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Stefan Raabs Rücktritt : Das war die perfekte Welle

Bei der Haltungsnote gab es für Stefan Raab manchmal ein paar Abzüge. Aber er hielt sich immer über Wasser. Bild: nordphoto

Prügelknabe, Schlagerkönig, Moderator ohne Schmerzgrenze: In fünfundzwanzig Jahren hat Stefan Raab die unmöglichsten Verrenkungen gemacht, um Leute zu unterhalten. Jetzt geht er ab und - empfiehlt sich für Höheres.

          Der Countdown läuft, und er läuft nicht mehr lange. Zweimal tritt Stefan Raab mit seiner Show „TV Total“ noch auf die Bühne. Dann ist sein langer Lauf in den vorgezogenen Fernseh-Ruhestand zu Ende. Raabs Marathon währte allein bei seinem Haussender Pro Sieben sechzehn Jahre, in denen er im Unterhaltungsprogramm all das ausprobiert hat, wonach ihm gerade der Sinn stand. In einer Disziplin nach der anderen ist er angetreten, und man erinnert sich an keine, in der er eine Niederlage erlitten hätte. Er hat das Show-Angebot von Pro Sieben über weite Strecken fast im Alleingang bestritten, so dass zu befürchten stand, der Sender würde an dem Tag, an dem er ohne Stefan Raab auskommen muss, ein Testbild senden. Doch geht Raab nicht von einem Tag auf den anderen. Seine Restlaufzeit kündigte er ein halbes Jahr vor dem Endspurt an, Eingeweihte wussten es noch früher. Für die Mitarbeiter seiner Produktionsfirma Brainpool war sein Schritt gleichwohl ein Schock, und die Aktie von Pro Sieben Sat.1 gab im Juni, als Raab seine Demission kundtat, auch nach. Bei dem Gedanken an Pro Sieben ohne Stefan Raab wurde den Anlegern offensichtlich unwohl.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Ob es den Wok-Herstellern ähnlich geht? Wer kommt schließlich auf die Idee, die asiatische Bratpfanne zu einem Schlitten umzufunktionieren und eine „Wok-WM“ zu veranstalten? Oder die Randsportart Turmspringen zum abendfüllenden Ereignis zu machen, nächtelang Poker zu spielen, eine „Stock Car Crash Challenge“ auszurufen und dabei allerhand Fahrzeuge nach allen Regeln der Kunst zu verschrotten, zur „Autoball-WM“ zu bitten oder sich von einer Boxweltmeisterin die Nase knicken zu lassen? Nicht zu vergessen die musikalischen Meriten, die sich Raab erworben hat. Er hat den „Bundesvision Song Contest“ auf die Beine gestellt und der ARD bei der Zusammenarbeit für den Eurovision Song Contest Beine gemacht. Der von ihm promotete Guildo Horn landete bei dem Wettbewerb im Jahr 1998 auf Platz sieben, Raab selbst mit dem Quatsch-Titel „Wadde hadde dudde da?“ zwei Jahre später auf Platz fünf, der von ihm betreute Max Mutzke 2004 auf dem achten Rang, bevor Raab als Entdecker und Produzent von Lena Meyer-Landrut vor fünf Jahren schließlich mithalf, den Titel zu holen. Von solchen Zeiten kann die ARD momentan nur träumen. Die letzte deutsche Teilnehmerin beim Eurovision Song Contest landete auf dem letzten Platz, und die Nominierung Xavier Naidoos als nächster Kandidat ging zuletzt gründlich daneben.

          Angetrieben hat Stefan Raab immer sein Sportsgeist. Er musste immer alles ausprobieren, sich mit anderen messen und am Ende möglichst selbst gewinnen, koste es, was es wolle. Das war vor allem und stets in Überlänge bei seiner Zehnkampf-Show „Schlag den Raab“ zu besichtigen, bei der nie der Eindruck aufkam, er wäre der ewigen Kraftmeierei müde. Ebenso erstaunlich wie seine Ausdauer ist freilich die der Zuschauer, die sich seine Selbstverausgabungen all die Jahre angesehen haben. Denn was stand da schon groß zu erwarten? Entweder gewann Raab, oder er bekam eins auf die Nase. Für jemanden mit solchen Nehmerqualitäten einen Nachfolger zu finden ist eine der schwierigsten Aufgaben der Geschäftsführer von Pro Sieben. Denn das Programm des Senders ruht auf nur wenigen Säulen. Da gibt es amerikanische Serien, vor allem Comedy, Kino-Blockbuster und selbstgemachte Show-Unterhaltung, darüber hinaus läuft kaum etwas. Serien und Filme lassen sich kaufen, die Unterhaltung jedoch muss - auch wenn man die Formate woanders erwirbt -, selbst gestaltet werden, damit Leben in der Bude ist. Dafür sorgt bei Pro Sieben heute nicht mehr ein last man standing, sondern der Zweikampf zwischen Joko (Winterscheidt) und Klaas (Heufer-Umlauf). Ihr Wettstreit reicht per Showdefinition inzwischen „um die ganze Welt“ und ist mitunter ein Spiel ohne Grenzen. Im Vergleich zu ihnen wirken Raabs Spartakiaden wie Kaffeekränzchen.

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