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Fernsehen : Großvaters Sarg passt nicht durch die Tür

Nina Siebertz und Moritz Klaus in „Teufelsbraten” Bild: WDR/Thomas Kost

„Das Wunder von Bern“ für Frauen und Mädchen: Hermine Huntgeburth hat den Roman „Das verborgene Wort“ von Ulla Hahn verfilmt. „Teufelsbraten“ heißt das sehenswerte Stück, in dem Harald Schmidt einen Gastauftritt als Dessousverkäufer hat.

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          Hermine Huntgeburths „Teufelsbraten“, ein bemerkenswerter Fernsehfilm nach Ulla Hahns 2001 erschienenem Roman „Das verborgene Wort“, ist das weibliche Pendant zu Sönke Wortmanns „Das Wunder von Bern“, das vor fünf Jahren die Kinos füllte. Man kann es auch noch enger fügen: „Teufelsbraten“ ist „Das Wunder von Bern“ für Frauen und Mädchen und kommt also, sieht man von ein, zwei Sekundensequenzen ab, hundertachtzig Minuten lang ganz ohne Fußball aus.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Übrigens auch ohne das vom Vater für den Feiertagsbraten geschlachtete Kanichen, das bei Wortmann fast zur Sohnestragödie führt, sich auch in Ulla Hahns Roman auf den Sonntagstellern findet - „Hänsjen“ heißt das Karnickel dort -, von der Regisseurin Huntgeburth aber als inzwischen schon zu klischeehaft gewordenes Motiv verschmäht wird. Sie setzt stattdessen auf das wilde Wiedereinfangen entlaufener Hühner und auf einige betulich in der Gegend herumstehende Schafe.

          Die Welt aus Kinderaugen

          Ansonsten aber gehen die Parallelen bis ins Detail. Beide Filme erzählen von der selben Zeit, den fünfziger Jahren. Sie spielen nicht weit voneinander entfernt - was für Wortmann Essen-Katernberg, ist für Huntgeburth das fiktive Dondorf, das wiederum dem realen rheinischen Monheim nicht unähnlich ist, wo Ulla Hahn aufwuchs. Beide Filme sehen die Welt aus Kinderaugen - hie Matthias, dort Hildegard. Beide bewegen sich mit ihren Hauptfiguren im Proletatriermilieu von Rhein und Ruhr, genehmigen sich zugleich jedoch nüchterne, mithin auch undenunziatorische Blicke ins neureiche Bungalow- und Nierentischambiente.

          Dessousverkäufer: Harald Schmidt

          Die zentrale Außenszene beider Filme ist nahezu vollkommen identisch - eine schmale, noch ungeteerte Dorfstraße mit armselig geduckten Häuschen am Rand, die am hinteren Ende von einer surreal wirkenden, mächtigen Fabrikkulisse überragt werden. Die Musik ähnelt sich sehr: jeweils unaufdringlicher Minimalismus. Und eine der für beide Filme wichtigen Figuren - der Sportreporter Ackermann im „Wunder von Bern“, der Realschullehrer Geffken im „Teufelsbraten“ - wird vom selben Schauspieler dargestellt: Lucas Gregorowicz wird auf diese Weise allmählich zum jugendlich-erwachsenen Vorzeigegesicht für den Aufschwung und den Fortschritt in der Nachkriegsepoche.

          Aufwertung der Fünfziger

          Dies ist jenseits aller ästhetischen und atmosphärischen Gemeinsamkeiten denn auch das entscheidend Parallele beider Filme: Sie werten die fünfziger Jahre, die bis vor kurzem noch als Inbegriff an Vermufftheit, an Spießertum und Restauration galten, in einem Maße auf, das schon erstaunlich ist - und im Übrigen auch sehr bedenkenswert. Je weiter diese Zeit zurückliegt, desto besser wird das Licht, das auf sie fällt. Dabei ist es keineswegs ein verklärendes Nostalgie-Licht, mit dem die Regisseure Wortmann und Huntgeburth ihre Szenerien illuminieren. Im Gegenteil, gerade die rückständigen Seiten jener Jahre werden von ihnen besonders genau ausgeleuchtet. Noch in die dunkelste Wohnstube, noch in die abergläubigste Religiosität und noch ins unaufgeklärteste Autoritätsgehabe aber fällt für die darin Befangenen auch ein Licht, das den Weg ins Freie, ins Offene weist.

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