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Fernsehkritik : Die Geister des Balkans waren wieder da - aber nur kurz

  • -Aktualisiert am

Belgrad war kurz ein Thema - dann kümmerte sich CNN wieder um das wirklich Wichtige Bild: dpa

Die amerikanischen Newssender sind schnell, wenn die Botschaft in Belgrad brennt. Man fühlte sich kurz an die unheilvolle Nachrichtenlage der 90er Jahre erinnert. Doch schon bald stand das wirklich Wichtige wieder im Blickpunkt: Obama vs. Clinton.

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          Plötzlich waren sie wieder da, die Geister des Balkans. Wie während der neunziger Jahre standen schlechte Nachrichten aus Serbien an erster Stelle der Agenda der amerikanischen Nachrichtensender. Und sogleich waren die Fachleute und auch die politischen Akteure jener unheilvollen Zeit wieder zur Stelle mit Analysen, Hintergrundinformationen, Voraussagen. Der damalige Verteidigungsminister unter Bill Clinton, William Cohen, kam zu Wort und warnte vor einer möglichen weiteren Eskalation; der einstige amerikanische Botschafter in Belgrad, Lawrence Eagleburger, der später für kurze Zeit als Minister das State Department leiten sollte, erinnerte sich an seine Einsätze auf dem Balkan und verdeutlichte, wie anders die Lage doch heute sei verglichen mit dem Beginn der tragischen Zerfallsgeschichte des ehemaligen Jugoslawien Anfang der neunziger Jahre.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Und schließlich kamen bald darauf aus New York die Nachrichten, dass sich der UN-Sicherheitsrat auf einer von Washington einberufenen Dringlichkeitssitzung mit der Lage in Belgrad befasst und den Sturm auf die amerikanische Botschaft in der serbischen Hauptstadt verurteilt hatte. „Die Mitglieder des UN-Sicherheitsrates verurteilen auf das Schärfste die Angriffe, die von Menschenmengen gegen Botschaften in Belgrad verübt wurden, die Schaden an den Gebäuden anrichteten und das diplomatische Personal in Gefahr brachten“, sagte der amtierende Ratsvorsitzende, der panamaische Botschafter Ricardo Alberto Arias. Die Ratsmitglieder erinnerten an „das Grundprinzip der Unverletzlichkeit diplomatischer Vertretungen und die Verpflichtung der Gastgeberländer“, diese zu beschützen.

          Fundierte Einschätzungen statt banaler Feststellungen

          Es ist immer wieder respektheischend, wie rasch die amerikanischen Nachrichtensender - von CNN über FoxNews bis zum öffentlich-rechtlichen Sender PBS - in Minutenschnelle auf jüngste Entwicklungen zu reagieren verstehen. Nicht nur gelingen allfällige Liveschaltungen zu Korrespondenten und Mitarbeitern an Ort und Stelle ohne Schwierigkeiten, es sind auch fundierte Einschätzungen der Lage zu hören statt - wie im deutschen Fernsehen oft der Fall - banale Feststellungen, auf die der Zuschauer beim Betrachten der bewegten Bilder selbst kommen würde. Dass die serbische Polizei den Mob beim Sturm auf das Gebäude der Botschaft, in dem später ein verkohlter Leichnam gefunden werden sollte, zunächst gewähren ließ, obwohl es schon am Sonntag zu Übergriffen auf die amerikanische und andere Botschaften gekommen war, könne nicht anders verstanden werden als kaum verborgenes Komplizentum der serbischen Regierung unter Ministerpräsident Vojislav Kostunica mit den Randalierern und Brandstiftern, sagte die aus Serbien stammende Politologin Jelena Subotic bei CNN.

          So war es schon zu Zeiten des früheren Präsidenten Slobodan Milosevic gewesen, der Milizen und Randalierer in die Tat hatte umsetzen lassen, was er in nationalistischen Brandreden zuvor wortreich beschworen hatte. Doch anders als zu Beginn der maßgeblich von der damaligen politischen Führung Serbiens in Belgrad betriebenen Zerfallsgeschichte bestehe beim jetzigen Nachhutgefecht von Belgrad Aussicht, eine weitere Eskalation der Gewalt mit politischen Mitteln zu verhindern, sagten Cohen und Eagleburger übereinstimmend. Zwar unterstütze der russische Präsident Wladimir Putin heute Belgrad eher noch offener als die damalige Kreml-Führung das Regime Milosevics, doch würden sich die maßgeblichen Staaten des Westens heute nicht mehr so auseinanderdividieren lassen wie es beim Streit um die Haltung zur Krise im damaligen Jugoslawien vor fast zwei Jahrzehnten der Fall gewesen sei.

          Belgrad war für Clinton und Obama kein Thema

          Nach dieser übereinstimmenden Lageeinschätzung schalteten die Sender dann bald nach Austin in Texas, wo sich die Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton und Barack Obama in einer weiteren Fernsehdebatte gegenüberstanden. Zu Belgrad wurden während der eineinhalbstündigen, live übertragenen Debatte keine Fragen gestellt. Die Geister des Balkans spukten nur kurz durch die amerikanischen Hauptnachrichtensendungen. Dann ging es weiter mit der politischen Tagesordnung, auf welcher der Balkan, so wurde weithin versichert, in den kommenden Monaten denn doch nicht ganz oben stehen werde.

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