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Fernsehen : Sie machen den „Tatort“, sagte ihr Chef

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Die Frau hinter Batic und Leitmayr: Silvia Koller Bild: Andreas Müller

Die Kommissare des „Tatorts“ aus München kennt jeder. Kaum einer aber Silvia Koller, die beim Bayerischen Rundfunk die Fäden zieht, das Erfolgsteam zusammenstellte und einen großen Traum hat: einen „Tatort“ beim FC Bayern.

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          Wenn Silvia Koller von ihrem roten Sofa in ihrer Schwabinger Wohnung aus dem Fenster schaut, fällt ihr Blick auf das Palais des Erzbischofs von München und Freising, das durch eine Mauer getrennt ist von den Touristenströmen, die sich von der Münchner Freiheit zum Englischen Garten ergießen. Ein Kulminationspunkt, Traumresidenz der Münchner Boheme und so ambivalent wie Silvia Koller, die kettenrauchend zwischen antiken Möbeln sitzt und sarkastisch lächelnd mit tiefer Stimme formuliert, wie ein Berufsleben von 45 Jahren beim Bayerischen Rundfunk, davon die letzten siebzehn im Dienst des „Tatort“, aussehen kann.

          Für Silvia Koller stimmt, was abgegriffen klingt: Sie hat Fernsehgeschichte geschrieben. Als Volontärin kam sie 1962 zum Bayerischen Rundfunk, als dieser ein Radiosender war; sie war dabei, als der BR 1964 das erste dritte Fernsehprogramm startete, und war bald für Filmeinkauf zuständig. „Das hatte ungeheure Möglichkeiten. Man fuhr zu einem Major-Studio nach Los Angeles und schaute sich den Stock an. Ich habe wochenlang Filme gesehen. Von zehn haben wir einen genommen und in den Dritten uraufgeführt.“

          Wie ein neuer Beruf

          Ihre Begeisterung galt dem Dokumentarfilm. Das von ihr produzierte Stück „Step across the Border“ über den Musiker Fred Frith rangiert unter den zehn besten Dokumentarfilmen der Geschichte, ihr jüngster, „Die Hochstapler“ von Alexander Adolph, lief letztes Jahr im Kino. Zum „Tatort“ kam sie umstandslos. Als ihr Chef Dietrich von Watzdorf 1991 das Fernsehspiel des BR übernahm, „spazierte er mit mir in die Kantine und fragte: ,Wollen Sie mit ins Fernsehspiel kommen?'“. Koller fragte, was dort zu tun sei. „Sie machen den ,Tatort'. Ich sagte, ich kann das aber nicht. Darauf er: Dann lernen Sie es.“ Das war wie ein neuer Beruf und machte deutlich mehr Spaß, als über den Ankauf von Filmen zu entscheiden. Ich habe es keinen Moment lang bereut.“ Der BR sicher auch nicht, schließlich darf Silvia Koller den „Tatort“ auch nach ihrer Pensionierung betreuen. Und dieser „Tatort“ zeichnet sich durch eine atmosphärische Handschrift aus, ebenjene der Silvia Koller, zu besichtigen in nun 49 Fällen des Kommissarduos Nemec und Wachtveitl. Oft von Kollegen beargwöhnt und mit dem Satz kommentiert: „Das ist kein ,Tatort', aber als Film gefällt er mir sehr gut.“

          Als Vorbilder ruft Silvia Koller die Screwball-Comedys der dreißiger Jahre auf und besonders die Komödien von Lubitsch und Wilder. „Eric Rohmer hat mir einmal gesagt, dass bei seinen frühen Filmen die Straßen von Paris immer die richtigen Orte der Handlung waren. Was er uns vorführt, stimmt immer, das hat sich bei mir gesetzt.“ Nicht anders sollte es bei dem von ihr betreuten „Tatort“ sein, sagt Silvia Koller und erzählt en passant von ihren Begegnungen mit Howard Hawks. Mit ihrer Stadt verbindet die Münchnerin „eine große Hassliebe, weil ich nicht alles herrlich finde, was hier stattfindet, und anderes nicht missen möchte“. München, meint sie, wäre gern Weltstadt, sei aber „eine verkleidete Stadt“, voller verkapselter dörflicher Mikrokosmen, die der Hintergrund vieler „Tatorte“ sind, die nicht von ungefähr wie Heimatfilme wirken.

          Den Traumort München bewahren

          „Die Stimmung, die Sinnlichkeit der Stadt muss glaubwürdig wiedergegeben werden“, sagt Silvia Koller. „München ist nicht nur die Maximilianstraße. Es gibt auch Ecken, wo es noch zugeht wie vor fünfzig Jahren, doch werden es weniger.“ Der BR-Tatort will in diesem Sinne den Traumort München bewahren. Deswegen erschien Silvia Koller 1991 auch der junge Udo Wachtveitl mit seinem hintergründigen Humor als richtige Besetzung; mit Miroslav Nemec, der damals am Residenztheater spielte, fand sie einen ebenbürtigen Partner. „Dass zwischen den beiden eine tiefe persönliche Freundschaft entstehen würde, konnte niemand ahnen.“

          Dass die Kommissare Leitmayr und Batic ein perfektes Paar abgeben, erklärt den Erfolg des Münchner „Tatorts“ nur zum Teil. Ohne die sorgfältig bearbeiteten Drehbücher von Autoren wie Peter Probst, Friedrich Ani oder Alexander Adolph wäre alles nichts, sie wurden von der ersten Minute an von Silvia Koller betreut. „Ich kriege keine Drehbücher“, sagt sie. „Wir erarbeiten sie uns von Anfang an. Ein Autor macht einen Vorschlag, dann muss er ein Exposé schreiben, dann ein Treatment, eine erste Fassung, und dann geht es fröhlich dahin, bis es nach eineinhalb Jahren fertig ist.“ Mit sicherer Hand rekrutierte Silvia Koller die passenden Regisseure an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen, darunter Martin Enlen, Dominik Graf, Vivian Naefe.

          Ein „Tatort“ bei Bayern München?

          Ihre Stücke stehen für eine bestimmte Atmosphäre, bezeugen einen klaren Stil, der sogar auf der Kinoleinwand trägt. „Das Fernsehen“, sagt Silvia Koller, „hat eine eigene Ästhetik etabliert, das funktioniert fast schematisch.“ Bei ihren Filmen ist das aus den genannten Gründen anders. Grenzen aber setzt stets das Geld, früher hatte ein „Tatort“ vierundzwanzig Drehtage, heute sind es maximal zweiundzwanzig, die Kosten sind gestiegen, die Etats nicht, gespart wird am Personal, Nachtdrehs werden die Ausnahme.

          An fehlenden Mitteln scheitert auch ein Lieblingsgedanke der Redakteurin: ein „Tatort“, der bei Bayern München spielt. Auch hätten die es gar nicht nötig, sich mit einer solchen Idee anzufreunden. Auf die Frage, was man brauche, um fünfzig „Tatorte“ zu produzieren, zitiert Silvia Koller trotzdem knapp Oliver Kahn: „Eier.“ Nach der neunten und zehnten Zigarette heißt es genauer: „Es muss Leidenschaft dabei sein und eine Liebe. Sonst wird es nix.“

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