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ARD-Doku „Die Spur der Troika“ : Wer kein Geld hat, stirbt

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Eine unter vielen in Griechenland: Diese Frau, demonstriert gegen die Troika. Bild: AP

Sie trennen Welten: Die Technokraten in Brüssel, die Reformen verordnen, und die Menschen, die mit diesen leben müssen. Der Film „Die Spur der Troika“ zeigt, was die EU aus Griechenland macht.

          Es gibt Sätze, die wirken wie in Stein gemeißelt. „Die Tätigkeit der Troika war ein großer Erfolg“ gehört dazu. So zitieren Harald Schumann und Árpád Bondy den Europaabgeordneten Othmar Karas in ihrem Film „Die Spur der Troika“. Es geht um jene „staatenlosen Bürokraten“, die den Krisenstaaten im Süden der EU helfen sollen. So lautet die Aufgabenbeschreibung, will man den Verlautbarungen aus Brüssel glauben. Schumann und Bondy machen in ihrem Film deutlich, wie dieser „Erfolg“ in Griechenland oder Portugal verstanden wird: als Abwärtsstrudel mit verheerenden sozialen und ökonomischen Folgen.

          „Sie haben eine Ideologie“, sagt der Arzt Georgios Vichas. „Wer Geld hat, lebt, wer keins hat, stirbt.“ Vichas ist Teil jenes informell organisierten Gesundheitswesens in Griechenland, das sich nach dem faktischen Zusammenbruch des staatlichen Systems etabliert hat. Mehr als drei Millionen Griechen sind ohne Krankenversicherung. „Zur Arbeit der Troika gab es nahezu keine Alternative“, sagt Karas. Wirklich nicht? Der Film rekonstruiert die Einflussnahme der Troika bei der Reform des Gesundheitssystems. Das Budget schrumpfte im Vergleich zu den Vorkrisenzeiten um ein Drittel. „Es war keine Reparatur, sondern eine Katastrophe“, sagt Vichas. Wer will ihm widersprechen?

          Psychologischer Kollateralschaden

          Allerdings liegt darin nicht die eigentliche Stärke des Films. Er kontrastiert vor allem die Sichtweisen der Technokraten, die im Auftrag des IWF, der EZB oder der EU-Kommission handeln, mit den Erfahrungen der Menschen, die mit den Folgen leben müssen. Und die sind im Wortsinn „alternativlos“: Was soll ein junger Portugiese sagen, wenn er mit seinem Einkommen keine Kinder ernähren könnte und so der Kinderwunsch zur Utopie wird? Er bleibt den Bedingungen ausgeliefert, ohne erwarten zu dürfen, es könnte je wieder besser werden.

          Für die Technokraten ist das anders. Sie haben eine Alternative. Sie können die Folgen ihres Handelns ausblenden, sich in ihrer eigenen Wirklichkeit verbunkern und von der segensreichen Wirkung ihrer Mission träumen. Da ist kein Raum für die Erfahrungen eines Mannes wie Georgios Vichas. Politisches Handeln wird zum Schicksal, wenn es nur noch darum geht, die Opfer selbst verantwortlich zu machen. Oder eine Art utopischen Überschuss zu formulieren. Die Senkung des Mindestlohns gilt als probates Mittel, selbst wenn die Unternehmerverbände in Griechenland oder Portugal davon nicht überzeugt sind. Es ist diese Unbeirrbarkeit, die den Zuschauer irritiert und fassungslos macht. Wer wundert sich darüber, wenn die Troika in Griechenland als Demütigung verstanden wird? Deren Arbeit als Bestrafung für frühere Sünden und zugleich als Kumpanei mit den Profiteuren des alten Systems der Misswirtschaft?

          Auch in Portugal sehen die Proteste gegen die Troika nicht anders aus.

          Es wird der psychologische Kollateralschaden deutlich, den die Troika hinterlässt. Damit muss sich die Politik beschäftigen, nicht mit den abstrakten Modellen von Ökonomen, die das Denken der Technokraten bestimmen. Sie „treffen Entscheidungen über Menschen, die mit ihnen nichts zu tun haben.“ Das sagt ein Exekutivdirektor des IWF aus Brasilien selbstkritisch. Von dieser Haltung wünscht man sich etwas, wenn in den kommenden Tagen wieder über Griechenland diskutiert wird. Schumann und Bondy ist ein wichtiger Film gelungen. Technokratische Unbeirrbarkeit ist nicht das, was diesen Kontinent zusammenhält. Fraglich, ob das in Berlin oder Brüssel verstanden wird.

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