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Fernsehereignis „Kindkind“ : Infernalische Komödie im Extraformat

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Nicht zu bändigen: Kindkind (Alane Delhaye, rechts) und seine Freunde Bild: © Roger Arpajou

Lustig Sterben bei den Sch’tis: In Bruno Dumonts phantastischer Burleske „Kindkind“ treten Niedertracht und Komik in einen Wettstreit. Die Miniserie bei Arte gehört zum Verwegensten dieses Fernsehjahrs.

          Mit einer schrägen Melodie geht diese Miniserie los, und schräg bleibt sie bis zum Schluss. Sie gehört zum Erstaunlichsten und Verwegensten dieses Fernsehjahres, geht kühn über Tabus und eingespielte Dramaturgien hinweg, folgt etwa minutenlang einem Tambourcorps oder amüsiert sich über Behinderte. Ihre Protagonisten sind Witzfiguren, allerdings dem Leben abgeschaute. Inhaltlich parodiert die französische Produktion das Genre des Polizeifilms, ohne daraus - wie hierzulande üblich - einen klamaukhaften Provinzkrimi zu machen. Der wichtigste Unterschied: Bruno Dumonts Phantasmagorie ist weit mehr fasziniert vom Bösen als vom Guten, denkt Slapstick und Grausamkeit zusammen, Romantik und Ausrottung, Engel und Teufel.

          Selbst die burleske Verschrobenheit der Figuren ist eine bedrohliche, ihre Armut und Ungebildetheit eine hässliche. Es ist die einmal durch den Fleischwolf gedrehte Version von „Willkommen bei den Sch’tis“, und das unter boshaftem Gelächter. Denn während Dumonts Kinofilme wie „Humanität“, „Flandern“ oder zuletzt „Camille Claudel 1915“, die ebenfalls vor schockierender Gewalt und sexueller Intimität strotzen, stets große Dramen sind, hat er seine erste Fernseharbeit als Komödie angelegt. Herausgekommen ist ein tragikomischer Horrortrip ins Unterbewusstsein einer kranken Gesellschaft, in der nur der Eigennutz zählt.

          Der lauernde Naturzustand

          Stotternd, aber keineswegs platt denkt die Serie über die „Bestie Mensch“ nach. Dumont, dessen Spezialität ein kalter Realismus mit surrealen Obertönen ist, findet so groteske wie starke Bilder für den Zusammenfall von Mensch und Biest: Mehrfach werden hier menschliche Leichenteile aus Tiermägen geborgen. Dann wieder werden liebevoll gestreichelte Pferde mit üppigen Rubens-Frauen verglichen: „Sie sind nackt.“

          Wer den anderen als anderen nicht (mehr) anerkennt, sondern nur (noch) als Objekt der Begierde sieht, scheinen diese Szenen zu sagen, öffnet dem lauernden Naturzustand die Pforten. Der Krieg aller gegen alle ist lediglich unterbrochen. Freilich gibt es auch in diesem Dorf den Glauben an die Liebe, die alle Zweifel überwindet. Die junge Aurelie (Lisa Hartmann), deren Anmut hier fremd und verloren wirkt, bringt diese romantische Idee den verstockten Sch’tis und den Zuschauern mit ihrem Lied „Cause I Knew“ in Erinnerung, einem wahren Ohrwurm. Doch als es darauf ankommt, versagt auch die schöne Sängerin.

          Leichenteile in Tiermägen? Eine ganz normale Provinzpolizeisatire ist „Kindkind“ nicht.

          Der deutsche Titel „Kindkind“ klingt noch ein bisschen alberner als die Originalbezeichnung, die nach einem nordfranzösischen Wiegenlied-Klassiker „P’tit Quinquin“ lautet und zugleich den Namen des kindlichen Hauptdarstellers hergibt. Der zwölfjährige Kindkind (Alane Delhaye), auf den ersten Blick ein Lausbub mit Flausen im Kopf, der mit seinen Freunden kleine Streiche ausheckt, ist so etwas wie ein entgegen dem Schlafbefehl wachgebliebener Beobachter. Er erblickt die dunkle Seite der Erwachsenenwelt, vor der man Kinder in der Regel beschützt und die auch Fernsehzuschauern meist nur in Verbindung mit einem Happy End zugemutet wird: Es geht neben der Lausbuben- und der Krimi-Handlung also auch um eine Geschichte des Erwachens, der Desillusionierung.

          Kindkind hat allerdings selbst etwas Dämonisches an sich. Damit sind weniger seine rassistischen Anwandlungen gemeint, als der Umstand, dass diese omnipräsente Figur ungewöhnlich ernst wirkt, todernst. Dagegen ist Kommissar Van der Weyden, die zweite Hauptfigur, ein herrlicher Kauz. Der hier erstmals als Schauspieler brillierende Bernard Pruvost, dessen Mienenspiel allein schon das Einschalten lohnt (und noch dasjenige von Steven Van Zandt in „Lilyhammer“ übertrifft), beschert uns den großartigsten französischen Gendarmen seit Louis de Funès.

          Van der Weyden (Bernard Pruvost) und Carpentier (Philippe Jore, Mi.) haben Schwierigkeiten mit dem behinderten Dany (Jason Cirot, li.)

          Mit seinem tumben Gehilfen Carpentier (Philippe Jore) hat er immer verworrener werdende Verbrechen aufzuklären. Zunächst ist die zerstückelte Leiche der Frau eines Viehzüchters im Magen einer Kuh aufgetaucht - möglicherweise die Eifersuchtstat eines Gehörnten. Dann taucht die zweite Leiche auf, die dritte, die vierte, und alle Opfer scheinen amourös miteinander verbunden gewesen zu sein. Die Sache beginnt unheimlich zu werden, zumal von der dritten Folge an auch Allah noch mitmischt. Eine Vernichtung sieht Van der Weyden im Gange, „schlimmer als die Schia oder Schoa“.

          Das ist ernst gemeint, denn dieser Ort, wir ahnten es schon, hat keinen Ausgang. Er ist „die Hölle auf Erden“. Wie es dieser clowneske Kommissar und Sisyphos nun mit Satan selbst aufnimmt und welche Rolle Kindkind dabei spielt, ist unbedingt sehenswert. Geboten wird eine infernalische Komödie im Extraformat, die kürzlich auch bei den Filmfestspielen in Cannes gefeiert wurde. Nur der Schluss befriedigt nicht gänzlich.

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