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ARD-Film „Gift“ : Schmutzige Pillen bringen den Tod

Sie kommt dem Skandal auf die Spur: Julia Koschitz spielt die Interpol-Agentin Juliette Pribeau. Bild: diwafilm GmbH

Ein ARD-Themenabend über gefälschte Medikamente beleuchtet einen verborgenen Skandal: Weltweit blüht der Handel mit gefährlichen Präparaten. Was sie anrichten, zeigt der Film „Gift“.

          Ein Blick, so leer und verloren wie der vermeintliche Sieg, den sie errungen hatte: Die integre Interpolagentin Juliette Pribeau (Julia Koschitz) hat dank des Whistleblowers Günther Kompalla (Heiner Lauterbach) einen weltweit agierenden Händlerring auffliegen lassen, der gefälschte Medikamente in Umlauf bringt. Doch am Ende sitzt sie düpiert der falsch spielenden Pharmalobbyistin Vera Edwards (Maria Furtwängler) gegenüber, die in ihrer Antrittsrede als oberste Aufsichtsbehördenchefin jede höhere Moral gegen die Wand laufen lässt und den dunklen Mächten in der Gesundheitsbehörde zum Triumph verhilft.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Eine düstere Parallelwelt, inszeniert als Wirtschaftsthriller, die uns Zuschauer ratlos lässt und das ganze Dilemma eines medial völlig unterbelichteten Skandals greifbar macht: Der Handel mit gefälschten Medikamenten ist kein neues Phänomen. Er ist längst sogar auf allerhöchster Ebene, der Weltgesundheitsorganisation und den Welthandelsorganisationen etwa, als Problem erkannt worden, aber keine Macht, so scheint es, kann die kriminelle Energie dahinter eindämmen.

          Der Autor, Produzent und Regisseur Daniel Harrich, der sich auf investigative Fernsehfilme spezialisiert hat, hat sich vorgenommen, die Fassade einzureißen. Die ARD hat ihm dafür einen Themenabend eingeräumt, die beste Sendezeit, die man für eine Recherche erhalten kann. Zuerst der Fernsehfilm mit großer Besetzung, in der die Gegenspielerinnen Julia Koschitz als Interpolagentin und Maria Furtwängler als Pharmalobbyistin ihren moralischen Krieg führen und sich in einer Arena mit Männern behaupten, die mit Milliarden jonglieren.

          Vom skrupellosen Pharmahändler zum Whistleblower und tragischen Helden: Günther Kompalla (Heiner Lauterbach) sieht am Ende dem Grauen ins Gesicht.

          Der Film beruht auf Recherchen, die konkrete Handlung und die handelnden Personen sind Fiktion. Fakten und Fiktionen werden in der spannenden, wenn auch manchmal holprig erzählten Geschichte vermischt. Die anschließende Dokumentation dokumentiert die Tiefe und Breite einer Jahre andauernden Recherche im Pharmamilieu. So entsteht ein Themenabend, der das Zeug hat – und haben sollte – eine öffentliche, vor allem aber eine politische Debatte auszulösen.

          Denn der Skandal um gefälschte Arzneien dümpelt seit Jahren im Verborgenen. Ein kaum fassbarer Umstand angesichts einiger unbestrittener Fakten: Die Zahl der aufgegriffenen Arzneimittel, die in Ländern wie im Film in Indien mit falschen Dosierungen und oft mit Verunreinigungen produziert und auf Straßenmärkten oder über das Internet vertrieben werden, wächst seit Jahren. Der Internethandel forciert die Probleme massiv.

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          Betroffen sind Malariamittel und Antibiotika vor allem in Entwicklungsländern, Potenzmittel genau so wie Abtreibungspillen in reicheren Ländern, alles praktisch unkontrolliert. Im besten Fall sind die Mittel unwirksam, immer wieder aber wird schmerzhaft deutlich, welchen großteils unerkannten Schaden die gepanschten Präparate anrichten. So wie im August 2016, als die Weltgesundheitsorganisation Alarm schlug wegen eines lebensbedrohlichen Chinin-Präparats, das in Kongo zu Massenerkrankungen führte. Oder wie 2013, als in Pakistan zweimal Dutzende Kinder und Eltern schwer erkrankten, im ersten Fall sogar fast alle starben, weil ein Hustensaft mit giftigen Inhaltsstoffen verunreinigt war.

          Über das Ausmaß des gefährlichen Schwarzmarkts gibt es nur Schätzungen, und selbst die sind höchst umstritten. 430 Milliarden Dollar, auf diese Summe soll sich nach den Recherchen Harrichs der Welthandel mit gefälschten Medikamenten beziffern lassen – eine Million Opfer nennt die Weltgesundheitsorganisation. Kleine Klitschen in der Dritten Welt sollen ebenso verstrickt sein wie Weltpharmakonzerne. Tatsächlich lässt die Weltgesundheitsbehörde inzwischen auf der Seite ihrer vor einigen Jahren eingerichteten Fälschungsarbeitsgruppe wissen, dass man von bisherigen Schätzungen Abstand nimmt. In diesem Jahr, so ist da zu lesen, wolle die Arbeitsgruppe erste verlässliche Zahlen vorlegen.

          Soll das Problem also womöglich kleingerechnet werden? Wenn man Harrichs Film ansieht und erkennt, wie in dem schmutzigen Geschäft von Investoren, Banken, Händlern und Produzenten getrickst und gemauschelt wird, müsste man sich nicht wundern, wenn die Behörden als mutmaßlich schwächstes Glied einknicken. Denn natürlich haben auch sie kein Interesse, eine Hysterie auszulösen.

          Aber es ist eben entscheidend, was Harrich insbesondere mit seinen in Indien gefilmten eindringlichen Bildern klar macht: Der milliardenschwere Betrug auf Kosten armer, wehrloser Kranker ist keine Horrorstory aus den Slums. Die Mittel erreichen über nahezu unkontrollierbare Kanäle auch die vermeintlich qualitätsgesicherten westlichen Märkte. Jede hundertste Arzneipackung hierzulande, fast immer aus Onlinequellen und kaum rückverfolgbar mit Barcodes oder Chips, wie man es fordern müsste, soll aus dunklen Quellen eingeschleust worden sein. Freilich: Auch das sind Schätzungen, die offenbar noch keiner so richtig ernst nimmt.

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