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Fernsehkritik „Beckmann“ : Olympioniken im Korridor

Olympia bei „Beckmann“: (v.l.n.r.) DOSB-Leistungssportdirektor Bernhard Schwank, der frühere Schwimm-Bundestrainer Dirk Lange, Moderator Reinhold Beckmann, Degenfechterin Britta Heidemann, Turner Fabian Hambüchen, Tischtennisspieler Timo Boll, Diskuswerfer Robert Harting und Gewichtheber Matthias Steiner Bild: dpa

Eine Sendung, wie es das Aktuelle Sportstudio mal gewesen sein könnte: Beckmann zieht Olympia-Bilanz und bei aller Betulichkeit bringen ausgerechnet Diskuswerfer Robert Harting und Kraftsportler Matthias Steiner Gewicht in die Debatte.

          3 Min.

          Es heißt doch immer, das „Aktuelle Sportstudio“ sei so gut gewesen damals, bevor das Privatfernsehen kam. Deshalb eine Frage an die Älteren: War das, was bei Beckmann am Donnerstagabend lief, war das so, wie das „Sportstudio“ mal war

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Ein Moderator, fünf Sportler, ein Trainer, ein Funktionär, dazu eine Handvoll kurzer Einspielfilme und ein bisschen Animation an einer im Studio aufgestellten Tischtennisplatte – jenem Sportgerät, an dem die konsequente Verweigerung aufgeregter jugendlicher Hipness seit Jahrzehnten erfolgreich praktiziert wird. Das alles ergab ein Gespräch, das zunächst mal betulich war. Aber deshalb längst nicht so schlecht, wie es der Titel „Nach dem Londoner Sommermärchen - Rückkehr der Olympiahelden“ angedroht hatte.

          Ein Gespräch, das manchmal ein bisschen langweilig war, aber nur eben nur manchmal. Bei dem wesentliche Punkte ausgespart wurden, als die Bilanz deutscher Sportler bei Olympischen Spielen seit der Wiedervereinigung zur Sprache kam. Aber das ist ja leider so üblich.

          Diskuswerfer Robert Harting durfte also noch einmal über seine Goldnacht sprechen, Fabian Hambüchen über seine silberne Reckübung. Fechterin Britta Heidemann definierte unfreiwillig Größe und Strahlkraft der verführerisch funkelnden Seifenblase Olympia, als es ihr nicht gelang, allgemein verständlich zu erklären, was vor nicht einmal drei Wochen für einen großen Fernsehsportabend gesorgt hat: Die Minuten der letzten Sekunde ihres Gefechts mit Shin A-Lam und die folgende Sitzblockade der Südkoreanerin auf der Planche. Heidemann belohnte sich anschließend für ihre Silbermedaille übrigens mit einem Burger des Olympiasponsors. Nun ja.

          Tischtennisspieler Timo Boll setzt sich „eigentlich lieber in die Ecke mit dem Rücken zum Publikum“, musste aber zwangsläufig den Animateur an seinem Sportgerät geben. Und Gewichtheber Matthias Steiner erzählte noch einmal, dass es sich durchaus nicht so schlecht anfühlen kann, bei Olympia den wesentlichen Erhalt der eigenen Gesundheit zu gewinnen. Ihm war die 196 Kilogramm schwere Hantel in den Nacken gekracht, beim Versuch den Sieg von Peking zu wiederholen.

          Hat noch Schmerzen: Matthias Steiner nach seinem Unfall im olympischen Finale
          Hat noch Schmerzen: Matthias Steiner nach seinem Unfall im olympischen Finale : Bild: dapd

          Das alles ist, wie gesagt, betulich, aber ein paar Tage vor dem Saisonstart im Fußball mit seinen zu erwartenden Nebenwirkungen alles andere als gesundheitsschädlich. Und dann waren da ja noch die Zielvereinbarungen – jene 86 Medaillen, die der deutsche Sport im Konjunktiv gewinnen wollte.

          Staatsgeheimnis Zielvereinbarung

          Inzwischen darf man dem sportbeauftragten Innenminister Friedrich und dem Deutschen Olympischen Sportbund fast dankbar sein, sich dem legitimen Interesse der Steuerzahler jahrelang widersetzt und das Staatsgeheimnis Zielvereinbarung erst unter richterlichem Druck gelüftet zu haben. Immerhin hat es das Thema so in eine öffentlich-rechtliche Talkshow geschafft.

          Also durfte sich DOSB-Leistungssportdirektor Bernhard Schwank erst über das deutsche London-Team freuen („sehr zufrieden“, „Charakter gezeigt“). Und dann beobachten, was passiert, wenn Verbandspolitik auf Sportler trifft.

          „Wir haben doch nie 86 Medaillen verlangt“ - sagt der DOSB
          „Wir haben doch nie 86 Medaillen verlangt“ - sagt der DOSB : Bild: dpa

          Soeben hatte Schwank beim Versuch, die Verbandspolitik zu verteidigen, vom „Korridor an Medaillenerwartungen“ gesprochen, da schimpfte Steiner darüber, dass die – gewiss verkürzte – Diskussion über die illusorischen 86 Medaillen „auf dem Rücken der Sportler“ ausgetragen werde.

          Prompt wiederholte Harting seine Kritik am deutschen Sportfördersystem, in dem Geld „im Wasserkopf in den Verbänden“ versickerte, statt an die Sportler zu fließen.

          „Totalausfall der sportlichen Leitung“

          Dirk Lange, bis zum Jahreswechsel Bundestrainer der in London medaillenlosen Schwimmer, beklagte den „Totalausfall der sportlichen Leitung“ und die Ausrichtung vieler Schwimmtrainer auf Methoden, wie sie in der DDR angewendet worden seien. Und just als Harting und Steiner, deren Trainer Werner Goldmann und Frank Mantek die Dopingmethodik der DDR-Medaillensammler aus eigener Praxis genau kennen, beklagten, die „breite sportkulturelle Bildung“ gehe hierzulande in der Monokultur Fußball verloren, war die Sendezeit abgelaufen.

          Ärgerlich, weil die Diskussion gerade interessant wurde. Nicht ärgerlich, weil wichtige Fragen nicht gestellt worden waren und nicht gestellt worden wären. Im Vertrauen auf die Gesetzmäßigkeiten der Talkshow-Branche dürfte man auf eine tiefer gehende Wiederverwertung des Themas an anderer Stelle hoffen. Irgendwo zwischen Monokultur, Methodik und Medaillenerwartungskorridor könnte allerdings ein Programmplaner dazwischen grätschen. Sonst würde ja auch keiner nach dem „Sportstudio“ von früher fragen.

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