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Stefan Raabs Rücktritt : Das war die perfekte Welle

Machen Sie mal eine typische Handbewegung: Bei „TV Total“ drückt Stefan Raab dann auf den Knopf.
Machen Sie mal eine typische Handbewegung: Bei „TV Total“ drückt Stefan Raab dann auf den Knopf. : Bild: dpa

Wolfgang Link, der Geschäftsführer von Pro Sieben und Chef aller deutschen Programme der Sendergruppe ist, hat also vorgesorgt: Raab geht, Joko und Klaas sind schon da und beweisen mit ihrem „Circus Halligalli“ unter der Woche und ihren Samstagabendshows, dass sie die Lücke zwar nicht füllen können, aber dem Sender das junge Publikum erhalten. Das hatte Raab zwischenzeitlich mit „TV Total Bundestagswahl“ sogar für die Politik zu interessieren versucht - und es erstaunlicherweise auch immer wieder erreicht, obwohl er ihm eigentlich längst entwachsen ist. Jetzt will er sich klugerweise von ihm verabschieden, bevor es ihn nicht mehr sehen will.

Für Pro Sieben besteht die Aufgabe nun darin, seine neuen Stars bei der Stange zu halten. Das dürfte angesichts allfälliger Abwerbeangebote öffentlich-rechtlicher Sender nicht ganz so leicht fallen wie bei Stefan Raab. Er hatte bei Pro Sieben Carte blanche und durfte immer den nächsten Aberwitz ausprobieren, von dem im Vorhinein niemand annehmen durfte, dass daraus brauchbare Unterhaltung würde. Das Prinzip Versuch und Irrtum steht bei den Privatsendern zwar unter dem Diktat der Quote, aber immerhin - es existiert. Bei den Öffentlich-Rechtlichen hat man es mit einem Verwaltungs- und Gremienapparat zu tun, an dem Kreative irre werden können. Wo hätte da für jemanden wie Stefan Raab jemals Platz sein sollen?

Unser Song für Deutschland: Auch dank Raabs Unterstützung trat Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest an. Und gewann.
Unser Song für Deutschland: Auch dank Raabs Unterstützung trat Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest an. Und gewann. : Bild: dpa

Nun geht er also, der Mann mit dem „Maschendrahtzaun“. Sein „Best of“ hat er noch einmal präsentiert: wie er vom Kamel fiel; wie er als vermeintlicher Rainer Calmund am Telefon einen Zentner Nürnberger Würstchen bei Uli Hoeneß bestellte; wie er mit Rüdiger Nehberg mit bloßen Händen auf Wildschweinjagd ging und ein Jauchebad nahm; wie er im Gespräch mit James Brown erst aus dem Häuschen geriet, dann famos Ukulele spielte und schließlich unters Sofa tauchte, um den Ring, den der Meister des Soul gerade verloren hatte, zu suchen und zu finden - womit die Liste noch längst nicht vollständig wäre. Mit seinem „Best of“ hätte Raab eine ganze Woche weitermachen können.

Sie haben das Wort: Beim „TV-Duell“ moderierte Stefan Raab an der Seite von Anne Will.
Sie haben das Wort: Beim „TV-Duell“ moderierte Stefan Raab an der Seite von Anne Will. : Bild: dpa

Seit 25 Jahren ist er im Geschäft, und genauso lang hat er die Kritik weggegrinst. Auch für sein „TV Total“, das nicht nur auf routiniert-geschäftsmäßige Gespräche mit Showgrößen und Slapstickeinlagen gründet, sondern auch darauf, sich über die Peinlichkeiten anderer lustig zu machen, was nicht immer lustig war. Über den Privatmann Raab ist wenig bekannt - er war Messdiener, besuchte eine Jesuitenschule, studierte Jura und machte eine Lehre als Metzger im elterlichen Betrieb, bevor er mit der Produktion von Musikjingles ins Showbusiness einstieg, ist fest liiert und hat zwei Töchter. Mehr weiß man nicht und muss man auch nicht wissen. Ähnlich wie Günther Jauch scheint Stefan Raab zu wissen, wie wichtig es ist, zwischen der öffentlichen Rolle und der Person zu unterscheiden und diese Grenzziehung selbst zu verfügen. Entweder man macht Unterhaltung, oder man wird zu Unterhaltung gemacht.

Spiel, Satz und Sieg: Verlieren wollte Stefan Raab nie.
Spiel, Satz und Sieg: Verlieren wollte Stefan Raab nie. : Bild: obs

Das deutsche Fernsehen macht vom kommenden Wochenende an ohne Stefan Raab weiter. Doch was macht er ohne Fernsehen? An Angeboten dürfte es ihm nicht mangeln. Vorstand eines Start-ups, Berater oder Aufsichtsrat eines Konzerns? Mit irgendwem wird Raab sich schon wieder messen wollen.

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