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Fernsehkrimi : Die amoralischen Strukturen der Macht

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Noch ist er kooperativ: Salerno-Chef Siebert (Friedrich von Thun, m.) beratschlagt sich mit Tom (Devid Striesow, r.) und dessen Mitarbeitern Bild: ZDF/Aki Pfeiffer

Der Wirtschaftskrimi „Ein mörderisches Geschäft“ vereint einen Kriminalfall mit einer verhinderten Liebesgeschichte - brilliant besetzt und packend gespielt.

          Die Salerno AG hat schon bessere Tage gesehen. Seit einem halben Jahr ist der traditionsreiche Maschinenbauer in den roten Zahlen. Ein Zeitraum, der genügt, um die von Quartalszahlen zu Quartalszahlen denkende Konzernspitze in Aufruhr zu versetzen. Ob die Sorgen mehr dem eigenen Bonus am Jahresende oder eher den mehr als tausend Arbeitsplätzen gelten, die im Oberhausener Werk gefährdet sind?

          Irgendetwas läuft jedenfalls gewaltig schief bei Salerno, trotz der Millionenbürgschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, trotz des Verkaufs eines Nebenwerks in der Slowakei und trotz der Turbinenlieferungen an China. Also müssen externe Berater her und mit ihnen Fakten, Fakten, Fakten. Denn darauf bestehen die Berater in branchenüblichem Jargon, als sie sich der Belegschaft präsentieren. Sie selbst treffen keine Entscheidungen, sagen sie. Ihre Aufgaben beschränken sich auf Produktivitätsanalyse, Business-Engineering, die Analyse des Kostenmanagements, des Cashflows und so weiter. Ihr Job sei nicht das Reden, sondern das Zuhören. Ihr Abschlussbericht werde lediglich Empfehlungen enthalten. In ihren Augen ist es seltsam, dass die Arbeiter und speziell der Betriebsrat ihrem Engagement so feindlich begegnen. Was das Beste für Salerno ist, muss das Beste für alle sein.

          „Ein mörderisches Geschäft“ ist kein (weiterer) Dokumentarfilm über die unsichere Zukunft des produzierenden Gewerbes im Ruhrpott, kein Film übers Zechensterben oder die Verlagerung einer Produktion nach China und trotzdem so authentisch, als wäre er einer. „Ein mörderisches Geschäft“ ist Fiktion, man muss es betonen, ist ein Wirtschaftskrimi, der Thrillergenre und eine verhinderte Liebesgeschichte mühelos, hochspannend und höchst erhellend vereint. Selten gelingt die Darstellung der Mechanismen, nach denen Großunternehmen funktionieren und der amoralischen Machtstrukturen, die sich beim kapitalistischen Marktspiel fast zwangsläufig herausbilden, so wirklichkeitsnah und gleichzeitig unterhaltsam wie in dieser Teamworx-Produktion.

          Das Team am Einsatzort: Die Experten Sean Ribot (Steffen Schroeder, l.), Micha Schütze (Hannes Wegener, 2.v.l.), Alina Liebermann (Christiane Paul) und Tom Winkler (Devid Striesow, r.) sollen die Chancen der Salerno-Werke einschätzen

          Wirtschaft ist in diesem Land, ebenso wie Politik, immer noch ein heikles Thema im gehobenen Fernsehunterhaltungsbereich. Eine andere Teamworx-Produktion, der im vergangenen Jahr für den Grimme-Preis nominierte Spielfilm „Im Dschungel“ (WDR), zeigt das auf schlagende Weise. In dem Film, der sich verdienstvoll die Aufarbeitung des VW-Betriebsratsskandals zum Thema gemacht hat, ist alles grob überzeichnet, was der genaueren Betrachtung bedurft hätte: Die fiktiven ZOR-Werke sind ein übler Sumpf der Korruption mit hinterhältigen Managern und käuflichem Betriebsratschef (Heino Ferch), in dessen Fänge der junge Arbeiter mit reinem Herzen (Ronald Zehrfeld) gerät.

          Krieg aller gegen alle

          Die breit ausgewalzte Inszenierung schwitzender Leiber im Edelpuff und die echte, wahre, große Liebe zur machthungrigen Managerin (Ina Weisse) ließen „Im Dschungel“ viel zu holzschnittartig aussehen. Wo „Im Dschungel“ naiv war, ist „Ein mörderisches Geschäft“ raffiniert. Hier stehen neben den jungdynamischen Beratern Tom Winkler (Devid Striesow), Alina Liebermann (Christiane Paul) und Micha Schütze (Hannes Wegener) der patriarchalische Geschäftsführer Rüdiger Siebert (Friedrich von Thun) im Zentrum des Konflikts um die Salerno AG, der sich fast zu einem Krieg aller gegen alle ausweitet. Jeder hat eine andere verborgene Agenda hinter seinem offensichtlichen Auftrag; alle agieren im - für Tom tödlichen - Spiel der Mächtigen und betreiben hinterrücks ihr persönliches Extraspiel. Nur der Berater Tom kommt auf die große Schweinerei.

          Brillant besetzt und jenseits des Klischees packend gespielt, zeigt der Film, was der Wille zur Macht als eigentliche Triebfeder der meisten seiner Figuren im Bereich des individuell Moralischen und gesellschaftlich Wünschenswerten anrichtet. In der Manier eines klassischen Thrillers von Martin Eigler in Szene gesetzt und von Christoph Chassée kühl-stimmungsvoll fotografiert, überzeugt das Buch von Sönke Lars Neuwöhner und Martin Eigler bis ins Detail.

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