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Fernsehen : Das Geheimnis der sechs Kisten

Kartenstudium für den nächsten Vorstoß: Erwin Rommel Bild: ZDF/Agentur Karl Höffkes

Das ZDF will mal wieder mehr wissen als alle anderen: Eine zweiteilige Dokumentation über General Erwin Rommel, den „Wüstenfuchs“, spekuliert über versunkenes jüdisches Raubgold.

          Vor rund vierundsechzig Jahren, am 12. Mai 1943, kapitulierte die Wehrmacht in Afrika. Aber in den Jahren zuvor hatte das mit den Italienern verbündete Afrika-Korps unter Erwin Rommel erstaunliche Siege errungen. Ursprünglich sollte Rommel, der am 12. Februar 1941 das Kommando in Tripolis übernahm, nur die Verteidigung stärken, aber er, der sich schon im Ersten Weltkrieg durch kühne Vorstöße im slowenischen Kampfgebiet ausgezeichnet hatte, ging in die Offensive. Man sieht im ZDF Stückchen der deutschen Propaganda von der Einnahme Bengasis - leider nur sehr kurze Ausschnitte, bei „youtube“ findet man die gesamte Wochenschau, einschließlich der jubelnden italienischen Bevölkerung der Kolonie.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die beiden Filme von Jörg Müllner und Jean-Christophe Caron wollen unter anderem zeigen, wie Rommels Ruhm gemacht, produziert, von Goebbels konstruiert wurde. Der „Wüstenfuchs“ war weltweit der bekannteste Deutsche nach Hitler, der am häufigsten gefilmte General. Ein Kameramann, der zuvor für Leni Riefenstahl gearbeitet hatte, wurde nach Nordafrika geschickt; er verstand sein Handwerk, und Rommel seinerseits wusste sich in Szene zu setzen. An einer informativen Stelle wird der Erfolg Rommels auch sozialgeschichtlich gedeutet: Er war einer vom neuen Schlag jener Heerführer, die nicht der Aristokratie entstammten, sondern aus dem Bürgertum kamen, „volksverbunden“ dem Ideal des Nationalsozialismus entsprachen. Der zögernde adlige Generalstäbler wurde das negative Gegenbild.

          Fehlgeschlagene Überraschungsaktion

          Aber mancher im Oberkommando der Wehrmacht neidete ihm seinen Ruhm. Rommels Sohn Manfred, der ehemalige Stuttgarter Oberbürgermeister, erzählt, der Heeres-Generalstabschef Franz Halder habe seinen Vater abgelehnt - „und mein Vater ihn“. Der Kameramann, der den Feldherrn so vorteilhaft ablichtete, wird an die Ostfront versetzt.

          Sand, so weit die Füße tragen: Im Computer hat das ZDF die Verteidigungsanlage der Festung von Tobruk rekonstruiert

          Die Skepsis in Berlin war aber wohl nicht nur auf Neid zurückzuführen. Es hatte große Verluste beim Angriff auf Tobruk gegeben. Sehr zu loben ist die Animation, die das ZDF für die britischen (ursprünglich italienischen) Befestigungswerke um Tobruk hat anfertigen lassen. Andererseits war für die Alliierten, vor allem für die einfachen Soldaten, schon der Name Rommel ein Schrecken. Daher plante man, ein SAS-Spezialkommando auszuschicken, um das gegnerische Haupt in einer Überraschungsaktion sei's gefangen zu nehmen, sei's zu liquidieren. In beiden Fällen wäre der Propagandaerfolg und in der Konsequenz die Stärkung der Truppenmoral ungeheuer gewesen. Allein die Aktion, mit der der Film beginnt, schlug fehl; Rommel war gerade in Rom bei Mussolini.

          Vernichtungspolitik

          Sowohl Ruth Lapide, damals Emigrantin in Palästina, wie Arnold Paucker sprechen von der Angst, die unter den Juden Palästinas angesichts von Rommels Erfolgen um sich griff. Sollte der Holocaust auch auf den Nahen Osten ausgedehnt werden? Paucker behauptet, Rommel müsse von Vernichtungsplänen gewusst haben. Gleichzeitig aber steht fest, dass er gefangene jüdische Fremdenlegionäre deutscher Herkunft entgegen einem Berliner Befehl wie andere Kriegsgefangene behandeln ließ, sie blieben unversehrt.

          Im Juli 1942 kam der Standartenführer Walter Rauff mit einem SS-Stab zunächst nach Athen. Rauff, einer der schlimmsten Kriegsverbrecher, der die Gaswagen hatte bauen lassen, in denen Juden im besetzten Osteuropa ermordet wurden, leitete bis zum Mai 1943 das „Einsatzkommando“ in Nordafrika. Dort war er verantwortlich für die Unterdrückung und Ausplünderung der Juden, „Exekutivmaßnahmen“ gegen die Bevölkerung, wie es im Amtsdeutsch hieß. Man hat aus der gleichlautenden Formulierung für die Einsatzgruppen im Russland-Feldzug geschlossen, dass auch in Nordafrika und vor allem im strategisch anvisierten Palästina die Vernichtungspolitik weitergeführt werden sollte. Dem aber standen, jedenfalls in Nordafrika, die Italiener entgegen, die dort die Oberhoheit beanspruchten. Für Deportationen im großen Stil standen Transportkapazitäten nicht zur Verfügung. So bleibt die These einer ausgedehnten Holocaust-Planung im Bereich des Afrika-Korps weiter umstritten.

          Illusionen statt Fakten

          Rauff machte sich an die Erpressung jüdischer Gemeinden, an Raubzüge und Deportationen. Jüdische Zwangsarbeiter mussten schanzen und Straßen bauen, in Djerba, einem Ort mit langer jüdischer Tradition, wurden fünfzig Kilo Gold mit Erschießungs- und Bombardierungsdrohungen geraubt; ein anderes Mal waren es 88.000 Francs. 2500 tunesische Juden, so der Film, starben in der Zeit der deutschen Besatzung. Andererseits sieht man einen kurzen Farbfilm von einigen hundert tunesischen Wehrmachts-Freiwilligen.

          „Rommels Schatz“ ist also eigentlich wohl Rauffs Schatz. Und nun versucht der zweite Teil des Films, eine Spannung zu erzeugen, die er nicht einlösen kann - denn hätte das ZDF den Schatz geortet, der vor der Küste Korsikas liegen soll, dann wüsste man es längst. „Klaus Keppler hat eine heiße Spur gefunden“, heißt es einmal, vergebens. Immerhin erfährt man manches über die Legende von den sechs Kisten, die auf Walter Kirner zurückgeht, einen SS-Mann, der auch eine Planskizze anfertigte. Aber es stellt sich heraus, dass Kirner die Versenkung nicht beobachtet haben konnte, denn er lag zum fraglichen Zeitpunkt in einem Lazarett an der Ostfront. Schließlich kommt noch die korsische Mafia ins Spiel, die frühere Schatzsucher brieflich bedrohte. Am Ende ist man nur um eine Illusion ärmer.

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