https://www.faz.net/-gqz-wep3

Fernseh-Zuschauer : Grüß Gott, ich bin Ihr Publikum

  • -Aktualisiert am

Ob Vox die „Gilmore Girls” nicht weiterproduzieren könne, fragen die Zuschauer Bild: AP

Wenn die Serie „Gilmore Girls“ ausläuft oder der Hummer im Kochtopf stirbt - Fernsehzuschauer können über alles mögliche böse werden. Am Zuschauertelefon erklären Mitarbeiter auch, wo der Moderator seine Krawatte gekauft hat und warum Kinder die siebte Wiederholung einer Sendung gucken.

          6 Min.

          In der vergangenen Woche ist bei Pro Sieben etwas Unglaubliches passiert: Uri Gellers Blackberry ist abgestürzt. So viele Zuschauer haben sich nach der Auftaktshow zu „The Next Uri Geller“ gemeldet, dass das kleine Gerät die Nachrichten kaum alle empfangen konnte, meldete der Sender aufgeregt. „Rufen Sie uns an, wenn bei Ihnen zu Hause auch Unglaubliches passiert“, sagt Moderator Stefan Gödde jetzt jeden Dienstag live im Fernsehen, wenn Geller seine Energien in deutsche Wohnzimmer schickt, um Löffel zu verbiegen, Tische zu verrücken und Uhren wieder zum Laufen zu bringen. Nichts kann Pro Sieben gerade besser brauchen als Zeugen für die vermeintlichen Wunderkräfte seines Quotenstars, der längst als Schwindler enttarnt ist.

          Dabei sind weder verrückte Tische noch verrückte Übersinnlichkeitssimulanten nötig, um das Publikum aus dem Häuschen zu bringen. Bei Vox hat im vergangenen Jahr ein Hummer gereicht. Quicklebendig hat der frühere „Ruck Zuck“-Moderator Jochen Bendel das Tier beim „Perfekten Promi-Dinner“ in den Topf mit dem sprudelnd heißen Wasser gekippt und zur Musik von „Time to Say Goodbye“ gesagt: „Aus Pietätsgründen bitte ich, die Augen zu schließen, und dann geht's mit unserem kleinen Freund zu Ende.“ Später saß er mit seinen Gästen am Tisch und ließ sich loben für die gekonnt zubereitete Delikatesse, die allen ganz vorzüglich mundete. Nur den Zuschauern nicht.

          „Die Anrufer waren wirklich böse mit uns“

          Als Anja Maaßen am nächsten Morgen zur Arbeit kam, hat sie gleich geahnt, dass etwas nicht stimmt. Über hundert Nachrichten waren auf Band gesprochen, und das, obwohl an Wochenenden in der Vox-Zuschauerredaktion sonst immer nur ein paar anrufen. Anschließend klingelte im Minutentakt das Telefon, und aufgeregte Zuschauer beschwerten sich über die vermeintliche Tierquälerei vom Vorabend. Manche drohten mit dem Tierschutz, andere damit, nie wieder Vox einzuschalten, und Eltern erklärten übernächtigt, ihre Kinder hätten nicht schlafen können, weil sie an den armen Hummer denken mussten.

          Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

          „Die Anrufer waren wirklich böse mit uns“, erinnert sich Maaßen. „Manche haben das sachlich geäußert, es gab aber auch welche, die geschrien haben.“ Seit neun Jahren hört Maaßen sich mit zwei Kolleginnen täglich von elf bis zwanzig Uhr am Vox-Zuschauertelefon an, was das Publikum auf dem Herzen hat. An diesem Montag hat sie wieder und wieder erklären müssen, dass ihr das vorabendliche Ableben des Krebstiers zwar leid tue, aber dass Hummer tatsächlich lebendig in den Topf kommen, weil sich sonst Giftstoffe bilden, die für Menschen schädlich sind. Das haben viele nicht gewusst. Und eigentlich war es in diesem Moment auch egal.

          Maaßen ist froh, dass es nicht jeden Tag eine „Hummer-Affäre“ gibt, wie der Vorfall im Sender inzwischen genannt wird. Meist sind es Kleinigkeiten, wegen derer angerufen wird: Zuschauer fragen nach Autogrammen oder wollen wissen, wann eine bestimmte Folge ihrer Lieblingsserie ausgestrahlt wird. Maaßens Aufgabe ist es, all diese Fragen freundlich zu beantworten. Sie hat eine ganz sanfte Telefonstimme, die selbst dann beruhigend wirkt, wenn man sich vorher gar nicht aufgeregt hat. „Es ist ein hochinteressanter Job“, sagt sie. „Man hört so viele Meinungen, und täglich kommen Fragen, die wir noch nie hatten.“

          Wo gibt's die Krawatte?

          Weitere Themen

          „Wissen kann Ängste nehmen“

          Kika-Moderator Eric Mayer : „Wissen kann Ängste nehmen“

          Eric Mayer moderiert seit zwölf Jahren die Kindersendung „Pur+“ auf dem Kinderkanal. Im Interview spricht er über die Vermittlung von Fakten, warum Mädchen genauso interessiert sind wie Jungs, und wie man Kindern Corona erklärt.

          Theater kann Leben retten

          Forced Entertainment : Theater kann Leben retten

          Die Performergruppe Forced Entertainment versucht, trotz aller Widrigkeiten weiter Kunst zu machen – mit den Mitteln, die eben gerade zur Verfügung stehen. Mit „Tabletop Shakespeare At Home“ unterhält sie Zuschauer in aller Welt.

          Topmeldungen

          Kritisierte Meuthens Rede als „spalterisch“: der Vorsitzende der Bundestagsfraktion und AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland

          AfD-Parteitag : Gauland schlägt zurück

          Für seine Kampfansage an die Radikalen muss der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen heftige Kritik einstecken. Fraktionschef Alexander Gauland rügt Meuthens Rede als „Verbeugung vor dem Verfassungsschutz“ – dabei müsse die AfD gegen diesen „kämpfen“.

          Pressefreiheit in Frankreich : Macrons Doppelmoral

          Es ist gut, dass der französische Präsident Karikaturen gegen Zensurversuche im Namen der „politischen Korrektheit“ verteidigt. Doch er wäre glaubwürdiger, wenn er die Pressefreiheit nicht an anderer Stelle selbst einschränken würde.
          Kaum zu glauben: Marco Reus unterliegt mit der Borussia gegen Köln.

          Überraschende BVB-Pleite : Dortmunder Debakel gegen Krisenklub

          Mit einem Sieg hätte die Borussia an der Bundesliga-Tabellenspitze Druck auf den FC Bayern machen können. Stattdessen unterliegt der BVB dem abgeschlagenen 1. FC Köln. Erling Haaland vergibt in der Nachspielzeit eine Großchance.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.