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Fernsehdrama : Schmacht fiel über Gotenhafen

Kapitän Kehding und seine Verlobte Erika Bild: ZDF/Conny Klein

Der Untergang der „Wilhelm Gustloff“ im Januar 1945 war die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten. Doch leider ist Joseph Vilsmaiers mit großem Aufwand produzierter Zweiteiler auf eine ganz schlichte, handwerkliche Weise gescheitert: an den Unzulänglichkeiten des Skripts und der Regie.

          Dem deutschen Film wird oft vorgeworfen, er zeige zuwenig Klasse. Er mache alles zu klein, selbst die großen Themen der eigenen, deutschen Geschichte. Er kleckere mit seinen Schauwerten, statt zu klotzen, er schraube die Menschheitsdramen zu Familienquerelen herab. Hitler, der Holocaust, die Mauer, das Wirtschaftswunder, Weimar, Dresden, Berlin - ihr habt doch alles, heißt es in Hollywood. Und was macht ihr daraus? Fernsehfilme!

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Alle diese Vorurteile hätte „Die Gustloff“ nun widerlegen können. Zwar ist auch dieser Film ein Fernsehprojekt, ein Zweiteiler von gut doppelter Spielfilmlänge und entsprechend langer Darstellerliste. Aber der Aufwand - zehn Millionen Euro Budget, knapp hundert Drehtage, davon fünf auf Malta - ist selbst für große Fernsehstücke ungewöhnlich. Und der Stoff, die Geschichte selbst erfüllt alle Voraussetzungen für einen Kracher. Der Untergang des KdF-Dampfers „Wilhelm Gustloff“ am 30. Januar 1945 vor der pommerschen Küste war die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten. Neuntausend Menschen, die Mehrzahl Frauen und Kinder, ertranken damals im eiskalten Ostseewasser, nur zwölfhundert wurden geborgen.

          Gab es Saboteure an Bord des Dampfers?

          Und wie um viele historische Unglücke ranken sich auch um dieses die abenteuerlichsten Gerüchte. Wurde das russische U-Boot, das die „Gustloff“ versenkte, von deutschen Agenten mit Informationen versorgt? Gab es Saboteure an Bord des Dampfers, dessen Rettungsboote zum Teil im Starthafen Gdingen zurückgeblieben, zum Teil vereist und unbrauchbar waren? Bis heute sind solche Theorien weder bestätigt noch widerlegt, aber sie bieten einen vorzüglichen Nährboden für die schrillen Blüten der filmischen Fiktion.

          Sie alle wollen auf die „Gustloff”, die sie nach Kiel bringen soll

          Es sind ja nicht die weltgeschichtlichen Prozesse, die Magenschmerzen der Admirale, die uns an Schiffsuntergängen faszinieren, es sind die Dramen im Unterdeck. Die „Gustloff“-Geschichte bietet sie zuhauf: Flüchtlingstragödien, Soldatenschicksale, Familiensterben, Kinderleid; dazu die letzten, absurden Zuckungen eines untergehenden, in Blut und Trümmern erstickenden Reiches. Das Boot dieses Films ist schon voll, bevor es überhaupt ablegt.

          Leider eine vertane Chance

          Und doch hat Joseph Vilsmaiers „Gustloff“-Zweiteiler seine Chance vertan. Dass es eine eine Chance war, sieht man immerhin in einer einzigen, beiläufigen Szene: Da tönt aus einem Lautsprecher im überfüllten Bauch des Schiffes die Ansprache Hitlers zum 30. Januar, dem zwölften Jahrestag seiner Machtergreifung. Das Dröhnen der gewaltigen Motoren vermischt sich mit dem hohlen Grollen von Hitlers Stimme. Auf der Kapitänsbrücke zittern die Glasscheiben. Draußen sirren die eisernen Schiffskabel im Frost. Nebel zieht auf; das Ende ist nah.

          Man sieht, was Schriftsteller wie Günter Grass (der ihm seine Novelle „Im Krebsgang“ gewidmet hat) an dem „Gustloff“-Stoff fasziniert hat: Er fügt sich fast zwanglos zur Allegorie. In Frank Wisbars „Gustloff“-Film „Nacht fiel über Gotenhafen“, einem der großen Kinokassenschlager des Jahres 1959, entfallen auf die Schiffskatastrophe nur fünf von neunundneunzig Minuten; dennoch fasst sie die ganze lange Handlung in einer großen Metapher zusammen. Man kann aber auch gleich mit der Metapher anfangen und die Geschichte des „Dritten Reiches“ in sie hineinspiegeln. Das war die Idee Joseph Vilsmaiers, seines Produzenten Norbert Sauer (“Bella Block“, „Willenbrock“) und des Drehbuchautors Rainer Berg. Und daran ist Vilsmaiers Regie gescheitert.

          Etwas braut sich zusammen

          Der Film beginnt mit der Ankunft ostpreußischer Flüchtlinge in Gdingen. Mit dabei sind Lilly Simoneit (Dana Vávrová) mit einem toten und einem lebenden Kind und die hochschwangere Marianne (Anja Knauer). Zur gleichen Zeit trifft der Fahrkapitän Hellmut Kehding (Kai Wiesinger) im Hafen ein; er soll die „Gustloff“ nach Kiel bringen. Auf dem Schiff erwarten ihn Johannsen (Michael Mendl) und Petri (Karl Markovics), die ebenfalls Kapitänsränge bekleiden, der eine bei der Handels-, der andere bei der Kriegsmarine. Auch Kehdings Bruder Harald (Heiner Lauterbach) ist da; er macht für die Wehmacht in Gdingen Jagd auf Saboteure.

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