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Fernseh-Zuschauer : Grüß Gott, ich bin Ihr Publikum

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Ob Vox die „Gilmore Girls” nicht weiterproduzieren könne, fragen die Zuschauer Bild: AP

Wenn die Serie „Gilmore Girls“ ausläuft oder der Hummer im Kochtopf stirbt - Fernsehzuschauer können über alles mögliche böse werden. Am Zuschauertelefon erklären Mitarbeiter auch, wo der Moderator seine Krawatte gekauft hat und warum Kinder die siebte Wiederholung einer Sendung gucken.

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          In der vergangenen Woche ist bei Pro Sieben etwas Unglaubliches passiert: Uri Gellers Blackberry ist abgestürzt. So viele Zuschauer haben sich nach der Auftaktshow zu „The Next Uri Geller“ gemeldet, dass das kleine Gerät die Nachrichten kaum alle empfangen konnte, meldete der Sender aufgeregt. „Rufen Sie uns an, wenn bei Ihnen zu Hause auch Unglaubliches passiert“, sagt Moderator Stefan Gödde jetzt jeden Dienstag live im Fernsehen, wenn Geller seine Energien in deutsche Wohnzimmer schickt, um Löffel zu verbiegen, Tische zu verrücken und Uhren wieder zum Laufen zu bringen. Nichts kann Pro Sieben gerade besser brauchen als Zeugen für die vermeintlichen Wunderkräfte seines Quotenstars, der längst als Schwindler enttarnt ist.

          Dabei sind weder verrückte Tische noch verrückte Übersinnlichkeitssimulanten nötig, um das Publikum aus dem Häuschen zu bringen. Bei Vox hat im vergangenen Jahr ein Hummer gereicht. Quicklebendig hat der frühere „Ruck Zuck“-Moderator Jochen Bendel das Tier beim „Perfekten Promi-Dinner“ in den Topf mit dem sprudelnd heißen Wasser gekippt und zur Musik von „Time to Say Goodbye“ gesagt: „Aus Pietätsgründen bitte ich, die Augen zu schließen, und dann geht's mit unserem kleinen Freund zu Ende.“ Später saß er mit seinen Gästen am Tisch und ließ sich loben für die gekonnt zubereitete Delikatesse, die allen ganz vorzüglich mundete. Nur den Zuschauern nicht.

          „Die Anrufer waren wirklich böse mit uns“

          Als Anja Maaßen am nächsten Morgen zur Arbeit kam, hat sie gleich geahnt, dass etwas nicht stimmt. Über hundert Nachrichten waren auf Band gesprochen, und das, obwohl an Wochenenden in der Vox-Zuschauerredaktion sonst immer nur ein paar anrufen. Anschließend klingelte im Minutentakt das Telefon, und aufgeregte Zuschauer beschwerten sich über die vermeintliche Tierquälerei vom Vorabend. Manche drohten mit dem Tierschutz, andere damit, nie wieder Vox einzuschalten, und Eltern erklärten übernächtigt, ihre Kinder hätten nicht schlafen können, weil sie an den armen Hummer denken mussten.

          Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

          „Die Anrufer waren wirklich böse mit uns“, erinnert sich Maaßen. „Manche haben das sachlich geäußert, es gab aber auch welche, die geschrien haben.“ Seit neun Jahren hört Maaßen sich mit zwei Kolleginnen täglich von elf bis zwanzig Uhr am Vox-Zuschauertelefon an, was das Publikum auf dem Herzen hat. An diesem Montag hat sie wieder und wieder erklären müssen, dass ihr das vorabendliche Ableben des Krebstiers zwar leid tue, aber dass Hummer tatsächlich lebendig in den Topf kommen, weil sich sonst Giftstoffe bilden, die für Menschen schädlich sind. Das haben viele nicht gewusst. Und eigentlich war es in diesem Moment auch egal.

          Maaßen ist froh, dass es nicht jeden Tag eine „Hummer-Affäre“ gibt, wie der Vorfall im Sender inzwischen genannt wird. Meist sind es Kleinigkeiten, wegen derer angerufen wird: Zuschauer fragen nach Autogrammen oder wollen wissen, wann eine bestimmte Folge ihrer Lieblingsserie ausgestrahlt wird. Maaßens Aufgabe ist es, all diese Fragen freundlich zu beantworten. Sie hat eine ganz sanfte Telefonstimme, die selbst dann beruhigend wirkt, wenn man sich vorher gar nicht aufgeregt hat. „Es ist ein hochinteressanter Job“, sagt sie. „Man hört so viele Meinungen, und täglich kommen Fragen, die wir noch nie hatten.“

          Wo gibt's die Krawatte?

