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„Meine Tochter Anne Frank“ : Das Mädchen aus dem Hinterhaus

Lesen konnte er die Aufzeichnungen erst nach ihrem Tod: Anne Frank (Mala Emde) und ihr Vater Otto (Götz Schubert) Bild: HR/AVE/Janett Kartelmeyer

Ein Vater sucht seine verlorene Tochter. Er findet sie in ihren Tagebüchern, in denen sich für die ganze Welt der Holocaust spiegelt: „Meine Tochter Anne Frank“ ist die Annäherung an eine Projektionsfigur.

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          Es dauert ein paar Minuten, bis dieser erste deutsche Fernsehfilm über Anne Frank zeigt, worauf er hinaus will. Bis er die Bilder gefunden hat, mit denen er das Gewicht zu heben sucht, das schwer auf diesem Projekt liegt: eine Ikone zu inszenieren. Die Last der Geschichte im Rücken.

          Ursula Scheer
          (eer.), Feuilleton

          Siebzig Jahre nach ihrem Tod im Konzentrationslager Bergen-Belsen steht Anne Frank als eherne Statue auf Denkmalsockeln, jeder, scheint es, kennt ihre Geschichte oder doch zumindest ihr Gesicht, Millionen haben das Amsterdamer Hinterhaus besucht, in dem die junge Frankfurter Jüdin mit ihrer Familie und vier weiteren Untergetauchten dem Nazi-Terror zu entgehen hoffte - vergebens. Hier schrieb Anne Frank ihr weltberühmtes Tagebuch, das an ihrem dreizehnten Geburtstag im Juni 1942 noch in Freiheit beginnt und im August 1944 kurz vor dem Verrat und der Deportation endet.

          Klärung der Rechtefrage

          Kein Zeugnis des Holocaust hat eine vergleichbare Verbreitung und Wirkung entfaltet, keines mehr Zuneigung erfahren, und immer wieder wurde die Geschichte seiner Autorin szenisch adaptiert, für das Theater, als Hörspiel, Zeichentrick, Kinofilm und Fernsehspiel. Zuletzt legte die BBC 2009 die Miniserie „The Diary of Anne Frank“ vor, und der amerikanische Zweiteiler „Anne Frank“ von 2001 mit Ben Kingsley gewann zwei Emmys. Er stützte sich allerdings nicht auf das Tagebuch, sondern die Anne-Frank-Biographie der Journalistin Melissa Müller.

          Als Oliver Berben mit seiner Produktionsfirma für das ZDF im vergangenen Jahr Ähnliches vorhatte, scheiterte er am Widerspruch des Anne-Frank-Fonds in Basel, der einen Film ohne Rekurs auf die Aufzeichnungen aus dem Hinterhaus und ohne vorherige Klärung der Rechtefrage als „respektloses Verhalten“ bezeichnete. Der gemeinnützige Fonds hält - noch - die bald auslaufenden Rechte am Tagebuch; gegründet wurde er von Anne Franks Vater Otto, der als einziger der Untergetauchten überlebte und sein Leben nach Auschwitz einer Aufgabe widmete: dass die Stimme seiner Tochter gehört würde.

          Rekonstruktion der Vater-Tochter-Beziehung

          Das Erste und der federführende HR haben für ihre Produktion den Kontakt zum Fonds gesucht und filmisch den Kontakt zum 1980 gestorbenen Vater: „Meine Tochter Anne Frank“ erzählt nicht einfach die Geschichte der Titelheldin, wie etwa die jüngsten englischsprachigen Fernsehadaptionen, sondern die Rekonstruktion einer Vater-Tochter-Beziehung in der Lektüre - und die Öffnung dieser Lektüre hin auf eine Öffentlichkeit, deren Bild von Anne Frank sich nicht aus der persönlichen Erinnerung speisen kann.

          All das steckt in besagter Szene, mit der dieser Film die anfänglichen Zweifel an der Möglichkeit seines Gelingens zerstreut. Obwohl sich erst Fragen aufdrängen wie: Ist nicht schon alles gesagt? Braucht es noch eine Anne-Darstellerin? Warum setzt die Doku-Fiction mit Anne in der Badewanne ein, die uns ihre Erfahrungen mit körperliche Liebe auseinandersetzt? Soll hier geklärt werden: Hatten Anne und Peter Sex? Nein, das soll es nicht.

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