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Fernsehfilm : Besuch im Vernichtungslager

  • -Aktualisiert am

Keine Familienidylle: Auf dem Gelände der Villa des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß tummelten sich dessen Kinder; Das Spielgerät hatten Häftlinge gezimmert Bild: MDR/Maja Productions

Der israelische Dokumentarist Chanoch Ze’evi hat einen Film über die Nachkommen von NS-Tätern gedreht. In „Meine Familie, die Nazis und ich“ geht es um Bewältigung, die nie wirklich eine sein kann.

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          Rudolf Höß, Hermann Göring, Heinrich Himmler, Hans Frank: diese Namen stehen für die größte Barbarei der Menschheitsgeschichte. Wir wissen viel über diese Männer und doch niemals genug. Das Ausmaß der Gewalt ist auch mit noch so viel intellektueller Anstrengung nicht zu verstehen, weil Verstehen immer in Relationen geschieht und sich angesichts der Millionen Toten der Vergleich verbietet.

          Aber natürlich wollen Psychologie, Ethik, Moralphilosophie ihre Arbeit tun, Fragen stellen, zum Beispiel die nach den Nachfahren der Täter. Wenn Enkel und sogar Urenkel von Holocaust-Opfern traumatisiert sind, dann müssen es wohl auch die Kinder und Kindeskinder der Mörder sein.

          Die eigenen Worte prüfen

          Der israelische Dokumentarfilmer Chanoch Ze’evi hat Katrin Himmler, die Großnichte Heinrich Himmlers, Reichsführer der SS, befragt. Er hat sich mit Niklas Frank, dem Sohn des ehemaligen Generalgouverneurs der besetzten polnischen Gebiete, getroffen. Er holte Bettina Göring, eine Nichte von Hermann Göring, Luftwaffenchef und Hitler-Stellvertreter, vor die Kamera, ebenso Monika Göth, die Tochter des Lagerkommandanten von Plaschow. Und er zeigt Rainer Höß, den Enkel von Rudolf Höß, wie er gemeinsam mit dem israelischen Journalisten Eldad Beck nach Auschwitz reist, um, in eigenen Worten, „zu prüfen: Was haben die gewusst?“

          Eland Beck wirft Rainer Höß in einem Zeitungsartikel Opportunismus vor: Hier stehen beide in Auschwitz

          Der Besuch des Vernichtungslagers endet mit einem Treffen von Holocaust-Überlebenden, israelischen Schülern und Höß. Ein Mädchen fragt weinend, ob er, der Enkel, nicht Angst habe, hier zu stehen. Sein Großvater habe ihre Familie ausgerottet. Höß sagt: „I am sorry“, und als ein alter Mann, Überlebender des Lagers, ihn in den Arm nimmt, weint er ebenfalls. Er sei glücklich, sagt Höß. „Endlich die Bestätigung: Ich habe das nicht gemacht.“

          Genug vom Holocaust

          Auch wenn es grausam klingt: Der Satz wirkt selbstbezogen, so wie Höß generell und auf befremdende Weise narzisstisch wirkt. Wenn er sich über die Strenge seines Vaters, der ihm Tränen verboten habe, beschwert, dann fragt man sich, was der Sinn der Auschwitz-Reise war: ein Therapietrip ins Zentrum des Grauens mit der Hoffnung auf Erlösung? Das Dilemma ist: Es gibt nichts zu erlösen, wie Ferdinand von Schirach, der Enkel des Reichsjugendführers Baldur von Schirach, geschrieben hat: „Die Schuld des Großvaters ist die Schuld des Großvaters.“ Die Nachfahren der Täter können nicht die Nachfahren der Opfer trösten, es kann letztlich immer nur um die Entlastung von den eigenen Nöten gehen.

          Überschattet wird das Projekt durch einen Artikel, der auf der israelischen Nachrichtenseite „ynetnews“ erschien. Darin wirft Eldad Beck dem Höß-Enkel Opportunismus vor: Er habe Memorabilia aus dem Nachlass seines Großvaters an Yad Vashem verkaufen wollen, bei einem späteren Besuch der Gedenkstätte in Jerusalem habe er sich für Geschichten der Überlebenden nicht interessiert. Einer Gruppe Jugendlicher habe er gesagt: „Ich bin hierhergekommen, um gewöhnliche Israelis zu sehen. Ich habe genug vom Holocaust.“

          Die Reise nach Auschwitz war vielleicht ein Theraphietrip: Zum Zentrum des Grauens  mit der Hoffnung auf Erlösung?

          Man muss diese Vorwürfe erwähnen, weil Beck in der Dokumentation zu sehen ist. Eine Szene, in der es zwischen ihm und Höß zum Streit kommt, sei jedoch, wie der Journalist schreibt, weggelassen worden. Erwähnen muss man sie auch, weil sich daran die Frage anschließt, ob die Nachfahren von NS-Verbrechern zu einer höheren moralischen Klarheit verpflichtet sind und, wenn nicht, ob man aus eigenem, therapeutischem Interesse ausgerechnet einen Lagerbesuch machen muss.

          Dass es kein Entrinnen vor der Stigmatisierung durch den Namen gibt, ist evident. Bettina Göring lebt seit vierzig Jahren im Outback von New Mexico, sie ließ sich sterilisieren, „um keine weiteren Görings in die Welt zu setzen“. Katrin Himmler, Jahrgang 1967, hat einen jüdischen Israeli geheiratet. Der Holocaust sei kein Thema, „aber wenn wir uns streiten, dann kommt die ganze Familiengeschichte hoch“. Monika Göth erfuhr vom ganzen Umfang des Sadismus ihres Vaters erst in einer Kinovorstellung. Sie schaute „Schindlers Liste“ und dachte: „Wenn das Morden nicht bald aufhört, werde ich wahnsinnig.“ Niklas Frank tourt mit seinen Sachbüchern durch Schulen, um die Jugendlichen „zu schocken“. Nicht alle seiner Generation hätten „das Glück gehabt, den Verbrechervater gehängt zu bekommen“, heißt es in einer Passage.

          Distanz, Resignation, Intellektualisierung, das sind die Verfahren einer Bewältigung, die nie wirklich eine sein kann. Gerade im Fall von Frank aber wird deutlich, dass die Rückwärtsdokumentation der Familiengeschichte eine Prophylaxe ist. Franks Tochter sagt: „Du warst eine gesunde Mauer gegen den Großvater. Ich musste nicht mehr so gegen ihn kämpfen, du hattest ihn schon auf vielen Ebenen besiegt.“ Eldad Beck erklärt in einer Szene: „Viele wollen, dass diese Geschichte ein Happy End erhält, aber manche Geschichten haben kein Happy End. Und manche hören niemals auf.“

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