https://www.faz.net/-gqz-x2qk

Fernsehen und Internet : Die Masse ersetzt den Spezialisten

  • -Aktualisiert am

Wie kommt das Fernsehen an die Internetnutzer? Eine Frage für Experimentfreudige. Bild: picture-alliance/ dpa

Wie kann das Fernsehen die computersozialisierte Generation wieder an den Fernsehbildschirm locken? Konventionelle Produktionsweisen scheinen dazu mäßig geeignet. An neuen Formaten, die Internet und Fernsehen verbinden, wird kräftig herumexperimentiert.

          4 Min.

          Wenn es nach Don Tapscott geht, gehören Produzenten von Fernseh- und Kinofilmen bald der Vergangenheit an. Tapscott glaubt genau zu wissen, wie Internet und Digitalisierung unsere Arbeit und Freizeit verändern. Der Kanadier hat ein Beratungsunternehmen gegründet, lehrt Management an der Universität von Toronto und hat elf Bücher geschrieben. In seinem jüngsten Werk „Wicinomics. Die Revolution im Netz“ setzt er auf die Intelligenz der Massen und prophezeit den konventionellen Produzenten von Musik, Literatur, Film, Software und Fernsehsendungen ein baldiges Ende. Er glaubt, dass die Zeit gekommen sei, in der eine „restlos verflochtene, amorphe Masse der selbst organisierten Individuen“ sich auf allerlei Plattformen im Web trifft, ihr Wissen und ihre Ideen zusammenwirft und letztlich ihre Produkte selbst kreiert. Eine Masse, die den Spezialisten ersetzt und das Ruder selbst in die Hand nimmt.

          Einer dieser laut Tapscott dem Untergang geweihten Spezialisten sitzt in einem farbenfrohen Hinterhofgebäude in Berlin-Moabit. Er heißt Martin Hoffmann und ist Chef der Produktionsfirma MME Moviement. MME ist mit Programmen wie „Barbara Salesch“, „Frank, der Wedding Planer“, „Niedrig & Kuhnt“, „Zwei bei Kallwass“ oder „Bauer sucht Frau“ laut eigenen Angaben „einer der führenden unabhängigen Content-Produzenten für TV-Unterhaltung im deutschen Markt“. Hoffmann wurde 2003 über die Branche hinaus bekannt, als verbreitet wurde, Harald Schmidt verlasse Sat.1 Richtung ARD, weil sein Freund Hoffmann, damals Programmchef von Sat.1, durch Roger Schawinski ersetzt worden war.

          Die kreative Leistung des Einzelnen

          Tapscotts Visionen findet Hoffmann zwar interessant, aber nicht besorgniserregend. „Im Film funktioniert nur die kreative Leistung des Einzelnen“, sagt er, „so wie man kein Bild gemeinsam malen kann, kann man meiner Meinung nach auch keinen Film gemeinsam mit ganz vielen machen. Ich glaube an die Vervielfältigung, an eine Ausweitung der Verbreitungswege, aber ich glaube nicht an das Aussterben des Fernsehens. Wenn, dann an das Aussterben eines Verbreitungsweges, aber nie an das eines Genres oder einer Idee.“

          Dennoch verändert die Digitalisierung die Entwicklung und Entstehung von Fernsehfilmen massiv. Das Geschäft sei schon schwieriger geworden, räumt Hoffmann ein. Galt in den achtziger Jahren noch „anything goes“, müsse man „heute immer auch über eine weitergehende, multimediale Anwendung nachdenken“. Das bedeutet, dass nicht mehr nur mit Sendern über neue Formate verhandelt werden müsse, sondern auch mit Telefonanbietern, um Möglichkeiten der Produktion von Inhalten auf Handys zu erörtern, und mit Communitybetreibern über Kooperationen auf deren Plattformen.

          Wiedergewinnung der Fernsehzuschauer

          Ständig entstehen neue Community-Seiten und Videoblogs, die von Millionen Usern besucht werden und auf denen sich vorzugsweise junges Publikum herumtreibt: Vierzehn- bis Fünfundzwanzigjährige, zu deren Lebenswelten eher Handy und PC als der Fernsehapparat gehören und die zum Verdruss von Produzenten und Sendern deshalb auch immer weniger fernsehen. Aber genau diese Nutzer müssen als Zuschauer zurückgewonnen werden, damit die Marktanteile in dieser für die Werbewirtschaft so wichtigen Gruppe nicht wegbrechen. Also muss man ihnen folgen, um sie von den verschiedenen digitalen Plattformen wieder „abzuholen“.

          Weitere Themen

          Theater und die Kunst zu leben Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung – Folge 6 : Theater und die Kunst zu leben

          In dieser Folge der „Spielplanänderung“ kehren wir zum wahren, schönen Leben zurück: Sardanapal ist nicht nur tragischer König und Bühnenheld, sondern vor allem ein Genießer des schönen Lebens. Zusammen mit dem langjährigen Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann erkunden wir Parallelen zwischen diesem König, der keiner sein will und heutigen politischen Disputen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.