          Was die Zuschauer alles wissen wollen und worauf sie achten, verblüfft die Redakteure immer wieder. Beim „Perfekten Dinner“ fragen Anrufer, wo es das Geschirr zu kaufen gebe, das ein Kandidat in einer bestimmten Folge auf dem Tisch stehen hatte. Solche Fragen sind auch bei anderen Sendern an der Tagesordnung: Wo kommt das Sofa her, das in der Kulisse steht? Wo kriegt man die Krawatte des Moderators? Und welche Uhr hat seine Kollegin getragen? Die Ansprechpartner in den Zuschauerredaktionen recherchieren das tatsächlich nach. „Manchmal ist man richtig stolz, etwas herausgefunden zu haben, ruft den Kunden an - und der erinnert sich dann gar nicht mehr“, sagt Maaßen. Andere aber gehen ihr Service einkaufen und bedanken sich nachher höflich für die Recherche.

          Nicht immer geht es so friedlich zu. Insbesondere, wenn Serien abgesetzt oder verschoben werden, baden den Ärger hinterher die Zuschauerredaktionen aus. Manchmal geht das schon los, bevor die Serie überhaupt gezeigt wurde. Kabel 1 hat zuletzt die Erfahrung machen müssen, dass treue Fans zwar für stabile Quoten sorgen, aber auch ganz schön hartnäckig sein können. Weil die Ausstrahlung der Mystery-Reihe „Angel“, eine Auskopplung der sehr beliebten Vampirjäger-Serie „Buffy - Im Bann der Dämonen“, vom Sender im vergangenen Jahr ohne konkreten Starttermin angekündigt worden war, wurde in Internetforen zum Senderboykott aufgerufen. „Kabel 1 hat uns für dumm verkauft, deshalb bitte ich euch, sie mit Mails zu bombardieren“, schrieb ein besonders engagierter „Angel“-Fan und veröffentlichte prompt E-Mail-Adressen und Telefonnummern von Pressestelle, Redaktion und Geschäftsführung.

          Selbst bei Werbekunden wurden die „Angel“-Fans vorstellig, um zu fordern, dass diese keine Spots mehr bei Kabel 1 schalten sollten, bis sich der Sender zur Ausstrahlung verpflichte. In München standen die Telefone nicht mehr still, und die E-Mail-Konten liefen über. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt, und „Angel“ läuft tatsächlich bei Kabel 1. Das sei auch nie anders geplant gewesen, sagt Serienredakteur Thomas Hruska. Lediglich der Zeitpunkt der Ausstrahlung habe noch nicht festgestanden, als die Protestlawine losrollte. Hruska sagt: „Die planerischen Zwänge sind den Fans oft nicht bekannt. Man kann das erklären, aber nicht jeder mag sich auch darauf einlassen, das zu akzeptieren.“

          Eine Pause für „Dr. Quinn“

          Dabei bemühen sich die Sender, die Anregungen ihrer Zuschauer sehr wohl zu berücksichtigen. Heike Allerdisse, Leiterin der Zuschauerredaktion bei ProSiebenSat.1, sagt: „Wir werten alle Reaktionen aus und schreiben Berichte, die im ganzen Sender aufmerksam gelesen werden, von der Geschäftsführung bis zur Redaktion.“ Und wenn bei Vox wieder Beschwerdebriefe kommen, Tim Mälzer habe in seiner Kochsendung den Salat mit den Händen gemischt, anstatt ein Salatbesteck zu benutzen, bekommt Mälzer das weitergeleitet. Die Zuschauer sollen nicht das Gefühl haben, bloß als Marktanteile durch die Sender zu geistern.

