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Satire in Frankreich : Der Präsident frisst, sein Herausforderer schaut Fußball

Who is Who: Die „Guignols“ stellen Frankreichs erste Riege dar. In diesem Fall sind das Ségolène Royal, Francois Bayrou (Mitte) und Nicolas Sarkozy. Bild: AFP

Frankreichs beliebteste Fernseh-Satire ist eine Puppenshow: „Les Guignols de l’ info“ sollten abgeschafft werden. Jetzt sind wieder da, aber wo ist ihr Biss geblieben?

          2 Min.

          Im Trailer der Sendung huscht Wladimir Putin vorüber. Donald Trump und Kim Kardashian waren ebenfalls angekündigt, auch Justin Bieber sollte auftreten: Nach sechs Monaten Sendepause sind die Puppen der legendären Satiresendung „Les Guignols de l’info“ am Tag nach der Regionalwahl in Frankreich auf den Bildschirm zurückgekehrt. Der Wahl war das Comeback der Nachrichten-Satire gewidmet.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Zu Beginn der Sommerpause hatte Vincent Bolloré, der neue starke Mann des Vivendi-Konzerns, das Ende der „Guignols de l’info“ verkündet. Jahrzehntelang war die Show von dem Bezahlsender Canal+ parallel zu den Nachrichten von TF1 und France 2 ausgestrahlt worden - frei empfangbar auch für Nichtabonnenten. Keine böse Anspielung und auch Geschmacklosigkeit haben ihre Autoren ausgelassen. Das Spitzenpersonal der französischen Politik führten sie regelmäßig vor - als korrupte Hampelmänner, grenzenlos ehrgeizig, eitel und von beschränkter Intelligenz.

          Gradmesser der Meinungsfreiheit

          Die aufwendige Produktion - das Jahresbudget der Sendung beträgt 25 Millionen Euro - ist in ihrer Herangehensweise mit der Zeitschrift „Charlie Hebdo“ vergleichbar. Auch die „Guignols“ sind ein Gradmesser der Meinungsfreiheit. Das Volk darf sich über die Schwächen und Peinlichkeiten der Mächtigen lustig machen. Einer ganzen Generation sind die französischen Spitzenpolitiker vor allem durch ihre Karikaturen der „Guignols de l’info“ überhaupt erst vertraut geworden. Der in der Sendung gepflegte scharfzüngige, nichts respektierende Humor gehört zur besten französischen Tradition. Dass er beim Publikum noch immer so beliebt ist, für unentbehrlich gehalten wird und unbedingt notwendig erscheint, beweist nur, wie schwer dem Land der Schritt von der verkrampften monarchistischen Republik zu einer entspannten Demokratie fällt.

          Der Protest gegen das Ende der „Guignols“ jedenfalls fiel so heftig aus, dass Bolloré seine Entscheidung revidieren musste. Doch gab er nicht ganz klein bei: Er hat die Einstellung der neuen Autoren persönlich überwacht und ihnen genaue Richtlinien diktiert. Die Sendung läuft nun später - erst nach den Nachrichten - und wird nur verschlüsselt ausgestrahlt. Frei empfangbar bleibt der Zusammenschnitt am Wochenende. Dafür wird die täglich laufende Satireshow sehr schnell ins Internet gestellt: Über „Daily Motion“, Frankreichs Youtube, dessen Eigentümer Vivendi ist, will man sie international vermarkten. Sie soll auch auf Englisch und Spanisch produziert werden, vorerst versucht man es mit Untertiteln. Auch der geplanten internationalen Ausstrahlung wegen bekommt die Sendung ein ganz anderes Puppen-Personal: Das gallische Dorf soll zum global village werden.

          In ihrer neuen Ausgabe warten die „Guignols“ mit Putin, Obama und Trump auf.

          Auf Putin und Trump müssen die Zuschauer noch warten. Zlatan Ibrahimović war in der ersten Ausgabe der einzige Nichtfranzose - wegen Nicolas Sarkozy, der sich (in der Show) nicht für die Wahlresultate, sondern einzig für das Spitzenspiel des PSG gegen Lyon interessierte. Auch François Hollande wurde vorgeführt: beim Schlemmen, nach seiner Freundin Julie (Gayet) rufend. Die Wahl war Anlass zu einem Remake des Kultfilms „Willkommen bei den Sch’tis“ als Familienstreit bei den Le Pens: Der Opa darf noch einmal seine Verharmlosung der Gaskammern „als Detail“ der Geschichte zum Besten geben und die Tochter die Gebete der Muslime auf den Straßen mit der deutschen Besatzung vergleichen. Dieser Sketch war der Höhepunkt der nur zehn Minuten langen Sendung. Er wirkte wie eine Konserve und ziemlich banal. Ein Bild von den neuen „Guignols“ wird man sich erst im Laufe der nächsten Tage machen können: wenn der Erwartungsdruck nachlässt, die Autoren die Schere im Kopf (hoffentlich) vergessen und spontan auf die Aktualität reagieren müssen.

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