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Fernsehfrühkritik „Beckmann“ : Geist genügt zur Geisterstunde nicht

Kein Anflug von Altersmilde: der französische Résistancekämpfer und Empörer Stéphane Hessel Bild: dpa

„Beckmann“ sieht im Lande allerorten Bürgerwut, auch wo es friedlich-demokratisch zugeht. Zorn und Empörung über nordafrikanische Tyrannen müssen dagegen Zaungäste bleiben. Und im Lager der Enthüller herrscht Langeweile.

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          Wer über die Talkkultur im Fernsehen bisweilen verzweifelt, dem sei ein mehr als zweitausend Jahre alter Trost ans Herz gelegt: „Man kann ebenso gut mittelst langsamer wie mittelst rascher Überlegung das Rechte treffen“, schreibt Aristoteles im sechsten Buch der „Nikomachischen Ethik“. Und was ein alter griechischer Philosoph sagt, ist wahr. Also hat auch das Fernsehen seine Chance. Leider nutzt es sie so selten. Das konnte rund um Mitternacht wieder einmal besichtigt werden, als bei „Beckmann“ mit dem ehemaligen Hamburger Ersten Bürgermeister Klaus von Donanyi und dem französischen Publizisten Stéphane Hessel zwei eher betagte, aber durchaus rasch überlegende Herren und mit dem ehemaligen Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg ein noch recht junger, aber durchaus bedächtiger Mann auftraten, um sich des Themas „Bürgerwut“ anzunehmen. Ja, die Gäste entfalteten Geist zur Geisterstunde. Aber das genügte nicht. Wir alle wissen ja mittlerweile, was der Kairos ist: der rechte Moment. Und nicht notwendig kommt das Richtige, was man sagt, auch rechtzeitig.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dabei muss man der Sendung hoch anrechnen, dass es in ihr nicht um die Dissertation des Bundesverteidigungsministers ging. Ja, das darf man geradezu mutig nennen, schließlich hätte „Beckmann“ eine Guttenberg-Talk-Trias einleiten können, die heute Abend mit „Menschen bei Maischberger“ und morgen Abend mit „Hart aber fair“ fortgesetzt würde, die sich beide ausschließlich der Plagiatsfrage widmen. Doch es gibt tatsächlich Wichtigeres in der Welt. Zum Beispiel hatte man unmittelbar vor „Beckmann“ in den Tagesthemen hören müssen, dass es neben Bürgerwut auch noch Tyrannenwut gibt und dass die mehr Opfer kostet als ein Aufstand der Anständigen.

          Einigkeit im Dissens

          Darüber, so gebot es die Stunde, hätte man sprechen müssen. Aber dieses Geschehen focht Reinhold Beckmann kaum an. Ja, es sei etwas später geworden, so hieß es gleich zum Auftakt seiner Sendung. Acht Minuten hatten die Tagesthemen immerhin überzogen. Der Grund dafür, die libyschen Unruhen, aber war Beckmann anfangs keine einzige Silbe wert. Sein zweiter Satz nach der Verspätungsmeldung im Stil einer Bahnhofsdurchsage von heute Morgen war bereits die Überleitung zum zuvor festgelegten und also unausweichlichen Thema: die Hamburg-Wahl. Dabei sollte es doch gerade um Zorn und Empörung in der Sendung gehen, aber da selbst „Beckmann“ wohl auf die Schnelle ergänzend keinen Libyer auftun konnte, der seinen Diktator aus der Ferne beschimpft hätte, war es der älteste Teilnehmer, Stéphane Hessel (stolze dreiundneunzig Lenze zählend, die man seinem Temperament und seiner Sprachsicherheit nicht anmerkte), der als Entschiedendster des Gäste-Trios auftrat.

          Ruhebedürfnis vor Empörungspflicht: der frühere Bundesbildungsminister und ehemalige Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi

          Seine in Frankreich hunderttausendfach verkaufte, nun auch auf Deutsch erschienene kleine Streitschrift „Empört euch!“ lieferte Reinhold Beckmann den Titel für seine Sendung. Das Gespenst aber, das in der Geisterrunde zur Geisterstunde umging und vom Moderator Reinhold Beckmann kräftig beschworen wurde, war eher der zivile Ungehorsam als wirkliche Revolution. Und von einem Politiker wie dem auch schon zweiundachtzigjährigen Dohnanyi darf man nicht einmal große Sympathie dafür erwarten. Seine Meinung zum Triumph der SPD in Hamburg lautete: „Man muss sich um die Wirtschaft kümmern, und erst dann kann man sozial sein.“ Empörung, die Hessel zur ersten Bürgerpflicht erklärt, ist eine Kategorie, mit der Dohnanyi nicht viel anfangen kann. Aber die beiden soignierten Herren waren sich in ihrem gegenseitigen Respekt viel zu einig, als dass aus ihrer Unterhaltung mit Beckmann mehr als ein verbindliches Geplauder hätte werden können. Der Moderator hatte völlig recht, als er nach zwanzig Minuten sagte: „So, an dieser Stelle können wir das Gespräch beenden.“ Wie wahr, aber leider sollte das ein Scherz sein.

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