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Filmfestival Baden-Baden : Fernsehenden Auges in den Abgrund

Für den Film „Zuckersand“ gab es in Baden-Baden den Fernsehfilmpreis: Szene aus dem Film mit Deborah Kaufmann und Valentin Wessely. Bild: BR

Das Fernsehfilmfestival von Baden-Baden gilt als Vorweihnachtstreff der Branche. Doch diesmal ist alles anders: Eine Jury vergibt keinen Preis, die andere grämt sich. Die Sender bekommen ihr Fett weg. Was ist da los?

          6 Min.

          Baden-Baden. Hier wird über die Zukunft des deutschen Fernsehfilms gestritten. Ausgerechnet hier. Wo die großen Pendeluhren aus dunklem Holz, die in leeren Hotelfluren darüber wachen, dass alles so bleibt, wie es ist, nur so tun, als verginge die Zeit. Sie schlagen zwölf – aber nur dann, wenn es ihnen passt. Denn es hat sie schon lange niemand mehr korrekt gestellt.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Doch dass die Zeit hier stillsteht, das täuscht. Während des diesjährigen Fernsehfilmfestivals, das in der vergangenen Woche stattfand, ragen so viele Zeit- und Realitätsebenen ineinander oder überlagern sich, dass es einen schwindeln kann. Wer will, kann an vier Tagen jeweils bis zu sieben Stunden lang deutschsprachige Fernsehfilme sehen. Die Pausen dauern maximal zwanzig Minuten. Danach kommt man sich schon etwas gestrig vor.

          Doch diesmal schlägt die Zukunft zurück, am Abend der Preisverleihung, mit der selbstbewussten Studenten-Jury. Für einen Augenblick stehen die Studenten der Filmakademie Baden-Württemberg, der Hochschule für Fernsehen und Film München sowie der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf fast ratlos auf der Bühne des Bénazetsaals des Kurhauses und müssen Atem holen. Dann lesen vier von ihnen eine Erklärung vor: „Ein Film, der von Studenten ausgezeichnet wird, muss als Allerletztes perfekt sein. Er muss uns jedoch grundlegend begeistern und in die Zukunft weisen.“ Die Studenten haben beschlossen, keinen Preis zu vergeben. Nicht, weil sie uneins gewesen wären, sondern – weil „nicht ein einziger Film auch nur ein einziges Jurymitglied wirklich zu begeistern vermochte“. Fernsehen könne und müsse mehr. „Auch Preise haben eine Verantwortung!“ Im Saal Aufstöhnen, Lachen, Raunen, vereinzelter, dann stärker werdender Applaus. So etwas gab es hier noch nicht.

          Gruppenbild mit Jury und Preisträgern: Abschluss des Fernsehfilmfestivals in Baden-Baden.

          Auch die Hauptjury – mit der Juryvorsitzenden und Präsidentin der Münchner Filmhochschule Bettina Reitz, der Journalistin Bettina Böttinger, der Schriftstellerin Thea Dorn, dem Schauspieler Burghart Klaussner und dem Regisseur Christian Schwochow – tat sich schwer. „Wenn das der qualitative Querschnitt des deutschsprachigen Fernsehfilms sein soll, steht er in ein paar Jahren am Abgrund.“

          Dieser Satz sei in einer internen Jury-Diskussion gefallen, berichtet Bettina Reitz, und „sollte ein Warnsignal für uns alle sein“. Es habe durchaus ausgereifte Angebote gegeben, die aber „genauso gut vor fünf oder zehn Jahren hätten laufen können“. Sicher müsse nicht jeder Film das Rad neu erfinden. Doch gewinne man den Eindruck, dass es an erzählerischen Anknüpfungspunkten an „unsere Gegenwart, die voller brisanter, aufwühlender und herausfordernder Themen ist“, mangele.

          Auch der Film „Katharina Luther“ wurde auf dem Fernsehfilmfestival gewürdigt: Karoline Schuch als Katharina von Bora.

          Dass Filme wie „Terror“ von Lars Kraume, Dominik Grafs „Tatort. Der rote Schatten“ oder „Club Europa“ von Franziska Hoenisch nicht in die Auswahl gelangten, sei unverständlich, sagte Bettina Reitz. Lieferten sie doch „Zündstoff für eine inhaltliche Auseinandersetzung, die uns aus der Komfortzone heraus und mitten hinein in die Unsicherheiten unserer Existenz werfen“. Stattdessen sei man in der Jury fassungslos gewesen, wieso manche Filme von den Sendern zum Wettbewerb vorgeschlagen worden seien. Die Sender sollten genauer prüfen, welchen Film sie einreichen, die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste solle als Trägerin des Festivals prüfen, warum wichtige Filme außen vor blieben. Auch wenn sich der Präsident der Akademie, Hans-Jürgen Drescher, zuvor nicht an einem „modischen Bashing der öffentlich-rechtlichen Sender“ hatte beteiligen wollen, machte er deutlich, dass man von den Sendern mehr erwarte. Es sei besorgniserregend, dass ihren Kulturauftrag anscheinend „nachrangig“ behandelten.

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