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Emmanuel Macron : Sie stellen ihm keine Fragen, sondern Fallen

Fragen bitte: Edwy Plenel, Emmanuel Macron, Jean-Jacques Bourdin (von l.) Bild: FRANCOIS GUILLOT/POOL/EPA-EFE/RE

Emmanuel Macron spricht nicht nur vor dem EU-Parlament, im Fernsehen erklärt er sich auch den Franzosen. Die Journalisten versuchen, ihn aus der Reserve zu locken. Doch sie verlieren nach Punkten.

          Es war eine Sternstunde im Wahlkampf um die französische Präsidentschaft und die Kampagne bereits abgeschlossen. Am Vorabend der Wahl vor einem Jahr begab sich Emmanuel Macron in die Redaktion von „Mediapart“, der ebenso engagierten wie erfolgreichen Online-Zeitung ohne Werbung. Edwy Plenel, einst die Nummer zwei bei „Le Monde“, hatte das Portal zusammen mit renommierten Journalisten, die ebenfalls ihre Abgangsentschädigung investierten, gegründet. Junge Redakteure diskutierten mit dem Kandidaten, im Internet gab es eine wackelnde Live-Übertragung ohne Showeffekte. Man trank Kaffee aus Kartonbechern. Themen wurden vertieft, unterschiedliche Meinungen ohne Feindseligkeit vorgetragen. Macron, entspannt und zuversichtlich, versprach: Ich komme wieder. Am Sonntagabend löste er sein Versprechen ein.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Edwy Plenel ist ein Journalist mit glorreicher Vergangenheit und leicht befleckter Gegenwart. Er war Trotzkist und brachte „Le Monde“ einst den Enthüllungsjournalismus bei. Von Mitterrand, um dessen private Staatsgeheimnisse er wusste, wurde Plenel abgehört. „Charlie Hebdo“ hat ihm kürzlich Blindheit gegenüber dem Islamismus und die Komplizenschaft mit Tariq Ramadan vorgeworfen: Plenel verglich sich darauf richtig obszön mit den ermordeten jüdischen und armenischen Widerstandskämpfern im Krieg, die auf dem berühmtem Plakat „Affiche Rouge“ als Terroristen zur Fahndung ausgeschrieben und hingerichtet wurden. Kollegen, von denen sich Sarkozy im Elysee interviewen ließ, bezeichnete er als Lakaien der Macht. Dass er Journalismus nicht einfach nur als Information und Aufklärung versteht, sondern als Mission, Opposition und Widerstand betreibt, zeigte sich auch am Sonntagabend.

          Edwy Plenel hatte sich geweigert, das lange vor dem Vergeltungsschlag gegen Syrien verabredete Interview im Elysee zu machen. Es fand im „Théâtre National de Chaillot“ statt. Im Hintergrund funkelte der Eiffelturm als Kulisse, als würde seine Nachbildung aus Las Vegas eingeblendet. Zusammen mit Plenel saß Jean-Jacques Bourdin dem Präsidenten gegenüber. Als Interviewer ist Bourdin, der im Nachrichtensender „BFM-TV“ täglich Politiker befragt, bedeutend erfahrener. Er hat in Frankreich einen sehr direkten, ziemlich populistischen Gesprächsstil eingeführt. Sein journalistisches Selbstverständnis: die „Stimme des Volkes“ hörbar machen. Das Problem, über das sich Bourdin am meisten ereiferte, war der vorübergehende Kaufkraftverlust von 25 Euro, der Frankreichs Rentner zwischen zwei Reformen trifft, aber bald kompensiert werden soll.

          Es ist durchaus löblich und heilsam, dem Präsidenten solche Fragen zu stellen. Sie zeugen vom Bemühen um eine neue, von mehr Distanz und Kritik geprägte Beziehung zwischen Macht und Medien, die für beide Seiten eine Notwendigkeit ist.

          Die beiden Alphatiere des geschriebenen und des gesprochenen journalistischen Wortes spielten indes nicht besonders gut zusammen. Sie duzten sich kumpelhaft und schafften es, Macron nie als „Monsieur le Président“ anzusprechen. Nicht einmal ein „Monsieur“ kam über ihre Lippen, sie nannten ihn nur bei seinem Namen: nicht wahr, „Emmanuel Macron“? Der Anspruch, mit der Servilität ihrer Vorgänger zu brechen, ließ Bourdin und Plenel zuweilen als unhöflich erscheinen. Er sei nicht der Lehrer und sie, die Journalisten, seine Schüler, sagten sie ihm ins Gesicht. Und fragten, ob er nicht von einer „kindischen Illusion von Allmachtphantasien“ beseelt sei. Stellenweise gebärdeten sich die Journalisten übermäßig aggressiv. Es steckte sehr viel Theater und Selbstinszenierung in ihrem Auftritt, peinlich wurde es, wenn die Kamera Plenels selbstgefälliges Grinsen zeigte. Es ging nicht darum, ein Maximum aus Macron herauszuholen, Widersprüche aufzudecken. Nicht Fragen – Fallen wurden gestellt. Und bevor der Präsident richtig antworten konnte, kam schlagartig die nächste. Es war wie beim Boxen.

          Es bleibt auch Emmanuel Macrons Verdienst, die neuen Spielregeln zu akzeptieren. Er hatte weniger Mühe als die Journalisten, die sich noch nicht wirklich in ihre veränderte Rolle eingelebt haben. Immer wieder ließ er sie ins Leere laufen: „Ist das nun eine Frage oder eine Anklage?“ Einmal bedankte er sich für den Hinweis darauf, was er zu tun habe. Er gab sich höflich und zurückhaltend. Seine Steilvorlage, dass er Präsident Trump überredet habe, die amerikanischen Truppen in Syrien zu lassen, nahmen die Journalisten nicht auf.

          Inhaltlich war die mehr als zwei Stunden dauernde Improvisation im Theater völlig unergiebig und Macron in der Sache keineswegs überzeugend. Aber das musste er dank der unfreiwilligen Hilfe der Journalisten auch nicht sein. Er konnte demonstrieren, dass er im Gegenwind nicht einknickt, ein Präsident für stürmische Zeiten sein kann. Er war kämpferisch, und er war den Gegnern an Selbstbewusstsein wie Schlagfertigkeit überlegen. Zeitweise wirkten sie wie Sparringpartner. Es war ihr Irrtum, einen K.o.-Sieg anzustreben. Macron gewann nach Punkten.

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