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Fernsehkritik: „Anne Will“ : Operation „Kalter Mittwoch“

  • -Aktualisiert am

Anne Will: „Wut im Bauch”? Bild: dpa

„Anne Will“ startet neu am späten Mittwochabend. Zum Thema „Wut im Bauch“ redeten Veronica Ferres, Edmund Stoiber, Sido, Tim Raue und Christian Nürnberger. Eine niveaulose Diskussion voller Klischees.

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          Die Wut im Bauch war zumindest gut versteckt. Aber sie muss doch da sein: Ausgerechnet ein Mittwoch, dieser drögeste aller Wochentage! Alle anderen haben ja ihren Glamour, schafften es in Buchtitel zum Beispiel: „Wonniger Donnerstag“ von Steinbeck oder „Sonntag des Lebens“ von Queneau, der Freitag wurde gleich selbst Romanfigur. Aber ein Mittwoch-Epos?

          Seit kurzem gibt es tatsächlich eines: „Kalter Mittwoch“ heißt das Opus von einem gewissen Garth Nix. Es handelt von allem und gar nix: Ein Todgeweihter darf nicht sterben, sondern muss, eine schier unlösbare Aufgabe, seinen Erzfeinden Schlüssel abjagen. Nicht ganz anders scheint die Position Anne Wills derzeit zu sein. Doppelt ist die Quotenbringschuld seit der Verlegung (Deklassierung) ihrer bis dato sonntäglichen Sofarunde: Am Mittwoch muss sie sich nun mit Markus Lanz und „stern TV“ messen, innerhalb der ARD mit den alten und neuen Talkern.

          Das Thema des Neustarts von „Anne Will“ hieß also: „Wut im Bauch“. Aber natürlich war das nicht selbstreflexiv gemeint, sondern wieder einmal messerscharf soziologisch. Plündernde Jugendliche in London, brennende Autos in Berlin, das verlangt nach telegener Ursachenforschung in munterer Expertenrunde. Das veränderte Konzept der Sendung war dabei kaum zu bemerken, am ehesten noch daran, dass die Gäste nun eben nacheinander in die Runde einbezogen werden.

          Und welche Gäste!

          Geradezu zwingend scheint es seit Jahren zu sein, beim Thema Jugendgewalt Rapper Sido einzuladen, bei dem man nie weiß, ob da nicht Kurt Krömer sitzt, der einen harten Rapper spielt, um ganz naiv immer wieder auf den Unfug der gesamten Diskussion hinzuweisen. Anne Will hatte leider keine einzige interessante Frage für ihn parat und wich ins Standardprogramm aus: „Warum singen Sie von Gewalt?“ (Tu ich nicht.) „Frauen sind Schlampen, Jungs coole Gangsta-Rapper, ist das in der Tat ihr Welt- und Frauenbild?“ (Nö.) „Schlagen Sie noch zu?“ (Nö.) Sido gegenüber saß bereits der Initialgast, Sternekoch Tim Raue, einst Mitglied der Kreuzberger Jugendgang „36 Boys“, der vor allem eine Botschaft rüberbringen wollte: Mache es wie ich, nutze deine Wut als Motor. Im Übrigen müsse die Staatsgewalt hart durchgreifen.

          Das konkrete Thema der Sendung hatte sich bereits nach wenigen Minuten erledigt, weil Raue den englischen Aufruhr nicht als Wutereignis einstufte, sondern als „Schwachsinn“. Sido ließ ähnliches verlauten zu den Berliner Autobränden („ist mir ein Rätsel“). Da war es dann auch kein Schaden mehr, Veronica Ferres dazuzuholen, ausgewiesene Expertin für Jugendgewalt, weil sie soeben in einem entsprechenden ARD-Film mitgespielt hat (jüngst war sie aus gleichem Grund noch Expertin für Qualen des Walfangs). Plötzlich ging es um Prügeleien zwischen Mädchen und irgendwie auch um Amokläufe.

          Ihre sicher stets zutreffende Antwort, alles sei eigentlich viel komplexer, illustrierte Frau Ferres folgendermaßen: Gewalt könne zwar durch Ausgrenzung entstehen, aber nicht zwingend, wie die tibetischen Mönche zeigten, unter denen nur Güte und Warmherzigkeit herrsche.

