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Arte zeigt „Mängelexemplar“ : Nervensägen für Fortgeschrittene

  • -Aktualisiert am

Karo (Claudia Eisinger) mit ihrem inneren Kind (Emelie Harbrecht). Bild: © X Verleih

In „Mängelexemplar“ nach dem Roman von Sarah Kuttner spielt Claudia Eisinger eine Frau, die an sich und an der die ganze Welt verzweifelt. Sie trägt unter anderem ihr „inneres Kind“ mit sich herum.

          Nicht denken. Ruhig bleiben. Tief atmen. Nicht an sich rumdoktern. Für die Therapeutin Annette (Maren Kroymann) ist der Fall ihrer schwer überspannten Klientin Karo Hoffmann (Claudia Eisinger), die sich mit Heulanfällen und Panikattacken durch den Berliner Szene-Alltag schleppt, einfach: Karo braucht Erholungsurlaub von der zwanghaften Nabelschau. Schluss mit Dauergrübeln, mit den emotionalen Achterbahnfahrten, mit dem Egozentrismus. Es gibt eine Welt jenseits des Selbst und der selbstbezogenen „Party-People-Crowd“, in der jeder zweite Mann auf DJ macht und jede zweite Frau Siffkneipenbetreiberin spielt. Aber nicht für Karo.

          Also geht sie gegen Annettes Rat erst recht zur Klopftherapie, meditiert bis zum Stimmen-GAU in ihrem Kopf und doktert so gründlich an sich herum, bis der Nervenzusammenbruch sie ins Bett zwingt. Als ein Häufchen, besser ein ganzer Haufen Elend, genau wie sie es bei ihrer Mutter Luzi (Katja Riemann) erlebt hat, die die Kindheit ihrer Tochter verschlief, so dass die Oma (Barbara Schöne) sie mit Liebe und Mitleid erdrücken und der Nachbar unbemerkt an ihr herumfingern konnte. Während der Vater (Detlev Buck), der hier und da Stippvisitenzynismen über ihr Leben zum Besten gibt, als Musiker auf Dauertour durch Abwesenheit glänzte. Wäre nicht das Lorazepam, ein angstlösendes Mittel, das ihr in der Notaufnahme mit strengen Warnungen („macht abhängig!“) überantwortet wird, der ganze Klamauk in ihrem Kopf ließe sich gar nicht abstellen. So aber schluckt Karo die Pillen bald wie Bonbons. Tschüss, Sorgen. Willkommen, Entzug.

          Kopfgeburten bedrängen sie in Person

          „Mängelexemplar“, der erste Roman der Moderatorin Sarah Kuttner, entwickelte sich 2009 zum Überraschungserfolg. Das Buch, das den Befund der klinischen Depression bei seiner Hauptfigur zwar ernst, aber genauso ernsthaft von einer entschieden lustigen Seite nahm, gewann der Verzweiflungskomik neue Seiten ab. Und nahm die entsprechende Berliner Szene aufs Korn. Nicht so schmutzig wie Charlotte Roches „Feuchtgebiete“, handelt auch Kuttners Buch von den nicht immer appetitlichen Obsessionen ihrer weiblichen Hauptfigur. Karo ist Ende Zwanzig und berufliche Partyplanerin, als sie aus der Event-Agentur rausfliegt. Kündigungsgrund: zwanghaftes Nervensägen. Ihre beste Freundin Anna (Laura Tonke) hat ihr die Freundschaft gekündigt („man kommt überhaupt nicht dazu, selbst mal traurig zu sein, weil man immer nur dich trösten muss“), Dauerfreund Philipp (Christoph Letkowski) hat ihr den Laufpass gegeben. Was sie will, weiß die Endzwanzigerin nicht. Was sie nicht will, aber auch nicht. „Nix mit Kundenkontakten. Nix mit Sauberkeit oder Genauigkeit. Und es muss schnell gehen“, meint Philipp. „Was ist mit – Einbrecher?“, fällt Karo ein.

          Aus Kuttners Roman macht Laura Lackmann in ihrem Regiedebüt einen schnellen Film mit witzigen Bildeinfällen – so taucht Karos „inneres Kind“ (Carlotta von Falkenhayn) immer wieder auf und beschwert sich bei ihr – und gehörigem Nervpotential. Lackmanns Film behandelt nicht nur das Thema Depression, sondern zeigt es. Da läuft die Tonspur beim Durcheinanderreden der Stimmen in Karos Vorstellung heiß, oder die Kopfgeburten bedrängen sie in Person (Kamera Sten Mende). Claudia Eisinger spielt das mit verheulten Augen dauerquasselnd kongenial ätzend, besonders das Anschleichen der Panikattacken („Ich löse mich auf, das Licht geht aus, ich sterbe, mach es weg!“). Ihre Karo ist aber genauso tapfer wie hilflos, versucht sich gleichermaßen zu retten wie unterzugehen, damit mal Schluss ist, alles auf einmal, kompromisslos anrührend.

          Laura Tonke als Freundin Anna, die auch in eine schlimme psychische Krise gerät, ist inzwischen spezialisiert auf Rollen, die den Angststörungen und Beziehungsproblemen wie im dunklen Wald eins pfeifen, statt sie im „Problemfilm“ mit Diagnosen und Beipackzetteln zuzuschütten („Hedi Schneider steckt fest“, „Zwei im falschen Film“). Maximilian Meyer-Bretschneider spielt den Gegenpart. Sein Max, weiß, was er will, nämlich Karo und ein normales Leben. Beängstigend unbekanntes Terrain, findet sie. Bei ihrer Depression weiß sie doch wenigstens, was sie hat. „Mängelexemplar“ ist auch in den Nebenrollen groß besetzt – und knapp zehn Jahre nach Erscheinen der Buchvorlage aufgrund zeitgenössisch grassierendem Selbstmitleid, der Schwundstufe der echten Depression, aktueller denn je.

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