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Fernsehkritik: Beckmann : Aber heidschi bumbeidschi bum bum

  • -Aktualisiert am

Kleiner 68er-Gipfel: Kinderschnulzensänger Heintje traf bei Beckmann auf den Erfinder der esoterisch überhöhten Wohngemeinschaft, Rainer Langhans. Revolutionäre Energien wurden nicht frei. Peinlich wurde es, als Heintje nach den Berufen von Langhans und „seinen“ vier Frauen fragte.

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          Spricht es nun für oder gegen diese Zeit, dass sich kaum vorstellen lässt, in vierzig Jahren säßen sich in Reinhold Beckmanns Sendung Menschen gegenüber, deren heutige Lebensentwürfe einander so fremd sind wie Kulturrevolution und selbstgebackener Streuselkuchen? Am gestrigen Abend geschah eben das: Der ehemalige Kinderschnulzensänger Heintje, Hein Simons, traf auf den Erfinder der esoterisch überhöhten Wohngemeinschaft, Rainer Langhans, der in Begleitung „seiner“ vier Frauen Jutta Winkelmann, Gisela Getty, Christa Ritter und Brigitte Streubel erschienen war.

          Um es gleich zu sagen: Revolutionäre Energien wurden bei diesem Zusammentreffen nicht freigesetzt. Hein Simons gestand gerne ein, immer ein bisschen neidisch gewesen zu sein auf die sexuell enthemmte Atmosphäre der Kommune 1, und Langhans hat seit seiner Entdeckung, dass das Private die Politik ist, ohnehin nur Augen für den engsten Freundeszirkel: Freund und Feind wohnen nur in uns selbst.

          „Sind Sie ein guter Bierzeltredner?“

          Vor dem Auftritt der beiden Veteranen, die noch heute von ihrem 1968 errungenen Renommee zehren, saß Beckmann die halbe Sendung hindurch freilich einem anderen Gast gegenüber, der den Höhepunkt seiner Karriere gerade erst erreicht hat: dem bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein. Was fragt man einen amtierenden Ministerpräsidenten? Zum Einstieg vielleicht dies: „Sind Sie ein guter Bierzeltredner?“ Er glaube schon, eröffnet der Gast freimütig, ein- bis zweitausend Zuhörer in einem Zelt faszinieren zu können. Damit wäre das also geklärt.

          Man wird Beckmann unterstellen dürfen, angesichts der kostbaren Zeit des Spitzenpolitikers genau überlegt haben, welche Themen wirklich relevant sind. Für so wichtig, dass er gleich dreimal nachhakte, hielt der Moderator die Frage, was denn am Politischen Aschermittwoch in Beckstein vorgegangen sei, als er seinen Vorgänger Edmund Stoiber die Halle durch den Haupteingang betreten sah statt heimlich durch einen Seiteneingang. Leicht gereizt winkte der Gast ab.

          Lediglich spannungssteigernde Verzögerungsfunktion

          Nachdem dann auch geklärt war, dass die CSU in Bayern vermutlich nicht unter die Fünfzigprozentmarke fallen wird, dass Beckstein die auch berufliche Eigenständigkeit seiner Frau Marga gutheißt und dass Roland Kochs Wahlkampf nichts mit dem Wohnhausbrand in Ludwigshafen zu tun hat, wendete sich Beckmann überraschend doch noch einem interessanten Gebiet zu: der Vereinbarkeit von christlicher Ethik - Beckstein ist bekennender Protestant - mit politischen Aufgaben. Sein Amt als Innenminister habe Barmherzigkeit oft nicht zugelassen, räumte Beckstein ein. Ein eher prälutheranisches Religionsverständnis offenbarte die Erklärung des Ministerpräsidenten dazu, was für ihn die wichtigste Botschaft Gottes sei: „Dass Jesus für mich gestorben ist, dass ich damit Vergebung der Sünden von Schuld habe“, ein Blankoablass für alle Fehler, die unterlaufen können. Anderen zu vergeben, wurde dabei mit keiner Silbe erwähnt.

          Bevor aber eine Diskussion über antithetische Momente von Politik und Moral nur entstehen konnte, bekam Beckmann die Kurve zum Karneval, weil er unbedingt noch lustige Kostümfotos zeigen wollte: Beckstein als Löwe, als bemooste Bavaria und als - „immerhin eine Mätresse“ - Madame de Pompadour. Das letzte Foto scheine ihm direkt „preisverdächtig für jeden Tuntenball“, legte Beckmann nach. Spätestens jetzt dürfte dem Politiker aufgegangen sein, dass ihm lediglich spannungssteigernde Verzögerungs-Funktion zukam. Schließlich hatte die Sendung schon mit der Ankündigung des Duells der Achtundsechziger - braver Junge gegen wilde Aufbegehrer - begonnen.

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