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ARD-Themenwoche „Toleranz“ : Wen man im Treppenhaus so alles trifft

  • -Aktualisiert am

Darf ich mal durch? Die Musikerin Maria Nikolai (Christiane Hörbiger) bahnt sich ihren Weg, ihre Mitbewohner stehen locker Spalier. Bild: ARD Degeto/Georges Pauly

Das Erste setzt eine Woche lang auf das Thema „Toleranz“. Es beginnt mit einem Film über eine alte Dame, deren neue Nachbarn ihr fremd sind. Wird das Integrationskitsch?

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          Die Dame geruht in der Vergangenheit zu leben. Einer Vergangenheit, in der sie als Pianistin und Musiklehrerin dem Wahren, Schönen, Guten diente. Ihre gepflegte, mit Biedermeiermöbeln und Instrumenten ausgestattete Wohnung sieht aus wie ein kulturelles Relikt und die Bewohnerin wie ein bildungsbürgerlicher Dinosaurier. Die Tür sichern zahlreiche Schlösser. Gegen den Lärm und die Eindringlinge, buchstäblich.

          Maria (Christiane Hörbiger) versucht, ihrem Schützling Bero (Samy Abdel Fattah) wieder Mut zu machen. Bilderstrecke
          Maria (Christiane Hörbiger) versucht, ihrem Schützling Bero (Samy Abdel Fattah) wieder Mut zu machen. :

          Verlässt sie ihre Wohnung, betritt sie feindliches Gebiet. Ein verwüstetes Treppenhaus und eine Straße, auf der so etwas wie Bürgerkrieg zwischen den Verlierern des Lebens herrscht. Wie diese Maria Nikolai (Christiane Hörbiger) verächtlich schaut, wie sie auf ihre Umgebung trotz bescheidener Körpergröße tief hinabschaut, das zeugt mehr von Ignoranz als von Intoleranz. Wenn die Welt so hässlich ist, wie sie ist, muss man die Augen schließen, das ist erste Künstlerpflicht. So, wie sie die Mundwinkel missbilligend nach unten zieht, den Rücken gestrafft mit damenhaftem Schritt die Straße überquert, sieht man vor allem die Distanz zu den Nachbarn. Maria Nikolai ist eine einsame Figur. Sie ist die Vermittlerfigur in Thorsten Näters (Buch) und Matthias Tiefenbachers (Regie) Fernsehfilm „Bis zum Ende der Welt“, der als fiktionaler Beitrag die ARD-Themenwoche „Toleranz“ eröffnet. Das Drehbuch tut gut daran, eine ignorante Person in den Mittelpunkt zu stellen und keine intolerante. Es ist eine Art Vermittlungstrick. Wo man ein rein sozialromantisch gefärbtes Problemstück erwartet, überrascht dieser Film. Nicht zuletzt auch als Beglaubigung der verbindenden Kraft der Musik. Wo Menschen miteinander spielen, das zeigen Initiativen wie Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra, ist politische Feindschaft unwichtig. Musizieren ist auch ein Ausdruck der Utopie eines besseren Zusammenlebens. So ist die Haltung dieses Films, die man auch wertkonservativ nennen kann, oder: eher ZDF als ARD.

          Die Welt wie sie sein könnte

          Zu Beginn sind die Lebenswelten schroff getrennt. Hier die in Erinnerungen lebende Dame, deren Wandlung Christiane Hörbiger gekonnt verkörpert, auf der anderen Seite „das Gesindel“, das „Romapack“, das auch in Rumänien im Getto eingesperrt leben musste. Eine lärmende Großfamilie, arm, aber herzlich und ehrlich, doch das stellt sich erst später heraus. Zunächst werden alle Vorurteile bedient, denen Roma nicht nur hierzulande begegnen (der Film entstand unter Mitarbeit der Rom und Cinti Union Hamburg). Glatzen in Skimasken überfallen das Haus der „Sozialschmarotzer“. Herumhängende Jugendliche stiften den älteren Sohn der Familie, Rudko (Zino Gleich), zur Kleinkriminalität an. Der Besitzer des Gebäudes will das Haus vor der Luxussanierung „entmieten“, indem er Romafamilien in viel zu kleine Wohnungen einziehen lässt. Die Männer der Romafamilie werden am „Arbeiterstrich“ abgeholt und ausgebeutet.

          Je intimer aber der Film jenseits der sozialdramentypischen Debattenlagen wird, je mehr er sich in die Innenräume zurückzieht und vom Allgemeinen ins Individuelle bewegt, umso sehenswerter wird er. Ob es Marie-Lou Sellem als Vorzeige-Roma gebraucht hätte, die auf ihrer Polizeidienststelle gleichwohl mit offenem Rassismus konfrontiert wird, sei dahingestellt. Neben Vater (Merab Ninidze) und Großvater (Albert Kitzl, wie ein Bewohner eines untergegangenen Schtetls) spielt die zentrale Roma-Figur der jugendliche Bero (Samy Abdel Fattah), in dem die ehemalige Musiklehrerin Maria ein großes Talent entdeckt. Als sie ihm das Akkordeon anvertraut; indem sie ihn auf die Konservatoriumsprüfung vorbereitet, wenden sich beide der Welt zu, wie sie sein könnte.

          Ein rundum positiv utopischer Film wird „Bis zum Ende der Welt“ zum Schluss. Der klingende Möglichkeitsraum der Musik rückt ins Zentrum, die Kamera von Klaus Merkel den Dargestellten ganz nah in die Gesichter. Vom Allgemeinen zum Besonderen: In dieser Erzählbewegung, die auch die Kamera mitmacht, liegt der Schlüssel zum Begriff der Toleranz. Sogar am ewigen Folkloreklischee vom diebischen Zigeuner können sich Hörbiger und Fattah, deren Zusammenspiel wunderbar funktioniert, in einer Szene abarbeiten. Ist die Oper „Die diebische Elster“ von Rossini romafeindlich? Das, so entscheidet der Film souverän und auch an die Adresse unmusikalischer Korrektheitspolizei, ist die falsche Frage. Bedeutende Musik bedeutet etwas für sich, darüber hinaus etwas anderes für jeden. Womit die Toleranzfrage gestellt, aber nicht beantwortet ist. Und womit der Film der Falle der unterkomplexen Behandlung des Themas sehr schön entgeht.

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