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Fernsehen : Eine schöne Freibeuterei

  • -Aktualisiert am

Tobias Moretti bedroht als Long John Silver den Jungen Jim (François Goeske) Bild: obs

Mit dem „Fluch der Karibik“ hat der Piratenfilm enorme Erfolge gefeiert. Vielleicht hat sich deshalb Pro Sieben an die Neuverfilmung des Klassikers „Die Schatzinsel“ gewagt. Herausgekommen ist ein zweiteiliges Fernsehspektakel mit bekannten Gesichtern.

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          Gestern, am Sonntag, zeigte Pro Sieben den „Fluch der Karibik“, diesen Bombast aus dem Hause Disney, in dem Johnny Depp den charmanten Oberseeräuber mimt, Orlando Bloom den unerschrockenen Helden und Keira Knightley die schöne Mutige, die einem Haufen Zombie-Piraten einen verfluchten Schatz abjagen wollen. Ein Film also, der Disney so viel Geld in die Kassen gespült hat, dass Produzent Jerry Bruckheimer nachher gleich zwei Fortsetzungen auf einmal drehen durfte. Ist es angesichts dieser mächtigen Konkurrenz eine gute Idee, wenn Pro Sieben mit einer Eigenproduktion aus demselben Genre aufwartet - jetzt, da die Zuschauer gerade vorgeführt bekommen, wie Piratenfilme aussehen?

          Vielleicht kann man Pro Sieben auch ein großes Lob aussprechen - gerade weil der Sender bei der Neuverfilmung der „Schatzinsel“ auf Monster und zweistellige Millionen verzichtet hat und stattdessen einen fast altmodischen Abenteuerfilm zeigt, der seinen Reiz aus seinen Charakteren bezieht. Üblicherweise sind es ja die Katastrophen, die es dem Sender angetan haben, wenn es um „Event“-Filme geht: Tornado, Tsunami, Feuersbrünste - alles war schon da, und vieles davon geriet zum peinlichen Action-Schwank.

          Fernsehgerechte Aufarbeitung

          Dass mit der „Schatzinsel“ nun ein über hundert Jahre alter Roman verfilmt wurde, ist mutig - und, wenn man das Ergebnis betrachtet, keine üble Idee gewesen. Die Geschichte vom jungen Briten Jim Hawkins (François Goeske), der einem versoffenen Seemann eine Schatzkarte entwendet, sich mit Unterstützung eines britischen Geldgebers auf die Suche nach dem Gold begibt und auf einer verlassenen Insel in ein Piratenabenteuer hineingerät, hat nichts von ihrer Spannung eingebüßt. Pro Sieben hat die Erzählung bloß fernsehgerecht aufarbeiten lassen - und nicht an der Besetzung gespart.

          Jürgen Vogel ist als brutaler Schiffsmaat dabei, der ein mächtiges Tattoo auf dem kahlen Schädel trägt und jeden aus dem Weg fegt, der sich ihm in die Quere stellt. Richy Müller spielt den wortkargen Einzelgänger, der auf seine Chance wartet, das Kommando über die Freibeuter zu übernehmen. Am beeindruckendsten aber gibt Tobias Moretti den gewieften Long John Silver, dem der Wahnsinn aus den weit aufgerissenen Augen rinnt und dem weniger der Sinn nach Reichtum steht als nach Freiheit. Auch Aleksandar Jovanovic ist hervorragend als zivilisierter Doktor, dem die Gier nach dem Gold zum Verhängnis wird. Nur an Christian Tramitz als reichen Finanzier John Trelawney muss man sich gewöhnen - schließlich kennen wir ihn vor allem aus Parodien.

          Auswendig gelernt wirkende Dialoge

          Es gibt ein paar Kleinigkeiten, die den Spaß an der „Schatzinsel“ (Regie: Hansjörg Thurn) trüben. Etwa dass der Film eine halbe Stunde braucht, um in die Gänge zu kommen. Und vermutlich musste der Film auf zwei Teile ausgewalzt werden, um sich zu rentieren, was so manche Länge zur Konsequenz hat. Einige Dialoge wirken arg auswendig gelernt. Dennoch: Der Gesamteindruck stimmt.

          Pro Sieben hat den Roman von Robert Louis Stevenson behutsam modernisiert, das Ende gekappt und eine junge Dame als Hauptrolle dazuerfunden, die als Schiffsjunge verkleidet mitsegelt und Hawkins den Kopf verdreht - eine Anleihe bei Keira Knightley aus „Fluch der Karibik“ -, was der Geschichte aber alles nicht schadet. Dazu wurde vor allem die Sprache der Protagonisten aufgepeppt: „Los, Mädels, ich will euch schwitzen sehen“, feuert Silver seine Männer einmal an. Und Hawkins lästert: „Der alte Sack jagt mir keine Angst ein.“ Das Meer ist nicht so blau wie bei Disney, Geistermatrosen gibt es auch keine. Aber das haben wir ja alles gestern schon gesehen. Und so ein wahnsinniger Moretti ist auf jeden Fall besser als ein kopierter Johnny Depp.

          Siehe auch: Richy Müller und Jürgen Vogel im Interview

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