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Fernsehen : Verehrter Brecht

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Unabhängigkeit war ihm das Wichtigste: Bertolt Brecht Bild: SWR/Bertolt Brecht-Archiv

Begegnen wir dem Leben Brechts mit lauter Vorurteilen? Für Joachim Lang ist das so. In seiner Dokumentation „Bertolt Brecht - Die Kunst zu leben“ zeigt er, was dem Schriftsteller wirklich wichtig war.

          Für Joachim Lang, den Autor und Regisseur der Dokumentation „Bertolt Brecht - Die Kunst zu leben“, ist die Rezeptionsgeschichte der Brechtschen Vita und des Brechtschen Werks eine Geschichte der Vorurteile und Mißverständnisse. Kann man das nicht von jedem bekannteren Dichter, Philosophen oder Künstler behaupten? Daß Abbreviaturen der Bequemlichkeit äußerst verführerisch und für gewöhnlich die gängige Münze der Kritik sind, ist eine Binsenwahrheit.

          Daß sich Politik im Medium der Kunst, sofern sie sich nicht nur als verkleidete Propaganda gebärdet, nicht auf Weltanschauung festzurren läßt, die Verführung, es dennoch zu tun, aber ungeheuer groß ist, ist eine weitere. Brecht, von den Nationalsozialisten verfolgt und ausgebürgert, ins Exil vertrieben und dort der unamerikanischen kommunistischen Umtriebe bezichtigt, in der DDR unter Ulbricht beäugt und in der Bundesrepublik kritisiert, ist in dieser Hinsicht nur ein besonders offensichtlicher Fall. Von Interesse ist er, weil sich an ihm die Verquickung von Erkenntnis und Interesse geradezu paradigmatisch studieren läßt.

          Zu naiv für Brecht

          Langs akribische Dokumentation geht von einer weiteren Prämisse aus: Im Falle Brechts habe man es heute noch immer mit einem Verfemten, einem Sündenbock, einem posthum andauernd Erniedrigten zu tun. Nur Vorurteile und keine Tatsachen bestimmten die Rezeption des Dichters, heißt es im Film. Wer in den Achtzigern oder später die Oberstufe und die unterrichtsbestimmende Brecht-Verehrung der Deutschkursleiter an einem (west-)deutschen Gymnasium absolvieren mußte, findet diese Behauptung abenteuerlich. Wer sich das Fernsehprogramm mit seinen zahlreichen Todestags-Feiersendungen ansieht, versteht die Selbstinszenierung als Brecht-Rufer in der Wüste der Böswilligen noch viel weniger.

          Die Frauen sollen sich Brecht an den Hals geschmissen haben - hier ist es Ruth Berlau

          „Die Kunst zu leben“ ist ein Dokument der Brecht-Verehrung (wissenschaftliche Beratung: Jan Knopf, Leiter der „Arbeitsstelle Bertolt Brecht“ am Institut für Literaturwissenschaft der Universität Karlsruhe), will es aber nicht zugeben. Weil der klassisch gewordene Vorwurf „Glotzt nicht so romantisch“ damit auf den Film und seine Macher selbst anzuwenden wäre? Das Fatale daran ist, daß der Film sein eigenes Interesse, den Rehabilitationswillen um den Preis der Glättung jedes strittigen Brecht-Themas, leugnet und sich als reine Tatsachenpräsentation ausgibt. Für Brecht ist das einfach zu naiv.

          Alte Vorurteile im neuen Licht

          Er hat seine Frauen, vor allem Helene Weigel, benutzt und dauernd betrogen? Quatsch, sie haben sich ihm an den Hals geschmissen, betrunken noch dazu. Er hielt sich schon zu Schulzeiten für den neuen Schiller? Nur zu verständlich, schließlich hat er achtundvierzig Theaterstücke und mehr als zweitausend Gedichte geschrieben. Er hat seine Mitarbeiter ausgebeutet, unter seinem Namen von ihnen Erarbeitetes veröffentlicht? Wie spießig, es war ein ständiges Geben und Nehmen. Er war politisch zu wenig zuverlässig? Aber alles andere als das!

          Die Einsicht, daß Brecht als Dichter sich auf Gesinnung nicht festlegen läßt, ist übrigens ein uralter Hut. Ende Juli 1934 schreibt Karl Kraus in der berühmten Fackel 890, seinem Rechenschaftsbericht „Warum die Fackel nicht erscheint“, sinngemäß über Brecht, daß sein „eigentlicher Sprachwert“ sich „rechtens“ von der sozialistischen Gedankenwelt ablösen lasse - was als großes Kompliment gemeint ist.

          Unterhaltsame Erinnerungsarbeit

          Wer ausschließlich anbetungswütigen Bekannten, Meisterschülern und Frauen Brechts bei der sehr persönlichen Erinnerungsarbeit zusehen möchte, wird mit einer unterhaltsamen Dokumentation belohnt. Bemerkenswert sind die vielen Rezitationen aus Gedichten Brechts, die allerdings vor allem dazu dienen, Thesen zu illustrieren. Die Bornierten dagegen sollten besser die Finger von dem Film lassen. Wer die sind? Indem er zum Auftakt seiner neunzigminütigen Lebens- und Werkschau Fritz Kortners Tochter Marianne Brün das Wort erteilt, stellt Lang die Weichen: „Das Bild, das heute von ihm in der Presse gemacht wird, ist mir so fremd. Es hat gar nichts mit dem Brecht zu tun, den ich kannte.“ Da haben wir's - „die“ Presse ist schuld, daß Brecht vor fünfzig Jahren nicht nur auf dem Friedhof, sondern seitdem unter Bergen von Vorurteilen begraben wurde.

          Einzig im Gespräch mit Wera und Claus Küchenmeister blitzt etwas von dem ganz unmessianischen Brecht-Schwejkschen Humor auf, der den Exilanten auch in seiner Vernehmung vor dem amerikanischen Kongreß während der Kommunistenhetze schützte. Denn obgleich Brecht Atheist gewesen sei, wurde er, wie gewünscht, im Zinksarg in die Erde gesenkt. Man kann schließlich nie wissen!

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