https://www.faz.net/-gqz-utuu

Fernsehkritik : Asozial ist geil

Wirft anderen schlechte Manieren vor: Bohlen Bild: dpa

„Extra“ ist die „Bild“-Zeitung von RTL. Birgit Schrowange kehrt hier zusammen, was vom RTL-Programm übrig bleibt - und gibt Dieter Bohlen noch einmal Gelegenheit, gegen den „DSDS“-Aussteiger Max Buskohl nachzutreten. Von Michael Hanfeld.

          Am Ende der Verwertungskette von „Deutschland sucht den Superstar“ steht keine Plattenfirma, steht kein Produzent und steht schon gar nicht ein Sänger, dem die große Karriere winkt. Oder eine Nachwuchs-Sängerin. Am Ende der Verwertungskette des großen Casting-Zirkus von RTL steht ein Magazin namens „Extra“.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Extra“ ist die „Bild“-Zeitung von RTL, in der Spätausgabe. Und da die Sendung einmal pro Woche kommt, wäre es also die „Bild am Sonntag“ des Kölner Senders (in der Montagsausgabe). Wobei man der „BamS“ mit dem Vergleich einen Tort antut. Denn „Extra“, mit denkbar unschuldigem Augenaufschlag moderiert von Birgit Schrowange, kehrt zusammen, was vom RTL-Programm übrig bleibt, presst es in den Schnittcomputer und schickt es frisch recycelt auf den Bildschirm. Wo andere Magazine Beiträge gestalten, die sogar von echten Themen handeln - wobei auch da die Bandbreite unermesslich ist - kümmert sich „Extra“ liebevoll, um nicht zu sagen liebedienerisch, ums eigene Haus, als Programmverstärker sozusagen. Und also pirscht sich „Extra“ an den frisch ausgestiegenen „Superstar“ Max Buskohl und die Umstände seines Abgangs heran.

          Die Unschuld vom platten Lande

          Wie das aussieht, kann man sich leider denken: Während der kleine Max mit der großen Reibeisenstimme sich Fragen gefallen lassen muss, ob sein Verhalten nicht den anderen Kandidaten gegenüber „unfair“ sei (wieso eigentlich unfair? Die Chancen der beiden Verbliebenen steigen doch), darf Dieter Bohlen im sexy rosa T-Shirt die berührte Unschuld vom platten Lande geben und sich abermals darüber verbreiten, wie fragwürdig doch das Verhalten des jungen Berliner Sängers sei, der partout seine Band nicht aufgeben wollte. Dass Bohlen an sein eigenes Verhalten offenbar ganz andere - beziehungsweise keine - Maßstäbe anlegt, demonstriert „Extra“ mit einem Ausschnitt aus „Deutschland sucht den Superstar“, in dem Bohlen wie ein trunkener Pennäler aus der „Feuerzangenbowle“ Faxen macht, während sein Ko-Juror Heinz Henn den Zuschauern gerade erzählt, dass sie unbe-unbe-unbedingt anrufen und für Lisa Bund stimmen sollen. Was Bohlen von diesem Urteil hält, drückt er allein durch seine affenartige Körperhaltung aus.

          „Extra“ findet wiederum Gefallen daran: Henn ist der Depp, Klassenclown Bohlen hat die Lacher auf seiner Seite und selbstverständlich - wie sollte es bei RTL auch anders sein - auch moralisch das letzte Wort, haben wir ihn an diesem Abend doch davon reden hören, wie verwerflich es sei, in einer Woche, in der in einer amerikanischen Universität 32 Menschen erschossen worden seien, ausgerechnet einen Song der Band „The Killers“ aufzuführen. Recht hat er. Doch fällt irgendjemand irgendein Titel von Bohlen ein, der von dem Massaker an der Virginia Tech University einen würdigen Bogen zu „Deutschland sucht den Superstar“ schlagen würde?

          Peinliche Schmierenkomödie

          Bohlens Bramarbasieren ist eine Zumutung. Es ist eine peinliche Schmierenkomödie mit klarer Rollenverteilung in einem Pseudodrama, dessen Verlauf in den Verträgen festgeschrieben ist, die alle Beteiligten vor Beginn der Show unterschreiben mussten. Die Pro-Sieben-Märchenstunde ist um einiges ehrlicher, und unterhaltsamer sowieso. Dabei kann man kann die verrohende Wirkung der Bohlen-Breitseiten gar nicht hoch genug schätzen. Er demonstriert nicht, dass Geiz geil ist, sondern dass es geil ist, mit asozialem Verhalten nicht zu geizen. Was für einen Spaß es doch bereitet, sich an den Schwächen von Unterlegenen zu ergötzen. Und wie unterhaltsam das auch noch ist. Und wie gut man davon seinen Lebensunterhalt gestalten und einen schönen Beitrag zur Jahresabschlussrechnung von RTL man leisten kann.

          Bei Sat.1 gibt es einmal pro Woche eine Comedy namens „Die dreisten Drei“, bei RTL bestreitet fast jeden Abend ein Dreister ganz allein das Programm (wenn nicht gerade Günther Jauch mit „Wer wird Millionär“ läuft, der Kandidaten mit Fragen quält wie: Wer wurde im Jahre 69 römischer Kaiser? A. Harleydian, B. Hondaian, C. Zündappian, D. Vespasian).

          Mal sehen, um welche Enthüllungen sich „Extra“ in der nächsten Woche kümmert. Vielleicht sollte der düpierte DSDS-Juror Heinz Henn, den Dieter Bohlen so verhöhnt hat, mal bei Stefan Raab vorbeischauen und ein bisschen Boxen trainieren, oder zumindest die schönsten Ausschnitte von „Deutschland sucht den Superstar“ sezieren. Das wäre dann auch wieder ein schönes Thema für „Extra“ mit Birgit Schrowange.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson

          Brief an Tusk : Johnson will Brexit-Deal neu verhandeln

          Bisher wollte der britische Premier sein Land auch ohne Deal aus der EU führen. Nun schreibt er an EU-Ratspräsident Tusk, ein Austrittsabkommen habe „oberste Priorität“. Zugleich fordert er, die Backstop-Regelung zu streichen – und schlägt Alternativen vor.
          „Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

          „Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

          Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.