisch unkorrekt und eben nur am Rande“, und das ist in jeder Hinsicht misslungen, was auch immer „politisch unkorrekt“ heißen soll. Penetrant steht das Anderssein im Mittelpunkt und konterkariert die womöglich gut gemeinte Botschaft, dass Anderssein auch nur eine Form von Normalität ist. Echte Konflikte, die etwa zwischen einer pubertierenden Tochter und der kleinwüchsigen Mutter entstehen können, lösen sich brachial: Dass sie den neuen Klassenkameraden ihre Mutter eigentlich gar nicht vorstellen möchte, ändert sich in dem Moment, wo es versehentlich zu einem Treffen kommt und einer ihrer Freunde mit dem Finger auf sie zeigt und brüllt: „Ein sprechender Zwerg!“ Wenn die anderen solche Idioten sind, ist es natürlich leicht, kein Idiot zu sein.

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