https://www.faz.net/-gqz-7bcq6

Fernsehfilm „George“ auf Arte : Endgültige Wahrheit kann sehr vorläufig sein

Götz George, der nach Goethes Dramenfigur benannt wurde, spielt die Rolle jetzt in der Maske seines Vaters vor der Fernsehkamera nach - eine Überblendung von inszenierter und dokumentarischer Wirklichkei, die für Joachim Langs „George“ typisch ist Bild: obs

Götz George versucht in Joachim Langs Film „George“, das Bild seines Vaters Heinrich nach seiner Vorstellung zu formen. Historische Fakten und Fiktionen vermischen sich dabei auf ungute Weise.

          Es sind zwei Entscheidungen, die aus Joachim A. Langs Film „George“ ein ebenso faszinierendes wie hochproblematisches Stück Fernsehen machen. Die erste besteht darin, die Hauptrolle, den Part des Schauspielers Heinrich George, von Georges Sohn Götz spielen zu lassen. Die zweite betrifft die Form des Films: Lang hat sich entschlossen, für „George“ die gewohnte Trennung zwischen Fernsehspiel und Dokumentation aufzuheben. Die erste, die Besetzungs-Entscheidung, hat dem Film vorab große öffentliche Aufmerksamkeit und erste skeptische Kritiken eingetragen. Über die zweite Entscheidung wurde bislang noch kaum geredet. Dabei ist sie die folgenreichere, man kann auch sagen: fatalere der beiden ästhetischen Weichenstellungen, die der Fernsehautor und -regisseur Lang getroffen hat.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Was die Vermischung von dokumentarischer und fiktionaler Form konkret bedeutet, lässt sich an einer Szenenfolge aus „George“ genauer erklären. Sie beginnt damit, dass Heinrich George, gespielt von Götz George, im Internierungslager mit blutiger Nase dem sowjetischen NKWD-Offizier Bibler (Samuel Finzi) gegenübersitzt. Beim Verhör hatte George Bibler naiv um ein Glas Wein gebeten; dieser hat ihn zur Strafe von zwei Soldaten verprügeln lassen. „Geschlagen haben mich die Nazis nicht!“, brummt George in gekränkt-versöhnlichem Ton. Dann folgt ein Ausschnitt aus einer Wochenschau von 1934, die den Beginn der nationalsozialistischen Reichsfestspiele (heute: Schlossfestspiele) in Heidelberg ankündigt, bei denen Heinrich George den Götz von Berlichingen in Goethes Drama spielt.

          Für „Kolberg“ musste er seine letzten schauspielerischen Reserven mobilisieren: Heinrich George (Götz George) im Clinch mit Joseph Goebbels (Martin Wuttke).

          Und nun wechseln sich in rascher Schnittfolge drei völlig verschiedene Gattungen von Bildern ab, die alle um Georges „Götz“ kreisen. Zuerst sieht man in Schwarzweiß den historischen Heinrich G., wie er im Archivfilm mit Vollbart und Rittermontur den Kopf aus einer Maueröffnung steckt. Dann in Farbe seinen Sohn Götz, der als Heinrich George in gleicher Aufmachung durch die gleiche Öffnung schaut. Dann den Schauspieler Götz George, der in einer Filmgarderobe für seinen Auftritt als Heinrichs Götz von Berlichingen zurechtgemacht wird. Dann die Zuschauer im Heidelberger Schlosshof, unter denen - das Bild, anfangs schwarzweiß, wird wieder farbig - auch Goebbels (Martin Wuttke) sitzt. Im nächsten Bild holt er Heinrich (gespielt von Götz) vor die Mikrofone der Rundfunkreporter und erklärt ihn zur Verkörperung nationalsozialistischen Schauspielertums; dieser wiegelt lachend ab. Schließlich sind wir wieder beim Verhör in Hohenschönhausen. Wenn er nicht aufhöre, Theater zu spielen, würden sie nie fertig, schnauzt Bibler George an. „Hier geht es um die Wahrheit!“ - „In der Kunst lebt die Wahrheit“, antwortet Heinrich-Götz George.

          Man sieht, worauf der Film es anlegt: Er will nicht irgendeine mehr oder minder gut gespielte, mehr oder minder glaubwürdige, mehr oder weniger zeitgebundene Wahrheit über den Schauspieler Heinrich George verbreiten. Er will die endgültige, abschließende, unumstößliche dokufiktionale Filmbiographie zum Thema sein, die Erkenntnis letzter Hand. Deshalb sind seine beiden künstlerischen Grundsatzentscheidungen genaugenommen auch nur zwei Seiten einer Medaille.

          George lässt nur die totale Identifikation zu

          Durch die Verpflichtung von Götz George tilgt der Film den Rest von Distanz, der selbst bei großen Schauspielern immer noch zwischen Akteur und Rolle besteht. Und durch die nahtlose Verzahnung von Spiel-, Archiv- und Dokumentarszenen lähmt er unser Vermögen, zwischen fiktiven, historischen und subjektiven Wahrheiten im filmischen Medium zu unterscheiden. Er macht uns zu Augenzeugen einer totalen Identifikation. Und er macht uns zu Opfern einer Überwältigungsstrategie, die umso wirkungsvoller ist, als sie im Gewand des Dokumentarischen auftritt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Theresa May : Jetzt soll Brüssel den Brexit retten

          Die britische Premierministerin Theresa May hat den Aufstand in ihrer Fraktion überstanden. Auf dem Brexit-Gipfel erhofft sie sich nun Unterstützung der EU. Doch die Lage ist verzwickt.
          Diskussion bei Sandra Maischberger

          TV-Kritik: Sandra Maischberger : Das Jahr der Frauen

          Mit ihrem obligatorischen Jahresrückblick verabschiedete sich Sandra Maischberger in die Weihnachtspause. Es ging um Fussball und Politik, aber vor allem um ein Lebensgefühl. Darüber durften sogar Männer diskutieren.
          Unser Sprinter-Autor: Jasper von Altenbockum

          FAZ.NET-Sprinter : 27 Mal vorbestraft

          Nach dem Amoklauf in Straßburg fragt man sich: Was hilft gegen solche Täter? Der Brexit und Theresa Mays Rücktritt beherrschen diesen Donnerstag. Was sonst noch kommt, steht im Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.