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Fernsehabend zu Maurice Pialat : Das Schweigen des Meisters

Seit er 1987 in Cannes einen Eklat auslöste, hat Maurice Pialat sich zurückgezogen und ist in Deutschland fast vergessen. 3Sat zeigt nun seinen besten Film und eine Dokumentation über den großen französischen Regisseur.

          Unter den großen französischen Filmregisseuren der letzten fünfzig Jahre ist er in Deutschland der unbekannteste. Maurice Pialat, der von 1925 bis 2003 lebte, wurde aber auch in Frankreich nicht durchweg geschätzt. Als er 1968 seinen ersten Spielfilm, „L’enfance nue“ (Die nackte Kindheit), ins Kino brachte, war er schon 43 Jahre alt, und mit der damals noch immer regierenden Nouvelle Vague hatte er nichts am Hut (obwohl François Truffaut den Film mitproduzierte). Das trug ihm die Missachtung der Kritik ein, aber auch die Liebe des Publikums, das hier eine psychologische Erzählweise geboten bekam, die nicht nur auf jeden Manierismus verzichtete, sondern auch Geschichten vorstellte, die mitten aus dem Alltag entnommen schienen, angesiedelt oft abseits der Metropolen, behaftet mit der süßsauren Melancholie des Kleinbürgertums. La France profonde - in Pialat hatte sie ihren Regisseur gefunden.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Auch deshalb hatten es seine Filme - zehn sind es bis 1995 nur geworden - in Deutschland schwer. Wer aber noch einmal sehen will, was Pialats Bedeutung und die Intensität seiner Filme ausmacht, der sollte sich heute Abend auf 3sat seinen besten Film ansehen, „Loulou“ von 1980, mit Isabelle Huppert und Gérard Depardieu in jeweils frühen Hauptrollen. Depardieu sollte noch mehrfach mit Pialat drehen, und als der Regisseur 1983 für „A nos amours“ Sandrine Bonnaire entdeckte, hatte er damit die beiden Schauspieler zusammen, mit denen er das französische Kino zwölf Jahre lang dominieren sollte - wider Willen, wie 1987 die heftigen Reaktionen auf die Vergabe der Goldenen Palme von Cannes an „Sous le soleil de Satan“ (deutsch „Die Sonne Satans“) bewiesen haben. Pialat erwiderte damals dem aufgebrachten Saal mit erhobener Faust: „Wenn Sie mich nicht mögen, kann ich nur sagen, dass ich Sie auch nicht mag.“

          Bewundert, aber nie geliebt

          Diese Szene ist Teil der Dokumentation „Krieg und Stille - Filmarbeit mit Maurice Pialat“, die 3 Sat im Anschluss an „Loulou“ zeigt, und das Verweilen lohnt sich unbedingt. Nicht, weil darin Spektakuläres zu sehen wäre, sondern weil es so Spektakuläres zu hören gibt. Die Filmredakteurin Martina Müller hat für diese Dokumentation vier Gespräche ausgewertet hat, die sie 1996 nach dem Start von Pialats letztem Film „Le Garçu“ (deutsch „Mein Vater, das Kind“) in Paris hatte führen können. Seitdem ruhte das Material, Pialat drehte danach keinen Film mehr, und Interviews gab er höchst ungern. Deshalb ist er selbst auch nicht vertreten, an seine Stelle rücken vier enge Mitarbeiter: Daniel Toscan, der mehrere Filme von Pialat produzierte, der Kameramann Jacques Loiseleux, der dem Regisseur für „Loulou“ aufgezwungen wurde, ihn aber dann so begeisterte, dass die Zusammenarbeit bis zuletzt währte, Loiseleux’ Kollegin Myriam Touzé und der Tontechniker Jean-Pierre Duret.

          Diese vier Gesprächspartner bestreiten hundert der insgesamt 105 Minuten von „Krieg und Stille“ nur durch ihre Erinnerungen. Es ist Fernsehen, wie man es nicht mehr kennt, ohne Mätzchen, sehenswert nur durch die Faszination dessen, was man hört. Einige wenige Filmausschnitte dienen der Veranschaulichung, und es gibt den berüchtigten Auftritt Pialats in Cannes. Er bereitet einen kurz vor Schluss auf die persönlichen Enttäuschungen vor, von denen die Befragten berichten: über die Kompromiss- und entsprechenden Rücksichtslosigkeiten Pialats. Man versteht, wenn Toscan sagt, der Regisseur sei immer nur bewundert, aber nie geliebt worden. Nur hat sich entgegen seiner Voraussage auch nach dem Tod Pialats daran nichts geändert.

          Pialat hasste Anweisungen

          Die ersten anderthalb Stunden jedoch gehören fast ganz der Beschreibung der konkreten Arbeit mit Pialat. Die so konkret gerade nicht war, denn Pialat hasste Anweisungen. Er setzte auf das Verständnis seiner Mitstreiter, denn jede Erläuterung seinerseits hätte deren eigene Bemühungen, die richtige Lösung zu finden, beeinträchtigt. Deshalb gab es als Kommentar auch nie die Bemerkung: „Das ist gut“, sondern immer nur: „Das ist schlecht.“ Denn das ließ weiterhin offen, wie die entsprechende Szene anzugehen war. Ausgerechnet der Tonexperte Duret fasst sein Verhältnis zu Pialat in den Satz: „Unsere Basis war das Schweigen.“

          Geriet etwas nicht zu Pialats Zufriedenheit, konnte er grob bis zur Beleidigung sein. Myriam Touzé erteilte im Gespräch jeder zukünftigen Zusammenarbeit mit dem Regisseur eine Absage, weil sie so enttäuscht von dem Menschen gewesen sei - und 1996 konnte sie noch nicht wissen, dass es keinen Film mehr geben würde. Loiseleux berichtete, dass er für „Satans Sonne“ ein Gespräch zwischen Sandrine Bonnaire und Gérard Depardieu wie üblich auf eigene Verantwortung gedreht habe, um danach von Pialat dadurch gedemütigt zu werden, dass er alle Beteiligten am letzten Drehtag noch einmal zusammenrief, um die Szene noch einmal neu zu inszenieren. Doch in die Endfassung nahm er dann die erste Version.

          Heute hat er den Ruf, seinen Mitarbeitern vor und hinter der Kamera immer das Äußerste abverlangt zu haben. Was das bedeutet, davon bekommt man in Martina Müllers Dokumentation eine Ahnung. Auch davon, wie schwer es mit ihm auszuhalten gewesen sein muss. Aber auch von dem Zauber, den dieser rätselhafte Mann seinen Filmen verlieh. Dass man dafür die Unleidlichkeit nicht braucht, beweist im Kino seit einigen Jahren Michael Haneke, der viel von Pialat gelernt hat.

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