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„Silvia S. - Blinde Wut“ im ZDF : Jenseits von Schuld und Trost

  • -Aktualisiert am

Es schimmert dunkel am Grund der Seele: In „Silvia S. - Blinde Wut“ spielt Maria Simon eine Frau im Zirkel der Entfremdung von der Welt. Der harte, beeindruckende Film seziert die Psyche einer Amokläuferin.

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          Amokfilme sind dramaturgisch eine Herausforderung, schließlich ist das Ende bekannt. Es geht um Verismus beim Weg in die Katastrophe, also um die Vermeidung von fast allem, was sonst in Fernsehfilmen gefragt ist. Die Schuldfrage spielt keine Rolle, auch der Trost nicht. Vom Erklärungshabitus, der „Warum läuft Herr R. Amok“-Haltung, muss man sich verabschieden, kam so doch bislang allenfalls simple Kleinbürgerverachtung zum Ausdruck. Es bleibt wohl nur, sich dem Wie hinzugeben, dem Nichterklärbaren, dem Riss im Zivilisationsschleier.

          Dass dabei ein spannender, nachhaltig beeindruckender Film zustande kommen kann, wenn man die Amokhandlung nur absolut konsequent und erzählerisch reduziert anlegt, beweist „Silvia S. - Blinde Wut“. Die Autorin Katrin Bühlig und der „Weißensee“-Regisseur Friedemann Fromm präsentieren uns eine psychologische Fallstudie über eine seelisch labile Frau aus der gehobenen Mittelschicht, in der nicht einmal mehrmonatige Zeitsprünge störend wirken. Dass der Film dermaßen überzeugt und damit an Lynne Ramsays erschütternde Tragödie „We Need to Talk about Kevin“ (2011) herankommt, ist freilich zu guten Teilen dem intensiven, in all seinen Umschwüngen vollkommen glaubhaften Spiel der Hauptdarstellerin zu verdanken.

          Zwischen Ekel und manischer Vereinnahmung

          Maria Simon verkörpert - im wahren Wortsinn: Das Körperliche tritt hier als letzte verlässliche Instanz in den Vordergrund - eine Frau, die nach den üblichen Maßstäben alles erreicht hat, was sich erreichen lässt: Silvia Schubert lebt mit einem liebevollen Mann (Florian Lukas), einem erfolgreichen Unternehmer, und einer gutgeratenen Tochter (Paula Hartmann) in einem schicken Haus. Freunde gibt es, ebenso die Möglichkeit, nach zehn Jahren wieder in den Beruf als Architektin einzusteigen, denn ihre Schwester (Sophie von Kessel) leitet inzwischen das vom Vater übernommene Architekturbüro. Die Exposition zeigt ein fast schon klischeehaftes Glück.

          Dass dennoch kleine vermeintliche Unzulänglichkeiten - kein zweites Kind; unterlegen im innerfamiliären beruflichen Konkurrenzkampf - die Heldin verzweifeln lassen, liegt nicht an den Umständen selbst. Diese holen nur an die Oberfläche, was dunkel am Grund der Seele schimmert. Mal neigt diese psychische Anomalie der Schizophrenie zu (manche Szenen in doppelter Wahrnehmung), mal dem Bipolaren. Phasen der sichtlich von Ekel begleiteten Abwendung von allen Menschen, auch den geliebten, folgen solche der manischen Vereinnahmung, die vor allem Mann und Tochter noch stärker abstoßen: In einem der stärksten Momente des Films klammert sich die „Ich liebe dich“ stammelnde Mutter in der Nacht an ihre Tochter, die zu ersticken droht unter so viel Zuneigungszudringlichkeit.

          Silvia S. steckt in einem Zirkel der Entfremdung von der Welt, der nur durchbrochen werden könnte, würde sie sich als hilfsbedürftig akzeptieren. Ebendas aber scheint unmöglich. Das Defizitäre, die Wut auf das eigene Nichtfunktionieren, schlägt um in Trotz, Lügen und Überheblichkeit. In den Blicken ihrer Umwelt glaubt die Heldin unablässig, ein Urteil über sie zu erkennen - und hat damit ebendeshalb zunehmend recht. Im Film über Kevin war es der Sportbogen, welcher der labilen Hauptfigur Halt gab und ins Verderben führte. Hier ist es das Sportschützengewehr der ehemaligen Biathletin. Anders als Silvias Familienmitglieder entzieht es sich den Liebkosungen nicht.

          Das Zwangsläufige, Ausweglose der Handlung nimmt dem Film natürlich einiges an Überraschung. Alles wird Zeichen, jedes Kuchenmesser in der Hand bedeutungsschwer. Man ahnt von der ersten Sekunde an, dass das große Holzmodell eines Hotels, das Silvia überschwenglich baut, obwohl sie nur einen Auftrag für die Inneneinrichtung der Lobby hat, irgendwann zerschlagen wird. Und man weiß, dass die Waffe zum Einsatz kommen wird. So macht der Regisseur eine Tugend aus der Not und deutet diesen Einsatz in kleinen Traumsequenzen an, von denen nicht klar ist, ob es sich um Wunschvorstellungen oder Vorausblicke handelt. Atemlos sitzt man bis zum martialischen Finale vor diesem Film. So etwas sieht man nicht oft.

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