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Fernsehfilm zum Reichstagsbrand : Bis zu dem Funken, der alles entzündet

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Auf Fluchtfahrt: Anna Loos und Jan Josef Liefers beim Dreh zu „Nacht über Berlin - Der Reichstagsbrand“ Bild: UFA/ARD

Der Reichstagsbrand liefert die historische Vorlage für den ARD-Film „Nacht über Berlin“ mit Anna Loos und Jan Josef Liefers, der rund um den Jahrestag 2013 ausgestrahlt werden soll. Ein Besuch beim Dreh.

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          Feuer! Doch er steht ruhig da, kerzengerade. Dichter Rauch hüllt ihn in dunkelgraues Zwielicht, nur seine Silhouette zeichnet sich ab, der steife, dicke Kragen seines Mantels, die Schultern, der Schopf. Plötzlich stürzt er los, zur Tür, ruckt und rüttelt an der Klinke, zieht, drückt, rennt hinaus. Die Flamme, eben noch schnurgerade, neigt sich im Windzug ihm nach, während er, endlich draußen, unaufhörlich hustet. Überall Rauch. „Sieht schon ganz nett aus“, sagt einer der Brandstifter, noch unzufrieden. Die Flamme muss noch etwas höher lodern. Den Nebel aber bitte genauso.

          Die Feuerwerker, die den Rauch in die Kellergewölbe des Leipziger Neuen Rathauses gepumpt haben, und er, der deshalb keucht, machen gemeinsame Sache: den ARD-Film „Nacht über Berlin - Der Reichstagsbrand“, produziert von der Ufa. In vielerlei Hinsicht stellen der Regisseur Friedemann Fromm, seine Effektspezialisten und der Hauptdarsteller Jan Josef Liefers die berühmteste Brandlegung der neueren deutschen Geschichte nach. Es geht um den 27. Februar 1933, den Tag, an dem der Plenarsaal des Parlamentsgebäudes in Flammen aufging.

          Der Kriminalfall bleibt ungelöst

          In Leipzig brennt es kontrolliert. Mit Farbfiltern abgehängte Leuchtstrahler tauchen die Wände in ein bernsteinfarbenes Licht, die Flammen züngeln im Handumdrehen mal mehr, mal weniger. Berechenbare, geruchlos lodernde Gefahr. Über die genauen Abläufe der unberechenbaren Feuersbrunst von damals hingegen - ob Einzeltat des Marinus van der Lubbe, ob kommunistische oder nationalsozialistische Verschwörung - setzen sich Historiker noch immer auseinander. Unumstritten ist die Entschlossenheit, mit der die Nationalsozialisten das Geschehen für ihren Machtausbau instrumentalisierten. Am 28. Februar 1933 erging die Verordnung des Reichspräsidenten „zum Schutz von Volk und Staat“. Die Weimarer Verfassung war passé.

          Nächste Einstellung: der Kameramann Jo Heim (links) und Regisseur Friedemann Fromm

          Fromm hat sich nicht vorgenommen, den Kriminalfall zu lösen. Der Film widmet sich vielmehr der Zeit davor, er beleuchtet die Schnittstelle zwischen Demokratie und Diktatur. Er untersuche, sagt Fromm, „wie ein einziger Funken ausreicht, um alles zu verändern“. Die Handlung setzt ein im weltwirtschaftskrisengeschüttelten Berlin von 1932. Von sozialen und politischen Unruhen bestimmt, droht die junge Demokratie der Weimarer Republik ob der Spannungen zwischen linken und rechten Extremisten zu zerbersten. Im Wahlkampf herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände, für die der Szenenbildner Lothar Holler die Berliner Straße in Babelsberg mit Plakatträgern unterschiedlichster Splitterparteien bevölkert. Noch erscheint die NSDAP nicht übermächtig.

          Zaghafte Rettungsversuche

          Die Aggressivität, mit der Hitlers Männer sich Stück für Stück vorkämpfen, ist selbst den Komparsen in Fleisch und Blut übergegangen. Der Schauspielschüler Erik Köhler steht und geht in seinem steifen NSDAP-Aufzug straffgespannt, wie ein Parteisoldat damals sein sollte. Körpersprache der offensichtlicheren Art verdeutlicht auch die sich zuspitzende Gefahr: „Herr Goldmann“, so pfeift ein weiterer NSDAP-Mann die von Jan Josef Liefers gespielte Hauptfigur, einen SPD-Abgeordneten, wohltätigen Arzt und Juden, nach einer hitzigen Parlamentsdebatte zurück. Leipzigs Rathaus stellt sein Echo zur Verfügung, der Nazi-Hut wirft einen Schatten an die Wand. Ohne Worte, aber mit spitzem Zeigefinger am Hals enthauptet der NSDAP-Mann Goldmann per Geste. Es sind Drohungen, die in diesem Augenblick grob unterschätzt werden. „Wir stehen das durch“, versucht der SPD-Fraktionskollege zu beschwichtigen, „bei der nächsten Wahl sind die wieder draußen.“

          Die Szene hat dramatische Wucht: Aus der Perspektive der damaligen Gegenwart scheint den Demokraten der Staat noch zu retten. Aus heutiger Sicht erscheinen die Rettungsversuche zu zaghaft, die Demokratie steuert auf ihren Untergang zu, Albert Goldmann zählt zu denjenigen, die bald auf den Todeslisten stehen.

          Wie baut man die Welt von 1932?

          Wie kann der Film die Zuschauer davor bewahren, den Reichstag schon a priori in Flammen zu sehen? Das Ende ist schließlich bekannt. Vielleicht gelingt es, indem die Situation aus dem Augenwinkel zweier Liebender geschildert wird. Die Beziehung Albert Goldmanns zu der aus konservativen Kreisen stammenden Ballhausbesitzerin Henny Dallgow (Anna Loos, rotlippig und pagenköpfig selbstbewusst) erlaubt dem Regisseur Fromm, die „Gesellschaft großer Gegensätze“ zu illustrieren. Die Verbindung von Liefers und Loos, Wedding und Charlottenburg, Alberts Parlamentssitz und Hennys Politikverdrossenheit, soll den Abstand zwischen den gesellschaftlichen Polen der frühen dreißiger Jahre auf persönlicher Ebene skizzieren, die historische Kulisse im Hintergrund.

          Der Szenenbildner Holler baut diese Welt von 1932 nicht nur sorgfältig nach. Ein Stück von damals hat er sogar nach Leipzig geholt. In ihrer ganzen eichenhölzernen Mächtigkeit steht eine Bank, wie verloren oder falsch abgestellt, im romantischen Marmor-Ambiente des Rathauses. Laut Holler ist sie das einzig erhaltene Möbelstück aus dem Berliner Reichstagsgebäude, das sich noch in Deutschland befindet. An dem festen Leder ihrer breiten Lehne, aus der ein brüchig-silbriger Reichsadler kräht, ist das Feuer spurlos vorbeigegangen. Die Zeit nicht.

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