          Dabei ist es oft gar nicht so einfach, wirklich jede Anfrage ernst zu nehmen. Als bekannt wurde, dass die amerikanische Serie „Gilmore Girls“ eingestellt wird, haben Zuschauer gefragt, warum Vox die Serie nicht weiterproduzieren könne. „Viele glauben uns nicht, dass wir keinen Einfluss auf amerikanische Produktionsfirmen haben“, sagt Maaßen. Einmal hat sich ein Herr am Telefon Sorgen um die Schauspieler von „Dr. Quinn - Ärztin aus Leidenschaft“ gemacht, die öfter wiederholt wurde, und fragte, ob man den Schauspielern nicht endlich mal eine Pause gönnen könnte, so oft, wie sie immer dieselben Folgen jetzt schon hätten nachspielen müssen. Manchmal kommt auch bloß ein Fax an, in dem ein Zuschauer nach der Wettervorhersage für seinen Urlaubsort fragt: „1. KW 2008, Malta. Danke.“

          Bin ich auch zu dick?

          Und dann gibt es die kritischen Fälle, wenn Menschen anrufen, die echte Probleme haben und glauben, das Fernsehen könne ihnen weiterhelfen - jemand, der erzählt: Mir wurden die Kinder weggenommen, was kann man da machen? Oder eine Mutter, die inständig darum bittet, dass das Team von „Wohnen nach Wunsch“ vorbeikommt, weil es bei ihnen ins Kinderzimmer reinregnet und kein Geld für neue Möbel da ist.

          In solchen Notfällen suchen die Redakteure Nummern von Institutionen heraus, die wirklich helfen können. Schwierig zu trösten sind Zuschauer, für die es zum ernsten Problem wird, dass Sendungen abgesetzt werden, weil sie nichts anderes haben als diese Gewohnheit. „Es ist schon erstaunlich, wie stark sich manche von einzelnen Serien abhängig machen“, sagt Maaßen. Aber wie hilft man am Telefon einer Frau, die glaubt, in der Schauspielerin einer US-Serie eine Ersatzmutter gefunden zu haben - und wieder verloren, wenn sie aus dem Programm genommen wird?

          Auch beim Kinderkanal von ARD und ZDF gibt es regelmäßig Anrufe, die weniger mit dem Programm als vielmehr mit den Sorgen und Nöten der jungen Zuschauer zu tun haben: Ich hab' mich verliebt, was soll ich tun? Oder: Bin ich zu dick? Um die Kinder angemessen betreuen zu können, arbeitet der Kika mit der Telefonseelsorge zusammen, an die junge Anrufer weitergereicht werden können. Kleinere Problemchen kann das Kika-Team selbst lösen und ist dafür von einem Berater der Seelsorge geschult worden.

          Die Vorstellungen von Eltern und Kindern sind ziemlich verschieden

          Wenn es tatsächlich ums Programm geht, ist das für die zwanzig Mitarbeiter in der Kika-Zuschauerredaktion oft auch kein leichter Job, denn die Vorstellungen von Eltern und Kindern sind ziemlich verschieden: „Manchmal beschweren sich Eltern, dass wir Sendungen so schnell wiederholen. Aber die Kinder lieben das - und rufen an, wenn wir uns zu lange Zeit damit lassen“, sagt Yvonne Leifheit, Leiterin der Kika-Zuschauerredaktion. Immerhin ist die Chance, mit seinem Protest etwas zu erreichen, ziemlich groß, weil beim Kika nicht auf Werbeplazierungen Rücksicht genommen werden muss. Leifheit sagt: „Wenn es sehr viele Reaktionen zu Sendeplatzverschiebungen gibt, reagiert unsere Programmplanung und überlegt, das zu ändern.“

          Ob groß oder klein, dem Publikum ist es wichtig, gehört zu werden, vor allem von einem Medium, das für viele dieselbe Bedeutung hat wie ein guter Bekannter oder ein alter Freund. Von dem erwartet man ja auch nicht, dass er plötzlich Rituale umwirft oder Besuche andauernd verschiebt.

          Manchmal hilft das Fernsehen sogar beim Glücklichwerden. Wenn Zuschauer anrufen, die sich unsterblich in einen der Kandidaten beim „Perfekten Dinner“ verliebt haben, gibt Anja Maaßen zwar keine Telefonnummern oder Adressen raus. Aber sie leitet gerne Liebesbriefe weiter. Von Zeit zu Zeit finden sich so tatsächlich zwei Menschen, die sich später noch einmal am Zuschauertelefon melden und ganz herzlich bedanken. „Wir haben schon tolle Zuschauer“, findet Maaßen. „Das kann man nicht anders sagen.“

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