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Fernsehen : Arbeitslos auf ewig

  • -Aktualisiert am

Fünf Personen suchen eine Arbeit Bild: ZDF/Katrin Rothe

Es ist eine Illusion, daß jeder Mensch, der gut ausgebildet und anpassungsfähig ist, in Deutschland Arbeit findet: Die sehenswerte Doku-Serie „Stellmichein!“ erzählt von fünf Menschen, die im Land von Hartz IV einen Job suchen.

          Hundert Bewerbungen verschickt Michael jeden Monat. Seit der Vierundzwanzigjährige die Ausbildung zur IHK-Bürokraft vor einem halben Jahr als einer der Besten seines Jahrgangs mit Auszeichnung abgeschlossen hat, überläßt er nichts dem Zufall oder - was auf das gleiche hinauskommt - den Stellenvermittlern bei der Arbeitsagentur. Michael will arbeiten. Seine Ansprüche an eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt sind realistisch, sein Engagement ist gigantisch.

          Entwickelt hat er neben einer ausgefuchsten Bewerbungsstrategie ein genau strukturiertes Postrücklaufablagesystem. Unablässig fällt ihm etwas ein, um die Effizienz beim Eintüten seiner Unterlagen zu steigern. Gerade ist er auf die Idee verfallen, seine Kenntnisse direkt auf die Bewerbungsumschläge zu drucken. Vermutlich aus Erfahrung, denn nicht selten machen seine Unterlagen einen blütenfrischen Eindruck, wenn sie, mit Standardabsagen versehen, zurückkommen. So sie überhaupt zurückgeschickt werden. Bis jetzt hat Michael nur Absagen erhalten, obwohl jeder Arbeitgeber, der einen Materialverwalter oder Poststellenbetreuer sucht, in ihm den idealen Mann fände. Allerdings hat Michael eine Sehbehinderung. Sie schränkt ihn zwar kaum ein, aber sie steht in seinem Lebenslauf - und ist in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit offenbar Grund genug, ihn nicht einmal zum Gespräch einzuladen. Berufserfahrung rückt so in weite Ferne.

          Entlarvend und erschütternd

          Fünf arbeitswillige Menschen hat Katrin Rothe in ihrer vierteiligen Doku-Soap „Stellmichein!“ fünf Monate lang mit der Kamera bei der Stellensuche im Land von Hartz IV zwischen Unterschichts- und Prekariatsdebatte begleitet. Bewerbungsgespräche, die nicht gefilmt werden durften, läßt sie sich von ihren Protagonisten erzählen und stellt sie lippensynchron im Zeichentrick nach.

          Ihre filmischen Befunde sind ebenso unterhaltsam wie entlarvend und erschütternd. Vor allem jedoch räumen sie mit der Ansicht auf, Menschen, die gut ausgebildet und anpassungsfähig seien, fänden in Deutschland Arbeit. Jeder in „Stellmichein!“ Porträtierte ist bereit, für eine Arbeitsstelle privat zurückzustecken. Bei aller Unterschiedlichkeit der Temperamente, Lebensläufe und Ausbildungswege hat jeder gelernt, sich gut zu verkaufen, auch wenn der Diplomgeograph Hermann trotz etlicher Berufspraktika mitunter zuwenig selbstsicher erscheint und Daniela, die eine Stelle als Sekretärin sucht, sich gelegentlich ohne nachzudenken um Kopf und Kragen redet.

          Niveauvolles Reality-Fernsehen

          Bei Heidrun, die mehr als zwanzig Jahre Berufserfahrung hat, spielt das Alter wohl die entscheidende Rolle. Selbst die privaten Arbeitsvermittler halten es auf ihre hartnäckige Nachfrage hin für sinnlos, daß die energiegeladene Siebenundvierzigjährige sich weiter bewirbt. Wer Heidrun in dem Moment sieht, als sie am Telefon unverblümt dem Alteisen zugeordnet wird, hält das neue Antidiskriminierungsgesetz trotz unerwünschter Begleiterscheinungen für dringend erforderlich. In solchen intimen Momenten, wenn etwa Hermann mit seiner frustrierten Freundin Buket streitet, oder der stellenlose Kommunikationstrainer und Bewerbungscoach Volker sich mit seiner Frau, die für ihren Abschluß lernt, über die Kinderbetreuung auseinandersetzt („Entweder Hartz IV, Arbeitslosigkeit auf ewig, oder du machst die Kinder“), entfernt sich die Kamera (Robert Laatz und Manuel Zimmer) diskret ein Stück. „Niveauvolles Reality-Fernsehen“ will Katrin Rothe und zeigt mit „Stellmichein!“, daß das kein Widerspruch in sich sein muß.

          Katrin Rothe, die sich schon mit der für den Deutschen Fernsehpreis nominierten Dokumentation „Dunkler Lippenstift macht seriöser“ der Stellensuchenden in Deutschland angenommen hat, geht es vor allem um die Schnittstelle zwischen Arbeitswelt und Familie, deren Ausfransungen bei der Arbeitssuche besonders deutlich werden - vor allem, wenn diese täglich mit zermürbenden Absagen verbunden ist. Michael, Hermann, Daniela, Heidrun und Volker sind weder bildungsfern noch lethargisch. Sie haben wenig Geld, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, dürften nach gängiger Definition mithin als arm gelten. Sie jedoch als „Unterschicht“ zu bezeichnen käme übler Nachrede gleich.

          Irgendwann könnten sie es dennoch sein. In jedem Briefumschlag steckt die Hoffnung auf einen Arbeitsplatz. Sie ist gleichermaßen „die Hoffnung auf einen richtigen Platz in der Gesellschaft“, wie Hannelore Hoger, die als Sprecherin mit trockenwarmer Stimmfarbe durch die Doku-Soap führt, am Ende unterstreicht. Leider scheint „Stellmichein!“ beim ZDF als reine Lebenshilfe für bettflüchtige Arbeitslose verstanden worden zu sein. Warum sonst sollte man die sehenswerte Kurzserie ausschließlich nach Mitternacht versenden?

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