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Fernsehen : Siehe da, ein Feuilleton!

Auf den Spuren Heines: Matthias Matussek Bild: SWR/David Baltzer

Matthias Matussek, der kürzlich abgelöste Kulturchef des „Spiegel“, geht im Fernsehen auf Reisen. Er produziert kleine feuilletonistische Roadmovies und übt sich in einer Kunst, von der man fast glaubte, sie sei dem Medium verlorengegangen.

          Feuilleton und Fernsehen, das passt selten zusammen. Allzu oft kommt ein Schlechtelauneprogramm dabei heraus, dünkelhaft, arrogant oder auf Teufel komm raus dem Zeitgeist verpflichtet. Matthias Matussek, der kürzlich abgelöste Kulturchef des „Spiegel“, macht es anders. Ohne die Spur von Larmoyanz geht er für den SWR von diesem Sonntag an im Ersten auf Reisen und fährt im Auto durchs Land auf der Suche nach Erkenntnis, die sich auf geradezu spielerische Weise einstellt. Matussek produziert Essays in Bildern, kleine feuilletonistische Roadmovies und übt sich in einer Kunst, von der man fast glaubte, sie sei dem Medium verlorengegangen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Mit „Unheimlich schön!“ geht es los, einer Betrachtung der Schönheitsideale und des Schönheitswahns unserer Zeit. In Berlin, Unter den Linden, richtet Matussek den Blick auf die haushohen Plakate, die gestählte, makellose Körper zeigen. „Die Schönen flirten mit uns und schauen ein wenig verächtlich“, als wollten sie uns sagen: „Die Welt können wir wohl nicht verbessern, aber unser Aussehen.“ Zum Beispiel durch eine Spritze in der Botox-to-go-Klinik, einen Besuch in Hamburgs größtem Fitnessclub oder eine Operation in der Klinik des „Nasenpapstes“ Werner Mang am Bodensee, der nach der fünfzehntausendsten OP zu zählen aufgehört hat. „Wenn ich nicht jeden Tag nach dem Frühstück eine Nase habe, dann bin ich nicht so richtig gut drauf“, sagt der Doktor. Matussek jedoch, der bei einer Operation dabei sein darf, wird es blümerant, so wie dem Zuschauer auch.

          Die Hormone steuern den Blick

          In der Modelagentur zeigt sich derweil, dass erst der Blick der Fotografen jene Schönheit auf die flachen Gesichter der Models zaubert, die ausstrahlt und „anmacht“. Der Evolutionsbiologe in Nürnberg hingegen sieht es nüchtern: Die Hormone steuern unseren Blick, und es zeigt sich abermals, dass Männer den Frauen nicht wirklich nur in die Augen schauen. Matussek aber weiß, dass Rilke recht hatte: Schönheit ist aller Schrecken Anfang. Und der Schönheitskult der Moderne schafft - anders als das Ideal der Antike - nur jede Menge Einsamkeit und Traurigkeit bei denen, die ihm nicht dienen wollen oder können.

          Auf Matusseks zweiter Reise „Mein Gott!“ wird es sehr persönlich. Religion ist wieder ein Thema, für die Gesellschaft, für den Autor war es immer eines, wie sich spätestens beim Besuch seiner alten Schule herausstellt, des Aloisiuskollegs in Bad Godesberg. Während sich der Pfarrer seiner Hamburger Gemeinde mit dem neuen Gemeindehaus architektonisch buchstäblich einbunkert (Matussek überlegt, an welcher Stelle man ein Maschinengewehrnest gegen den Ansturm der Islamisten einrichten könnte), hat sich der alte Jesuitenbunker, die einstige katholische Kadettenanstalt, merklich geöffnet. Die religiöse Prägung der Schüler heute kommt Matussek ein wenig wie protestantische „Wellness“ vor, doch er verhehlt nicht, dass sein Urteil wahrscheinlich unfair ist.

          Aber ich knie

          Einen Mann, der den Glauben ganz und gar ernst nimmt, findet er in einem Muslim, der den Bau einer der größten Moscheen Deutschlands vorantreibt, in Duisburg, wo zugleich eine von vierundneunzig Kirchen des Erzbistums Essen vor der Schließung steht. Auf dem Bonner Marktplatz wiederum laufen Matussek nur Ungläubige vor die Kamera. Mit dem Schriftsteller Martin Walser schließlich teilt er die Melodie des Glaubens aus den Kindertagen: „Ich bin an den Sonntag gebunden / wie an eine Melodie / Ich habe keine andere gefunden / Ich glaube nichts / aber ich knie.“

          Sein journalistisches Ideal, sagt Matussek, sei Heinrich Heine. Dessen Reise durch den Harz ist ihm die „Urform der modernen Reportage“, erkunde der Dichter doch das damalige Deutschland geographisch und bringe zugleich seine Seele zum Singen. Hundertdreiundachtzig Jahre später wandelt Matussek auf Heines Spuren. Und seine Melodie klingt.

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