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Fernsehkrimi im Ersten : Wer länger schweigt, gewinnt das Spiel

Zen-Geist im deutschen Wald: Louise Boni (Melika Foroutan) und der Mönch Taro (Aaron Le) lassen Blicke sprechen. Bild: WDR/Willi Weber

Endlich mal eine Frau, die trinkt, raucht und neben der Spur läuft: Die ARD schickt Melika Foroutan als neue Kommissarin ins Rennen. In ihrem ersten Fall geht es um - Begierde und Zen.

          Wenn ein Mann nach dem anderen zu dieser Frau sagt: „Wir müssen reden“, aber nichts zu hören bekommt, weil sie sich schweigend eine Kippe ansteckt oder mit kühler Präzision das nächste Glas Wodka leert, ist das für eine Fernsehkommissarin schon mal ein gutes Zeichen. Wenn schnell klar wird, dass diese Frau von der Kripo Aachen nicht nur ein veritables Alkoholproblem mit sich herumschleppt, sondern im Begriff ist, wieder einen Fall gegen die Wand zu fahren - umso besser. Schon lange haben wir uns eine Ermittlerin gewünscht, die als so verkrachte Existenz auftreten darf, wie sonst nur ihre männlichen Kollegen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Und tatsächlich ist Louise Boni (Melika Foroutan) keine dieser glatten Überfrauen, denen eine Entourage von Trotteln zur Seite gestellt ist, sondern eine Figur am Abgrund. Ein dramaturgisches Wagnis ist sie trotzdem nicht. Dazu bringt die Kommissarin viel zu viel von dem mit, was man so braucht als Heldin zur besten Sendezeit: Louise ist sperrig, aber attraktiv, sie mag unkooperativ sein, doch es besteht kein Zweifel: Ihre Intuition wird die Mittdreißigerin auf die richtigen Fährten führen.

          Geronnenes Blut am geschorenen Schädel

          Selbst dann, wenn ihr erster Fall zunächst gar kein Fall zu sein scheint. Ein buddhistischer Mönch irrt irgendwo im Ländlichen vor den Toren der Stadt herum, weiß staubt der Schnee von seinem schwarzen Gewand, an seinem geschorenen Schädel klebt geronnenes Blut. Wer hat ihm die Kopfwunde beigebracht? Warum? Flieht der Japaner? Vor wem und wohin? Louise Boni fragt nicht viel, als ein Dorfpolizist sie ruft, sie folgt dem Zen-Mönch in den Wald, die Waffe in der Hand, und duckt sich neben den, der nur wenige Unverständlichkeiten auf Japanisch von sich gibt und viele Blicke wie von weit her aussendet, in einen Hohlweg. Oben rascheln Männer durchs Laub, Angst steht in den Augen des Verletzten, alles ist wie in einem Traum. Licht und Schatten malen Bilder von düsterer Schönheit, dann schläft Louise ein, und der Mönch ist verschwunden.

          Diese somnambule Stimmung, untermalt von basslastiger Musik, trägt „Begierde - Mord im Zeichen des Zen“. Es ist die filmische Umsetzung des ersten Louise-Boni-Romans von Oliver Bottini, mit dem er seine vielgelobte und erfolgreiche Krimi-Reihe eröffnete. Und eine Serie soll nun auch im Ersten aus den Stoffen werden. Unter der Regie von Brigitte Maria Bertele setzt die erste Folge (Drehbuch: Hannah Hollinger) ganz auf Atmosphäre und Unausgesprochenes - und lässt sich viel Zeit bei der Entwicklung der Handlung.

          Zum Kriminalfall wird die Geschichte erst, als ein Polizist schwer verletzt und ein weiterer ermordet wird. Louise sucht den oder die Täter, sie wird es bald auf eigene Faust tun, vom Dienst suspendiert. In ihrer Wohnung wartet ihr Vater auf sie und will mit ihr - reden. Wir erfahren von ihrem toten Bruder, bruchstückhaft, und von ihrer Mutter, die etwas verdrängt. Die Polizistin trinkt lieber, statt sich mit Familiengeschichten zu beschäftigen, holt sich einen Taxifahrer von Mitte zwanzig ins Bett und sucht nach der Wahrheit im Zen-Kloster. Die Geduld ihrer Kollegen (Anian Zollner, Frank Seppeler) stellt sie immer wieder vor schwere Proben. Erst als sie ihr Leben riskiert, kommt sie der Wahrheit nah: Es geht um illegale Adoptionen, Kinder aus Asien tauchen auf und verschwinden, und der Japan-Spezialist Richard Landen (Barry Atsma) scheint viel zu getränkt von Zen-Geist, um wahrhaftig zu sein.

          Das alles ist dicht inszeniert und gut gespielt, mit wenigen, dann aber auch immer wieder überklugen Worten. Buddhisten üben das innere Loslassen, erfährt Louise. Die Inszenierung, in deren Zentrum sie steht, will oft so viel, dass es verschwurbelt wird. Aber sie ist vielversprechend.

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