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Fernsehfilm „Unter der Haut“ : Aidskrank durch Medikamente

Der Anblick täuscht: Das leben von Martin Siedler (Friedrich Mücke) ist kein langer, ruhiger Fluss. Bild: NDR/Christine Schroeder

In den achtziger Jahren haben sich Tausende Bluterkranke durch Medikamente mit Aids infiziert. Der Film „Unter der Haut“ ruft einen fast vergessenen Pharmaskandal in Erinnerung.

          Martin Siedler geht es gut. Verliebt lässt er sich mit seiner Frau Sabine im flachen Wasser des Badesees treiben. Die beiden haben gerade ihre Flitterwochen hinter sich, bewohnen einen schmucken Bungalow, im Job läuft es gut. Martin ist Kommunikationschef der Pharmafirma Sonne. Sein Chef hält große Stücke auf ihn. Dass Martin Bluter ist und sich selbst das Blutgerinnungs-Medikament spritzt, mit dem sein Unternehmen so erfolgreich am Markt ist, wissen nur seine Frau und seine Mutter. „Es geht uns doch gut“, sagt Martin, „wir haben doch uns.“

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Als er das seiner Frau entgegenschleudert, geht es schon längst nicht mehr gut. Auf die Nachricht, dass sie schwanger ist, reagiert der sonst so besonnene Mann geradezu hysterisch. Ein Kind? Jetzt? Hatten die beiden nicht eine Verabredung, in zwei Jahren noch einmal zu „verhandeln“, ob sie Eltern werden wollen? Für Sabine ist das keine Verhandlungssache, für Martin ist es eine Schicksalsfrage. Er hat seinen Bruder Andreas sterben sehen, der Bluter war wie er. Eigentlich vermisse er ihn nicht, sagt Martin einmal so bestimmt, dass klar ist: Das ist eine Lüge. Er will sich bloß nicht erinnern. „Wenn man Erinnerungen verbrennen könnte, würde ich ein Riesenfeuer machen“, sagt er. Sein Bruder erscheint ihm jede Nacht im Traum. In Rückblenden sehen wir die beiden Fußball spielen und schwimmen. Jetzt zieht Martin mit einem befreundeten Arzt oder allein seine Bahnen. Er ist ein guter Schwimmer. Das Element Wasser hat es ihm angetan.

          1400 Bluter haben sich mit Aids infiziert

          Mit diesem spielt auch die Kamera von Anton Klima. Das Wasser als Quell des Lebens durchzieht den Film, dessen ruhige Bilder mit der Regie von Friedemann Fromm korrespondieren. In leisen Tönen erzählt Fromm nach einem Drehbuch von Eva und Volker Zahn eine Geschichte über einen Skandal aus den achtziger und frühen neunziger Jahren. Damals infizierten sich zahlreiche Bluterkranke durch verseuchte Präparate mit dem HI-Virus. Die Gefahr wurde lange ignoriert, betroffene Pharmafirmen verschleppten die Aufklärung, bis sie ihre Bestände unsicherer Medikamente losgeschlagen und durch neue, sichere Präparate ersetzt hatten. In Deutschland, heißt es, haben sich damals rund 1400 Bluterkranke mit Aids infiziert, tausend sollen an der Krankheit gestorben sein. Tausend Menschen, deren qualvolles Sterben hätte verhindert werden können.

          „Uns geht es doch gut“, sagt Martin Siedler (Friedrich Mücke) zu seiner Frau Sabine (Karoline Schuch). Doch wie lange gilt das noch?

          Dass Martin Siedler einer von ihnen sein wird, ahnen wir in dem Film „Unter der Haut“ recht bald, sehr viel früher jedenfalls, als er selbst sich es eingestehen will. Im Gegenteil, als die Forscherin Barbara Wenning (Bibiana Beglau) mit alarmierenden Erkenntnissen über die Verbreitung von Aids durch Bluterpräparate auftaucht, setzt Martin alles daran, ihre Glaubwürdigkeit zu untergraben. Er schreckt auch vor Verleumdung nicht zurück. Dabei spürt er am eigenen Leib, was los ist. Während er in der Öffentlichkeit den Pharma-Zampano gibt, kursiert in der Firma ein geheimes Dossier, das die Gefahr der Infektion genau beschreibt. Aber es kann eben nicht sein, was nicht sein darf. Es darf - noch - nicht sein, was das Geschäft beeinträchtigt. Das Dossier verschwindet im Panzerschrank. Dass die Wahrheit schließlich doch ans Licht kommt, dafür wird Martin sorgen.

          Diesen Martin spielt Friedrich Mücke ohne jede dramatische Übertreibung, und diese Haltung zeichnet auch das Spiel des gesamten Ensembles aus mit Karoline Schuch als Martins Frau Sabine, Ulrike Krumbiegel als seiner Mutter und mit Uwe Kockisch als Chef des Pharma-Unternehmens, in dessen Person der Skandal Gestalt annimmt. Friedemann Fromm zeigt uns, wie die Mechanismen des Verschweigens und Vertuschens funktionieren; wie sozialer Druck in einem Unternehmen aussieht; wie private Umstände benutzt werden, um Menschen zum Schweigen zu bringen oder zu verbiegen. Und wie es ist, wenn man nicht mehr mitmacht und sich auflehnt. Platz für Helden gibt es dabei nicht. Denn die „Helden“ haben nur die Aussicht auf ein schreckliches Siechtum.

          All das einer einzigen Figur aufzubürden - Pressesprecher einer Pharmafirma zu sein, welche die Ausbreitung von Aids mitverschuldet, selbst zum Opfer zu werden und gerade auch noch Vater -, das wirkt arg konstruiert. Schnell kann eine solche Vorlage aus dem Drehbuch zu viel des Guten sein und zu einem schlechten Film führen, dessen Dramaturgie unter der Last des Themas zusammenbricht. Das weiß der Regisseur Friedemann Fromm zum Glück zu verhindern. Er verzichtet auf jedes Verstärkungsmittel. Stattdessen sehen wir alles im Fluss. Wir sehen Blut und Wasser, immer wieder. Und einen Menschen, für den das den Tod bedeutet.

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