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Fernsehen : Der Stoff, aus dem die Reißer sind

  • -Aktualisiert am

Rätselhaft: das Tuch „Volto Santo” Bild: ZDF/Friedrich Klütsch

Das Gesicht auf dem „Volto Santo“ gilt Gläubigen als authentisches Bildnis Jesu Christi. Ein ZDF-Dokumentarfilm auf den Spuren des „Da-Vinci-Code“ versucht aus dieser Geschichte Medienzauber zu ziehen.

          Herrliche Reisen hat das Team dieser Dokumentation hinter sich gebracht. Man war in Jerusalem und Rom, auf Sardinien, dem Berg Sinai, und natürlich in Manopello, dem süditalienischen Städtchen, wo das „Volto Santo“ aufbewahrt wird, ein Tuch, dessen beiden Seiten ein männliches Gesicht zeigen, das Gläubigen als authentisches Bildnis Jesu Christi gilt - und dessen „Geheimnis“ Friedrich Klütsch, Autor und Regisseur des Films, unter dem Titel „Das Jesus-Foto“ lüften will.

          Manopello also. Warum aber Jerusalem? Weil an Jesu Sterbeort die seinerzeitigen Bestattungsbräuche erforscht werden sollen. So gleitet die Kamera über „Ossuarien“, antike steinerne Knochen-Behältnisse. Sie haben zwar viel mit dem momentanen Rummel um die angebliche Familiengruft Jesu zu tun, aber nichts mit dem Tuch, von dem Klütsch nachweisen will, dass es möglicherweise ein Gesichtsabdruck des Messias ist, entstanden, als bei der Verhüllung des Leichnams der Kopf mit einem separaten Tuch bedeckt wurde.

          Swatch ums Handgelenk

          Also wird in einer weiteren Szene, vollmundig als „Experiment“ angekündigt, ein Statist in Laken gewickelt und sein Kopf gesondert verhüllt. Dann erklärt ein Sprecher ehrfurchtsvoll, nun sei bewiesen, dass die Juden einst ihre Toten derart bestattet hätten. Der geistige Gehalt dieses „Experiments“ wiegt also so schwer wie das eines Archäologen, der zum Beweis der Behauptung, die Römer hätten Armbanduhren besessen, einem heutigen Mann in Toga und Sandalen eine Swatch um das Handgelenk schnallt.

          Es ist lange bekannt, dass man um die Zeitenwende in Israel Tote erst in Leinen hüllte und später deren Knochen in die erwähnten Ossuarien übertrug. Doch derlei Details interessieren den Film nicht. Ihm geht es um einen quotenträchtigen Knüller der Marke „Da-Vinci-Code“. Dabei ist die Geschichte des Volto Santo rätselhaft genug. Er könnte das „Vero Ikon“ sein, das in Alt-St.Peter in Rom als „wahres Antlitz Christi“ ausgestellt worden ist. Es verschwand beim „Sacco di Roma“, der Plünderung Roms durch deutsche und spanische Söldner am 6. Mai 1527. In Manopello, das 1529 Lehen eines der Söldnerführer wurde, wird das Tuch seit 1648 verehrt.

          Bewundertes Artefakt

          Den Ruhm des „Grabtuchs“ von Turin erreichte das Volto Santo nie. Aber es wurde auch nicht, wie der Film unterstellt, verheimlicht. Als am 1. September 2006 Papst Benedikt XVI. Manopello besuchte, brach er damit keineswegs, wie die Kommentare andeuten, ein 1527 vom beraubten Papst Clemens VII. aufgerichtetes Tabu. Er bewunderte lediglich ein Artefakt, das seit Jahrhunderten inbrünstig verehrt wird. Daraus aber lässt sich wenig Medienzauber ziehen.

          Auch nicht aus der Tatsache - die im Film ein Kunsthistoriker bestätigt - dass das Antlitz die unverkennbaren Merkmale niederländischer Gemälde um das späte fünfzehnte Jahrhundert zeigt. Zum Ausgleich spricht eine Trappisten-Nonne, die über das Tuch forscht. Sie hat herausgefunden, dass die Gesichtszüge des Volto Santo exakt mit denen des Turiner Grabtuchs übereinstimmen. Unerwähnt bleibt, dass der Turiner Stoff zweifelsfrei in das dreizehnte Jahrhundert datiert wurde, während das Gewebe aus Manopello tatsächlich im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt entstand.

          Es besteht aus „Muschelseide“, die heute nur noch auf Sardinien hergestellt wird. Eine befragte sardische Weberin gibt die beste Antwort: Das Bildnis sei, egal wann, wo oder von wem, entstanden „weil der Herrgott es so wollte“. Doch wo käme ein gezielt für den Karfreitag produzierter Reißer hin, wollte er sich mit dieser schlichten Weisheit begnügen? Es muss schon etwas Kreuztragung sein mit einem blutenden Jesus auf der Via Dolorosa, oder die Grabeskirche mit ihren goldstrotzenden Wänden, die nichts zur Aufklärung, aber viel zur Stimmung beitragen. Auch das brennende Rom samt brüllenden Landknechten taucht auf, zuletzt noch weitere „geheimnisvolle“ Bilder, die nicht von Menschenhand stammen sollen - Dan Brown ante portas.

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