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Fernsehfilm-Festival Baden-Baden : Man soll das Publikum nie unterschätzen

Der Schauspieler Léo Paul Selmain spielt in Volker Schlöndorffs „Das Meer am Morgen“ den 17 Jahre alten französischen Widerstandskämpfer Guy Môquet Bild: BR

Ein starker Jahrgang mit Volker Schlöndorffs „Das Meer am Morgen“ als würdigem Sieger: Das Fernsehfilm-Festival von Baden-Baden zeigt das Medium auf der Höhe seiner Möglichkeiten.

          4 Min.

          Männer weinen häufig und heftig, es wird wieder geraucht, was das Zeug hält, eine Komödie aber war nicht in Sicht. So könnte man die zwölf Wettbewerbs- und die vier Debütfilme resümieren, die beim 24. Fernsehfilm-Festival in Baden-Baden zu sehen waren. Anfügen darf man, dass beide Konkurrenzen, der Fernsehfilmpreis 2012 und der Nachwuchsentscheid um den MFG-Star der baden-württembergischen Medien- und Filmgesellschaft, ein erstaunliches Niveau aufwiesen.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Acht der zwölf Arbeiten im Hauptwettbewerb kamen für einen der Preise in Frage, fünf von ihnen wurden am Ende ausgezeichnet. Anzuerkennen ist das Bemühen um Fairness, auch wenn man nicht mit jeder Entscheidung einverstanden sein muss.

          So ist Ulrich Noethen gewiss ein außerordentlicher Schauspieler und ein exzellenter Vor-und Einleser von Hörbüchern. Der fiese Provinz-Kommissar, den er in Dominik Grafs herbem Franken-Krimi „Das unsichtbare Mädchen“ spielt, gehört jedoch nicht zu seinen besten Rollen. Auf eine zu banale Weise abgefeimt wirkt die Figur - und Noethen agiert gegen diese Eindimensionalität nur mäßig an.

          Unsicheres Urteil

          Gleichwohl zeichnete ihn die Jury unter dem Journalisten und Medienmanager Michael Schmid-Ospach am vergangenen Wochenende als besten Fernsehschauspieler des Jahres 2012 aus.

          Die herausragende Schauspieler-Leistung der jüngsten Fernsehfilm-Saison: Robert Atzorn als Frankfurter Polizei-Vizepräsident in „Der Fall Jakob von Metzler“

          Verpasst hat sie damit die Chance, die herausragende Leistung der vergangenen Fernsehfilm-Saison zu würdigen - Robert Atzorns Darstellung des Frankfurter Polizei-Vizepräsidenten Wolfgang Daschner. Immerhin erhielt „Der Fall Jakob von Metzler“, den Atzorn in brillanter Manier prägt, den Preis für die beste Regie: Stephan Wagner hat ihn verdient - keineswegs nur aus Gründen der Konzession.

          Auch der Drehbuchpreis für Magnus Vattrodt überzeugte nicht recht. Zweimal war der renommierte Autor im Wettbewerb vertreten. Dass er ausgerechnet für die schwächere Arbeit geehrt wurde - für die bisweilen witzigen, zu oft aber bloß bedeutungsschwangeren Dialoge der „Liebesjahre“ -, spricht nicht gerade für ein sicheres Urteil der sechs Juroren, unter ihnen die Schauspielerin Natalia Wörner und der Regisseur Sönke Wortmann.

          Auch in ihren öffentlichen Debatten nach jedem der zwölf Filme fiel die Jury kaum durch analytische Prägnanz auf. Vattrodts weitaus subtileres Skript zu Matti Geschonnecks Gerichtsdrama „Das Ende der Nacht“ blieb bei ihr ohne Resonanz. Nahezu unverzeihlich aber ist, dass Dorothee Schön übergangen wurde, deren Drehbuch zur Familientragödie „Der letzte schöne Tag“ wahrhaft Maßstäbe setzt.

          Auszeichnung durch Jury und Studenten

          Dass dieser Film unter Johannes Fabricks Regie dennoch zu verdienter Ehre kam, lag an den Zuschauern von 3sat - der Sender strahlte die Filme des Festivals parallel zum Wettbewerb aus, abgestimmt wurde online oder übers Telefon.

          „Der letzte schöne Tag“ ist ein tieftrauriger Film, der auf simple Tröstungen verzichtet. Eine Frau hält ihrer Depression nicht mehr stand und bringt sich um. Ihr Mann (glänzend: Wotan Wilke Möhring) und die beiden Kinder (überwältigend: Nick Schuck und Matilda Merkel) bleiben zurück - verstört, verlassen, voller Schuldgefühle und konfrontiert mit dem im Grunde unfassbaren Umstand, dass ihr Alltag sofort weitergehen muss.

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