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Fernsehkritik: „Anne Will“ : „Ich komme dann noch einmal“

Im Würgegriff der Parteipolitik: Anne Will - umringt von Jürgen Rüttgers und Kurt Beck Bild: REUTERS

Anne Wills mit Spannung erwartete Sonntags-Talkshow begann mit einer Überraschung. Doch bald gewann das übliche Politiker-Sparring die Oberhand. Vor allem Kurt Beck brachte das Studiopublikum zum Stöhnen. Michael Hanfeld war dabei - und fühlte sich fast wie in alten Zeiten.

          Erst einmal kommt nicht Anne Will. Es kommt Edgar. Edgar ist der Redaktionsassistent. Gestern war er noch bei Florian Silbereisen und bei der Volksmusik, heute ist er bei „Anne Will“ und beim politischen Talk der ARD. Er erklärt uns, was wir zu tun haben: Anne Will „tatkräftig unterstützen“ nämlich, vor allem durch freundlichen Applaus an der richtigen Stelle. „Machen Sie der Anne Will einfach eine schöne Sendung“, sagt er, denn schließlich solle die ja Erfolg haben, „wie auch immer.“

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          So ist Fernsehen, so ist das Talk-Gewerbe. Der Erfolg hängt von der Moderatorin ab, von den Gästen und, in der Tat, vom Publikum. Von dem im Studio, das sich ein wenig frenetisch gebärden soll und natürlich von dem vor dem Fernsehbildschirm - das wird am nächsten Morgen gnadenlos bemessen nach der Quote. Anne Will aber vermittelt an diesem Abend den Eindruck, dass sie das nicht weiter belastet. „Ich fühle mich super“, sagt sie, als sie ihr Publikum im Studio vor der Show begrüßt. „Die Sendung soll gelingen, sie muss gelingen und sie wird gelingen“, sagt Anne Will. „Ich komme dann noch einmal. Dann legen wir los und Sie sind bei mir.“ Wir applaudieren.

          Es beginnt mit einer Überraschung

          Das Klatschen zum eigentlichen Beginn der Sendung funktioniert sogar richtig gut, obwohl hier rund hundert Medienprofis im Studio D in Adlershof sitzen, denen jungfräuliches Staunen über dieses Medium fremd ist.

          Und dann beginnt es tatsächlich mit einer Überraschung. Bei Anne Will sitzen zwar die „üblichen Verdächtigen“, etwa die Ministerpräsidenten Kurt Beck und Jürgen Rüttgers, doch das erste Wort hat eine Frau, die jeden Tag 130 Kilometer zur Arbeit fährt und fünf Euro brutto die Stunde verdient. Kerstin Weser arbeitet in einem Call-Center. Sie mag Arbeiten und sie mag ihren Job, doch er reicht nicht zum Leben. Tausend Euro brutto im Monat sind 810 Euro netto, sind zuwenig, um das Auto reparieren zu lassen, mit dem Kerstin Weser jeden Tag zur Arbeit fährt. Sie braucht zusätzliche staatliche Hilfe. Und die zu beantragen ist „entwürdigend und demütigend“. Sie arbeitet, aber sie kann nicht davon leben. Sie muss sich „immer wieder offenbaren“, keinen Euro kann sie ansparen, ihre Eltern müssen ihr unter die Arme greifen.

          Ein paar Minuten ohne Phrasen

          Die Geschichte von Kerstin Weser verfehlt ihre Wirkung nicht. Sie hat als Stilmittel etwas von dem, was Frank Plasberg in seiner Talkshow „Hart aber fair“ einsetzt. So bestimmt man die Dinge bei ihrem Nennwert, holt die Realität ins Studio und verhagelt den Phrasendreschern die Ernte. Weder Rüttgers noch Beck und auch nicht der Telekom-Vorstandsvorsitzende René Obermann kommen an Kerstin Wesers Schilderungen vorbei, die evangelische Bischöfin Margot Käßmann auch nicht, will und muss sie auch gar nicht, denn das Thema Arbeit und Würde des Menschen ist ihres. Anne Wills Konzept „Politik zu erden“, von dem später der NDR-Programmdirektor Volker Herres sprechen wird, geht tatsächlich auf, zumindest für ein paar Minuten.

          Doch es dauert auch nicht lange, bis Beck und Rüttgers zum parteipolitischen Sparring bitten. Kurt Beck hat sich für diesen Abend offenbar etwas ganz besonderes vorgenommen: Er will zeigen, wo bei der SPD der Hammer hängt, nämlich bei ihm. Also trommelt er fleißig auf Rüttgers ein, der erst einmal nicht dazu kommt, an seinem Profil als erster Sozialdemokrat der Union zu feilen. Wären wir beim Fußball, würden die Statistiker sagen: Ballbesitz Beck 78 Prozent. Allerdings schießt er keine Tore, Rüttgers kommt zurück und irgendwann geht Becks aufgesetzte Entrüstung zum Thema Hartz IV, der Kritik an der Agenda 2010 und dem großen, bösen, schwarzen Koalitionspartner auch dem Publikum im Studio auf den Wecker. Ein kollektives Stöhnen geht durch die Reihen, als Beck zum dritten oder vierten Mal den Zampano spielt und erzählt, dass Rüttgers und die Union und deren Haltung in der Großen Koalition mit einer konstruktiven Haltung zum Thema Mindestlohn so viel zu tun hätten wie „eine Kuh mit der Strahlenforschung“. Für solche gelungenen Sprachbilder ist der rheinland-pfälzische Ministerpräsident bundesweit bekannt. Während dessen nuschelt Rüttgers minutenlang in seinen nicht vorhandenen Bart, was er für die Kindergartenkinder in Nordrhein-Westfalen tun will. Darüber soll man keine Witze machen - über den Auftritt der beiden allerdings schon.

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