          Edmund Stoiber - der universale Talkshow-Joker

          Anne Will aber wollte es jetzt genau wissen, hakte nach: Wie sei es nun mit den Liedern Sidos? Führen die gesamtgesellschaftlich zu Gewalt? Veronica Ferres wies das zurück, mehr als ein Mosaiksteinchen sei so ein Lied nicht. Wo dermaßen komplex Soziologie betrieben wird, da ist die Bühne bereitet für den universalen Talkshow-Joker Edmund Stoiber, der in vielen Stottersalven und erstaunlichen Wendungen („in England gibt es keine Rehabilitation zum Beispiel, eine Reha-Klinik ist für einen englischen Patienten völlig unvorstellbar“) zahlreiche weitere Banalitäten in die Runde ballerte („Wir leben nicht mehr in einem Land alleine“) und dem offenbar einzig daran gelegen war, das Individuum nicht aus seiner Verantwortung zu entlassen.

          Der Journalist Christian Nürnberger hingegen machte genau umgekehrt 'das System' für enthemmte Jugendliche verantwortlich, „die sogenannten Finanzmärkte“ und ihre politischen Marionetten, zu denen er ganz explizit auch Stoiber zählte, womit die unbeholfen moderierte Diskussion nun endgültig aus dem Ruder lief. „Charity“ rief Raue, was Nürnberger quittierte: „Nein, keine Charity. Nein, keine Charity. Nein.“ Im Kindergartenalter müsse man beginnen mit der Gewaltprävention, meinte Frau Ferres noch. Sido: „Ich habe kein Wort verstanden jetzt hier.“

          Ohne jeden Plan und Esprit

          Kurz: Diese Sendung war eine Frechheit. Eine dermaßen niveaulose, unfokussierte, von Klischee zu Klischee eiernde und rhetorisch klägliche Diskussion ohne jeden Plan und Esprit erlebt man selbst im an Erbärmlichkeit nicht armen Laber-Fernsehen selten. Unklar bis zum Schluss blieb sogar, ob nun über (pseudo-)politisch motivierte Gruppengewalt oder über Gewalt im persönlichen Umgang gesprochen wurde - sehr unterschiedliche Dinge immerhin.

          Auch interessierte es niemanden, ob und woran man die spezifische Wut denn erkennen kann, die man der Internet-Generation hier so flott unterstellt hat. Alles in allem eine verpasste Chance, denn es gibt genug echte Experten, die zu den an sich sehr spannenden Themen Generationenkonflikt und Sozialkonflikt Kluges beisteuern könnten. Es bleibt eigentlich nur eine Erklärung: Die Moderatorin ist viel wütender als es den Anschein macht, und daher lässt sie nun, um sich fürchterlich am Sender zu rächen, jede Woche Edmund Stoiber die Welt erklären. Die Operation 'Kalter Mittwoch' hat gerade erst begonnen.

          Das Fernsehpublikum nahm „Anne Will“ am Mittwochabend nur mäßig an. Gerade einmal 1,22 Millionen Zuschauer schalteten die nun 75 Minuten lange Talkshow ab 22.45 Uhr im Durchschnitt ein; der Marktanteil lag bei 8,4 Prozent. Damit lag Will unter ihrem eigenen Wunschergebnis von „eineinhalb bis zwei Millionen Zuschauern“ - das hatte sie allerdings auch mehr als langfristigen Wert ausgegeben, nicht als Nahziel.
          Auch im Fernduell mit ZDF-Talker Markus Lanz lag Will hinten: Der erreichte mit seiner Sendung ab 23.15 Uhr immerhin 1,55 Millionen (10,6 Prozent) - beide Talkshows überschneiden sich eine Dreiviertelstunde lang.

          Anne Will hatte zuvor vier Jahre lang den ARD-Sonntags-Talk bestritten, wo sie zuletzt durchschnittlich 4,05 Millionen Zuschauer (14,1 Prozent) erreichte (1. Halbjahr 2011). Vom 11. September an übernimmt Günther Jauch den besten und quotenstärksten Talkplatz der ARD.

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